{"error":0,"data":{"bloglist":[{"blog_dataid":"89","blog_title":"Botschafter Bao Baos lange Mission im Westen","blog_date":"2026-03-12","blog_author":"Nadir Weber, Bern","blog_leadtext":"Die Bio­gra­fie von Bao Bao und ande­ren Tier­ge­schen­ken ist stets auch eine Geschich­te von men­sch­li­chen Zusch­rei­bun­gen. Wenn­g­leich der »point de vue ani­mal« (Éric Bara­t­ay) damit nur bedingt rekon­stru­iert wer­den kann, so lohnt sich der Annähe­rungs­ver­such doch, um wei­te­re Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge in der Geschich­te der Dip­lo­ma­tie und der Mensch-Tier-Bezie­hun­gen frei­zu­le­gen.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"89","blog_tagname":"Diplomatie in Gesellschaft","blog_tagid":"21"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"237","referencetext":"Vgl. Nadir Weber: »Lebende Geschenke: Tiere als Medien der frühneuzeitlichen Außenbeziehungen«, in: Peter Hoeres, Anuschka Tischer (Hg.): Medien der Außenbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart<\/i>, Köln, Weimar, Wien: Böhlau (2017), S. 160–180, https:\/\/doi.org\/10.7788\/9783412508500-011<\/a>.
","referenceposition":"1"},{"referenceid":"238","referencetext":"Artikel zum Pandabären Bao Bao auf Wikipedia:
https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bao_Bao<\/a>.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"239","referencetext":"Éric Baratay: Le point de vue animal: Une autre version de l'histoire<\/i>, Paris : Seuil (2012); siehe auch Éric Baratay: Animal Biographies: Toward a History of Individuals<\/i>, Athens: University of Georgia Press (2022 [frz. Erstausgabe 2018]); André Krebber, Mieke Roscher (Hg.): Animal Biography: Re-Framing Animal Lives<\/i>, Cham: Palgrave MacMillan (2018).","referenceposition":"3"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"89","blog_listelementid":"222","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"89","replicheadline":"Botschafter Bao Baos lange Mission im Westen","replictext":"Eindrücklich zeigt der Beitrag von Britta-Marie Schenk, wie sich der scheinbar harmlose Freizeitort Zoo in eine Bühne der Weltdiplomatie verwandeln kann. Acht Jahre lang lobbyierte der umtriebige Zoodirektor Heinz-Georg Klös hinter den Kulissen, um die Unterstützung zweier Bundesregierungen – inklusive Kanzlergattin – und schließlich der chinesischen Staatsführung unter Deng Xiaoping für sein großes Anliegen zu gewinnen: die Übergabe zweier Pandas an den Westberliner Zoo im November 1980. Der vor der globalen Medienöffentlichkeit inszenierte Akt stand stellvertretend für die verbesserten Beziehungen zwischen den beiden Mächten und Chinas vorsichtige Öffnung zum Westen.
Die Großen Pandas waren und sind symbolisch mehrfach aufgeladen. Im Westen wurden die putzigen, aber gefährdeten »Bambusbären« spätestens mit der Wahl zum Logo des WWF (1961) zur »charismatischen Art« par excellence und zum Symbol globaler Artenschutzanstrengungen. China wiederum wusste sich dieses öffentliche Interesse zu Nutze zu machen, indem es die exklusiv auf dem heimischen Territorium beheimateten Tiere seit den 1950er Jahren für seine Diplomatie einsetzte. Als Imagebotschafter waren sie nicht nur ihrer Seltenheit und Schönheit wegen geeignet, sondern auch aufgrund ihres Verhaltens: stark, aber friedvoll, so wollte auch das politische China wahrgenommen werden.
Aufgrund solcher Zuschreibungen wurden Tiere seit der Antike gerne als lebende Geschenke zwischen Herrscher*innen eingesetzt. Im Idealfall setzten die feierlich überbrachten Pferde, Falken oder Elefanten nach dem Ende einer Mission das Werk der Gesandten fort, indem sie sich die Gunst der Herrscherin oder des Herrschers sicherten und damit auch stets die Freundschaft des fernen Schenkenden in Erinnerung riefen. Von den drei Grundaufgaben von Botschafter*innen – Repräsentieren, Verhandeln, Berichten – nahmen sie also immerhin die erste wahr. Darin liegt ihr Potenzial und zugleich ein Risiko, denn spontanes Verhalten hat stets das Zeug zum Eklat.
Die prächtigen, mit bestickten Hauben geschmückten nordischen Gerfalken, die kurz nach ihrer Ankunft am Fürstenhof kläglich verenden oder aber während der Jagd das Weite suchen. Der Elefant aus dem Kongo, der in Versailles Besucher*innen angreift und die Menagerie des »Sonnenkönigs« Ludwig XIV. demoliert. Oder – jüngeren Datums – der als diplomatisches Geschenk nach Bern gelangte russische Braunbär, der im Bärenpark vor den Augen entsetzter Zuschauer*innen die eigenen Jungen attackiert und tötet: Alles ist schon vorgekommen. Für sich genommen erscheinen solche Ereignisse anekdotisch. Aus der Perspektive der Historical Human-Animal Studies sind sie aber dennoch aufschlussreich, weil sich darin die spezifische Agency von Tieren zeigt.1<\/sup>
Über das Leben des Pandapaars Tjen Tjen (天天,»Himmelchen«) und Bao Bao (宝宝, »Schätzchen«) erfahren wir im vorliegenden Beitrag die Tatsache, dass »Himmelchen« nach kurzer Zeit in Berlin verstarb und sich damit Zoodirektor Klös’ Hoffnung auf Pandanachwuchs vorderhand zerstörte. Der frühe Tod des Pandaweibchens war insofern ein öffentliches und diplomatisches Ereignis, als er – wie Britta-Marie Schenk aufzeigt – Anlass gab zu kritischen Medienberichten, erneuten Beschaffungsinitiativen und womöglich auch einigen Fragezeichen auf chinesischer Seite, ob das wertvolle diplomatische Geschenk vom Empfänger denn auch angemessen behandelt worden sei.
Folgen wir dem ausführlichen biografischen Beitrag zu Bao Bao auf Wikipedia,2<\/sup> so dauerte der Aufenthalt des Pandamännchens in Deutschland jedoch erheblich länger als jener seiner Partnerin – und auch aller seither akkreditierten chinesischen Botschafter: Erst am 22. August 2012 verstarb »Schätzchen« als weltweit ältester Zoopanda in der nun längst wiedervereinigten Stadt Berlin. Während seines langen Lebens war er zwischen 1991 und 1993 an den Londoner Zoo ausgeliehen worden. Von 1995 bis 2007 lebte er ein zweites Mal mit einem Weibchen – Yan Yan (妍妍, »die Schöne, Niedliche«) – im Berliner Zoo zusammen, die er erneut überlebte. Ein Tierpfleger, der ihn fast dreißig Jahre lang gepflegt hatte, lobte ihn in späten Jahren als »zuverlässigen Kumpel ohne Hintergedanken«.
Erfüllte Bao Bao mit seiner Langlebigkeit und seinem friedvollen Wesen manche Erwartungen, die an ihn gestellt wurden, so lag über seiner mehr als dreißigjährigen Mission im Westen doch der Schatten des Scheiterns: Keiner der zahlreichen Paarungsversuche führte zum Erfolg. Seiner designierten, aber mäßig interessierten Partnerin in London hatte er ein Ohr abgebissen. Zurück in Berlin, gaben eigens angereiste chinesische Züchtungsexpert*innen dem Paarungsunwillen des inzwischen schwer übergewichtigen Bao Bao die Schuld am mangelnden Nachwuchs der Leihgabe Yan Yan. Auch alle Versuche einer künstlichen Befruchtung scheiterten. So taugte »Schätzchen« in den Augen von Zoos, Diplomatie und Medienöffentlichkeit für vieles, aber kaum als Symbol einer »fruchtbaren Zusammenarbeit«.
Die Biografie von Bao Bao und anderen Tiergeschenken ist stets auch eine Geschichte von menschlichen Zuschreibungen. Wenngleich der »point de vue animal« (Éric Baratay) damit nur bedingt rekonstruiert werden kann, so lohnt sich der Annäherungsversuch doch, um weitere Wirkungszusammenhänge in der Geschichte der Diplomatie und der Mensch-Tier-Beziehungen freizulegen.3<\/sup> Im langen Leben eines Großen Pandas, der 1980 in einem Schutzgebiet in Sichuan gefangen wurde, um die chinesisch-deutschen Beziehungen zu festigen, und danach zur populären Zooattraktion, zum erfolglosen Agenten von Artenschutzprojekten und schließlich postum zum Ausstellungsexponat in einem Naturkundemuseum wurde, spiegeln sich Momente der Macht und der Ohnmacht, von Empathie und Objektivierung, auf jeden Fall aber die Ambivalenzen einer vielfach vernetzten Welt.
","replicauthor":"Nadir Weber, Bern","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache_05_Replik_BaoBao.pdf","chaptername":"Pandadiplomatie","chapterid":"121","partid":"74","bookid":"15","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"90","blog_title":"Der Völkerbund und die »Waffe der Öffentlichkeit«","blog_date":"2026-03-12","blog_author":"Jonathan Voges, Potsdam","blog_leadtext":"Mit der »wea­pon of pub­li­ci­ty« im Rücken, so Zim­mern in einem wei­te­ren Auf­satz schon ein Jahr zuvor, kön­ne es gelin­gen, den Völ­ker­bund zu dem Macht­fak­tor zu machen, als den man ihn 1920 ent­wor­fen habe.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"90","blog_tagname":"Diplomatie in Gesellschaft","blog_tagid":"21"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"233","referencetext":"Alfred Zimmern: »The Testing of the League«, in: Foreign Affairs<\/i> 14 (1936), S. 373–386.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"234","referencetext":"Alfred Zimmern: »The League’s Handling of the Italo-Abyssinien Dispute«, in: International Affairs<\/i> 14 (1935), S. 751–768.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"235","referencetext":"Jörg Requate, Martin Schulze Wessel: »Europäische Öffentlichkeit: Realität und Imagination einer appellativen Instanz«, in: Jörn Requate, Martin Schulze Wessel (Hg.): Europäische Öffentlichkeit: Transnationale Kommunikation seit dem 18. Jahrhundert<\/i>, Frankfurt am Main, New York 2002, S. 11–39.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"236","referencetext":"Deshalb sprich Egerton auch vom »Mythos der kollektiven Sicherheit« – womit aber nicht gesagt sein soll, dass ein Mythos wirkungslos zu sein hat. George W. Egerton: »Great Britain and the League of Nations. Collective Security as Myth and History«, in: United Nations Library (Hg.): The League of Nations in Retrospect; Proceedings of the Symposium<\/i>, Berlin, New York 1983 (= United Nations Library Geneva Serial Publications. Series E: Guides and Studies 3), S. 95–117.","referenceposition":"4"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"90","blog_listelementid":"223","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"88","replicheadline":"Der Völkerbund und die »Waffe der Öffentlichkeit«","replictext":"1936 versuchte sich der zum Politikwissenschaftler avant la lettre<\/i> mutierte Altphilologe und seines Zeichens lange Zeit Vizedirektor des völkerbundeigenen Internationalen Instituts für Geistige Zusammenarbeit in Paris Alfred Zimmern an einer Evaluation der Aktivitäten seines ehemaligen Arbeitgebers – mit aus heutiger (und wahrscheinlich auch aus zeitgenössischer) Perspektive erstaunlichen Ergebnissen: So schlecht habe man den Abessinienkrieg gar nicht bearbeitet, lautete Zimmerns These, angerostet sei die Genfer Maschinerie zwar, nicht aber zerbrochen: »It is the vista of the future. The Geneva machinery is no doubt a ponderous and rusty apparatus, which proceeds on its path with a great deal of creaking and spluttering. But if it is difficult to roll it forward, it is equally difficult – perhaps even more difficult – to roll it backwards.«
Was Zimmern vor allem herausstrich, war, dass der Konflikt eines deutlich gemacht habe – dass der Völkerbund in der öffentlichen Meinung eine Rolle spiele. Der Abessinienkrieg sei so »a turning point in the history of the democratic control of foreign affairs – one might go further and say of democracy itself. [...] For the first time since the League machinery was set up in Geneva in 1920 the League is known and felt to be a power. [...] It has teeth. [...] The demonstration that the League is not merely a piece of machinery in Geneva but a reality in the hearts and minds of the people in the leading member-states, great and small alike, both in Europe and overseas, is an immense addition of strength to the League and to the governments associated together in upholding the Covenant.«1<\/sup>
Das Bild, das Zimmern so von der Zukunft des Völkerbundes und der kollektiven Sicherheit entwarf, war sicher kein rosiges, aber immerhin auch kein rabenschwarzes. Mit der »weapon of publicity« im Rücken, so Zimmern in einem weiteren Aufsatz schon ein Jahr zuvor,2<\/sup> könne es gelingen, den Völkerbund zu dem Machtfaktor zu machen, als den man ihn 1920 entworfen habe.
Jörg Requate und Martin Schulze Wessel haben nunmehr schon vor über zwanzig Jahren die europäische Öffentlichkeit als eine »imaginierte Appellationsinstanz« entworfen.3<\/sup> Ähnliches kann man sicher auch schon für die über den Völkerbund organisierte und so nicht nur imaginierte, sondern auch geschaffene Weltöffentlichkeit, sagen. Und die internationale Organisation bedurfte genau einer solchen Öffentlichkeit, waren doch gerade die Paragrafen der Völkerbundsatzung, die den Konfliktfall regelten, wenig verbindlich ausgestaltet. Sie beruhten darauf, dass der Völkerbund Empfehlungen aussprechen konnte, die Nationalstaaten zu Handlungen zwingen, vermochte er dagegen nicht.4<\/sup>
Das hieß auch, dass ohne breite Unterstützung der – im besten Fall demokratisch regierten – Bevölkerungen kollektive Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte. Dass es nun Privatpersonen auf sich nahmen, dem Völkerbund zu schreiben und sich und ihre ureigenen Kompetenzen (und seien es esoterische Kräfte) als friedensstiftende Hilfsmittel ins Spiel brachten, zeugt davon, dass die Aufforderungen zur Mithilfe nicht umsonst waren, sondern erwidert wurden. Der Völkerbund wurde so ganz augenscheinlich nicht nur zu einer Instanz, an die sich die Appelle der hoffnungsfrohen Schreiber*innen richteten, sondern die auch Appelle genau zu solchen Aktivitäten aussandte. Dass diese Briefe dann derart dilatorisch behandelt und mit »no action« versehen wurden, ist aus verwaltungstechnischer Perspektive vielleicht verständlich, war aus politisch-moralischer dagegen aber eventuell verhängnisvoll.
","replicauthor":"Jonathan Voges, Potsdam","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache_05_Replik_Voelkerbund.pdf","chaptername":"Kollektive Sicherheitspolitik","chapterid":"226","partid":"89","bookid":"15","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"91","blog_title":"Welches Geschlecht hat die Diplomatie?","blog_date":"2026-03-12","blog_author":"Maximilian Klose, Freiburg i.B.","blog_leadtext":"Der sich abzeich­nen­de Nie­der­gang der »femi­nis­ti­schen Außen­po­li­tik« als exp­li­zi­ter Agen­da mar­kiert somit nicht das Ver­schwin­den von Gesch­lech­ter­dy­na­mi­ken in der Dip­lo­ma­tie, son­dern deren Rück­kehr in die schein­ba­re Unsicht­bar­keit – wodurch die männ­li­che Norm erneut zur »Werkein­stel­lung« der Dip­lo­ma­tie zu wer­den droht.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"91","blog_tagname":"Diplomatie in Gesellschaft","blog_tagid":"21"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"223","referencetext":"R. W. Connell: Masculinities<\/i>, Berkeley: University of California Press (1995), S. 76–81. Das Konzept wurde seit der Erstveröffentlichung mehrfach diskutiert und unter anderem von Connell selbst konzeptionell ausgearbeitet. R. W. Connell, James W. Messerschmidt: »Hegemonic Masculinity: Rethinking the Concept«, in: Gender & Society<\/i> 19\/6 (2005), S. 829–859.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"224","referencetext":"Markus Mösslang, Torsten Riotte: »Introduction: The Diplomats’ World«, in: Markus Mösslang, Torsten Riotte (Hg.): The Diplomats' World: A Cultural History of Diplomacy, 1815–1914<\/i>, Oxford: Oxford University Press (2008), S. 3, 12–13.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"225","referencetext":"Für eine detaillierte Analyse des Eulenburg-Skandals, seiner transnationalen Verflechtungen und seiner Deutung als Spiegel deutscher Männlichkeitsvorstellungen und sozialer Ordnung im Kaiserreich siehe Norman Domeier: Der Eulenburg-Skandal: Eine politische Kulturgeschichte des Kaiserreichs<\/i>, Frankfurt am Main: Campus (2010).","referenceposition":"3"},{"referenceid":"226","referencetext":"Eiko Ikegami: The Taming of the Samurai: Honorific Individualism and the Making of Modern Japan<\/i>, Cambridge: Harvard University Press (1995).","referenceposition":"4"},{"referenceid":"227","referencetext":"Gregory M. Pflugfelder: »The Nation-State, the Age\/Gender System, and the Reconstitution of Erotic Desire in Nineteenth-Century Japan«, in: The Journal of Asian Studies<\/i> 71\/4 (2012), S. 963–974.","referenceposition":"5"},{"referenceid":"228","referencetext":"Takashi Fujitani: Splendid Monarchy: Power and Pageantry in Modern Japan<\/i>, Berkeley: University of California Press (1996), S. 173–174.","referenceposition":"6"},{"referenceid":"229","referencetext":"Jason G. Karlin: Gender and Nation in Meiji Japan: Modernity, Loss, and the Doing of History<\/i>, Honolulu: University of Hawaii Press (2014), S. 21–22.","referenceposition":"7"},{"referenceid":"230","referencetext":"Gregory M. Pflugfelder: »The Nation-State, the Age\/Gender System, and the Reconstitution of Erotic Desire in Nineteenth-Century Japan«, in: The Journal of Asian Studies<\/i> 71\/4 (2012), S. 972–973.","referenceposition":"8"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"91","blog_listelementid":"224","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"86","replicheadline":"Welches Geschlecht hat die Diplomatie?","replictext":"Kaum ein Konzept hat in den vergangenen Jahren so schnell an Popularität gewonnen und wieder verloren wie die »feministische Außenpolitik«. 2014 von der schwedischen Außenministerin Margot Wallström verkündet, sollte sie die Diplomatie konzeptionell und personell reformieren: mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Engagement für Frauenbildung und strengeres Vorgehen gegen sexualisierte Gewalt. Neben Schweden bekannten sich Regierungen in Deutschland, Kanada, Spanien und Mexiko zu dieser diplomatischen Maxime. Doch dem weltweiten Erstarken rechtskonservativer Positionen konnte das Konzept nicht standhalten. Bereits 2022 verkündete Schwedens neue konservative Regierung, den Begriff nicht länger zu verwenden; 2025 erklärte auch der deutsche Außenminister Johann Wadephul, dem Prinzip nicht mehr folgen zu wollen. Die Regierungen, die sich von der feministischen Außenpolitik verabschiedeten, boten keine Alternative – sie erklärten sie lediglich für beendet. Bezeichnenderweise wurde kein Ersatz in Form einer »männlichen« oder »maskulinistischen« Diplomatie formuliert. Man kehrte einfach zur »Diplomatie« zurück. Diese Beobachtung offenbart ein fundamentales Muster: Wer Frauen in der internationalen Politik sichtbar machen möchte, muss sie explizit erwähnen. Für Männer gilt das nicht.
Die von Carolin Liebisch-Gümüş zitierte Aussage von Ann E. Towns trifft den Kern: »The diplomat rarely seems to simultaneously be configured as man and woman, masculine and feminine in the same text«. In der englischen Sprache ist »the diplomat« rein grammatikalisch aber erst einmal geschlechtslos und entpuppt sich erst durch Kontext als maskulin oder feminin. Im Deutschen wird die geschlechtliche Dysbalance durch das generische Maskulinum noch verstärkt. Während die »Diplomatin« grammatikalisch und kulturell eindeutig weiblich ist, bleibt das Geschlecht des »Diplomaten« Auslegungssache. Der Mann wird zur »Werkeinstellung« der Diplomatie – die Diplomatin hat zwangsläufig ein Geschlecht, der Diplomat scheinbar nicht. Diese oberflächliche Beobachtung greift jedoch zu kurz. Auch männliche Diplomaten bewegen sich in einem durch Geschlechtervorstellungen diktierten Raum, den sie prägen und von dem sie geprägt werden. Aber wie lässt sich dieser Raum identifizieren, besonders in Zeiten, in denen Frauen in der Diplomatie kaum vertreten waren? Wie wurde männliche Geschlechtlichkeit erfahrbar, ohne dass sich Männer von etwas anderem abgrenzen konnten? Raewyn Connells Konzept der »hegemonialen Männlichkeit« bietet hier analytische Klarheit. Connell versteht Männlichkeiten stets im Plural. Hegemoniale Männlichkeit beschreibt die gesellschaftlich dominante Form von Männlichkeit, die zu einer bestimmten Zeit und in einem spezifischen Kontext als ideal gilt und andere Männlichkeitsformen sowie Weiblichkeiten hierarchisch unterordnet. Sie wird nicht nur durch direkte Gewalt, sondern vor allem durch kulturelle Normen, Institutionen und Praktiken aufrechterhalten, die bestimmte »männliche« Verhaltensweisen als selbstverständlich erscheinen lassen. Das Konzept erklärt, wie sich Geschlechterverhältnisse historisch wandeln können, ohne dass patriarchale Machtstrukturen zusammenbrechen. Selbst wenn hegemoniale Männlichkeit Charakteristika integriert, die zuvor nicht als hegemonial galten, schafft sie sich nicht ab, sondern passt sich an neue gesellschaftliche Bedingungen an. Abgrenzung bleibt essentiell – nicht nur nach außen gegen Weiblichkeiten, sondern nach innen, indem sie Männlichkeiten marginalisiert, die dem Ideal nicht entsprechen.1<\/sup> Carolin Liebisch-Gümüş zeigt anschaulich, dass die Diplomatin keine allgemeingültige und globale Kategorie ist. Kulturelle Kontexte im Herkunfts- und Zielland beeinflussten, wo eine Frau in der Diplomatie in welchem Bereich Karriere machen konnte. Beim Mann hatte das Geschlecht zwar keinen negativen Einfluss auf Mobilität oder Karrierechancen, allerdings war auch hegemoniale Männlichkeit nie universell, sondern ähnlichen kulturellen und regionalen Differenzen unterworfen.
Ein transregionaler Blick in die Diplomatiegeschichte verdeutlicht dies. Im Deutschen Reich (1871–1918), wie im fast gesamten Westeuropa, war Diplomatie eine adelige Angelegenheit.2<\/sup> Der adelige Mann als diplomatisches Idealbild entsprach ständischem Denken, das auf die patriarchale Kaiserfigur ausgerichtet war. Hegemoniale Männlichkeit musste nur bedingt unter Beweis gestellt werden, da sie durch den Stand legitimiert war. Dennoch konnte diese Hegemonie kontestiert werden. Das erstarkende Bürgertum nutzte zwischen 1906 und 1909 den Eulenburg-Skandal um einen angeblichen homosexuellen Freundes- und Beraterkreis Kaiser Wilhelms, um adelige Männlichkeit als dekadent und verweichlicht zu diffamieren. Der Skandal wurde als außenpolitische Krise inszeniert, die in der Friedenspolitik einer vermeintlich unmännlichen Elite als diplomatische Schwäche interpretiert wurde.3<\/sup> Hegemoniale Männlichkeit war also nie selbstverständlich, sondern musste sich stets gegen Kritik behaupten.
Im Japan der Meiji-Zeit (1868–1912) war Diplomatie ebenfalls eine ständische Angelegenheit. Sie war das Metier des ehemaligen Kriegeradels, der Samurai.4<\/sup> Trotz ihres kriegerischen Erbes hatten sich die Samurai zu einer gesitteten Bürokratenelite entwickelt, die mit Tugenden wie Stärke und Edelmut assoziiert wurde. Während diese Tugenden auch in Deutschland als männlich galten und somit eine gewisse Allgemeingültigkeit hegemonialer Männlichkeit vermuten lassen, wäre eine Affäre wie der Eulenburg-Skandal in Japan lange undenkbar gewesen. Gleichgeschlechtliche Intimität zwischen Männern, besonders zwischen erwachsenen und jugendlichen Partnern, war vor Beginn der Meiji-Zeit lange eine gängige sexuelle Praxis der Oberschicht, die die Männlichkeit nicht in Frage stellte.5<\/sup> Geschlecht und Sexualität wurden getrennt betrachtet – eine Spielart hegemonialer Männlichkeit, die sich von der deutschen unterschied.
Auf der diplomatischen Bühne zeigten sich die Folgen kollidierender Männlichkeitsvorstellungen allerdings dramatisch. Als Meiji-Japan diplomatische Beziehungen zu den USA und den europäischen Mächten aufnahm, wurden das zurückhaltende Auftreten und die luftigen seidenen Roben der Diplomaten und des Kaisers von westlichen Gastgebern als weiblich wahrgenommen.6<\/sup> Der Eindruck mangelnder Autorität schlug sich in eklatanter Machtimbalance nieder: Japan wurde zur Unterzeichnung ungleicher Verträge gezwungen. Diese Erfahrungen befeuerten einen Westernisierungsprozess, in dem westliche Kleidung für die politische Oberschicht vorgeschrieben wurde.7<\/sup> Homosexualität wurde erstmals pathologisiert und juristisch verfolgt, um westlichen Standards zu genügen.8<\/sup> Erst durch diese Akkulturation konnte das geschlechtliche Machtgefälle teilweise ausgeglichen werden. Das Zusammenspiel verschiedener Hegemonien wird hier deutlich: Die wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung westlicher Akteure diktierte japanischen Eliten, was als männlich zu gelten hatte. Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit wurden zum Gradmesser diplomatischen Erfolgs.
Die Geschichte der hegemonialen Männlichkeit in der Diplomatie und die Erfahrungen der ersten Diplomatinnen wie Adile Ayda, Esma Nayman und Mihri Pektaş verdeutlichen, dass Geschlecht in den internationalen Beziehungen nie neutral war – weder als unsichtbare Norm noch als explizit thematisierte Kategorie. Während hegemoniale Männlichkeit ihre Machtstrukturen durch gesellschaftliche Anpassung aufrechterhielt, mussten Frauen in der Diplomatie stets einen Spagat zwischen Anpassung und Abgrenzung vollziehen, um überhaupt Zugang zu erlangen. Der sich abzeichnende Niedergang der »feministischen Außenpolitik« als expliziter Agenda markiert somit nicht das Verschwinden von Geschlechterdynamiken in der Diplomatie, sondern deren Rückkehr in die scheinbare Unsichtbarkeit – wodurch die männliche Norm erneut zur »Werkeinstellung« der Diplomatie zu werden droht.
","replicauthor":"Maximilian Klose, Freiburg i.B.","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache_05_Replik_Geschlecht.pdf","chaptername":"Feministische Diplomatie?","chapterid":"125","partid":"89","bookid":"15","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"92","blog_title":"Önologische Diplomatiegeschichte","blog_date":"2026-03-12","blog_author":"Jonathan Voges, Potsdam","blog_leadtext":"Zu for­dern ist also unbe­dingt eine dip­lo­ma­ti­sche Öno­lo­gie oder eine öno­lo­gi­sche Dip­lo­ma­tie­ge­schich­te: Wer wann was trinkt (oder trank) und vor allem mit wem, was er (oder sie) dabei sprach, wie er\/sie tanz­te (und auch hier: mit wem) – all dies sind Punk­te, denen sich die New Dip­lo­matic Histo­ry anneh­men soll­te.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"92","blog_tagname":"Diplomatie in Gesellschaft","blog_tagid":"21"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"231","referencetext":"»Sitten und Gebräuche beim Völkerbund« (o.V.), in: UHU<\/i> 9\/4 (1933), S. 49–52.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"232","referencetext":"Hans Habe: Ich stelle mich: Meine Lebensgeschichte<\/i>, München: Herbig (1986), S. 271–273.","referenceposition":"2"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"92","blog_listelementid":"225","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"87","replicheadline":"Önologische Diplomatiegeschichte","replictext":"So recht etwas anzufangen mit den Neuen Diplomat*innen wusste die Journalistin des Berliner Lifestyle-Magazins UHU<\/i> nicht: anders als in vergangenen Tagen geheimer Diplomatie fehlten die Empfänge, fehlten Größe und Brillanz, fehlte ihr der Alkohol – und vor allem fehlten ihr die Frauen, die in eine dröge Herrenrunde hochgestellter Diplomaten doch erst das gewisse Prickeln brächten. »Dieser üppig düstere Nährboden für schöne Abenteuerinnen und unwiderstehliche Spioninnen« sei beim Völkerbund nicht zu finden. »Der moderne Diplomat hat der Frau nichts mehr zu sagen.« Champagnerdiplomatie? Fehlanzeige, so das Fazit des knappen Berichts aus den frühen 1930er Jahren, nicht etwa, weil es an Diplomatie, wohl aber an Champagner mangelte. Die Herren Diplomaten, bedacht auf die eigene Gesundheit und den eigenen Geldbeutel (eigenes Vermögen hätten sie nämlich alle nicht mehr), tränken Tee oder – oh Graus – Wasser. »Der Diplomat von heute ist ein Kleinbürger mit puritanischen Neigungen. [...] Er ist kein genießerischer Esser und Feinschmecker. Er stöhnt über große Diners und besonders darüber, daß er sich dazu einen Frack anziehen muß. Er trinkt nichts oder so gut wie nichts.«1<\/sup>
Dass vielleicht aber gerade diese demonstrative Abstinenz (die man durchaus infrage stellen kann, das rauschende Fest von 1937 macht es deutlich – trank man nur, wenn man eingeladen war?) einen symbolpolitischen Zweck verfolgte, dass man sich auch feiernd von der alten Diplomatie der Prä-Erster-Weltkrieg-Periode abzugrenzen suchte, wäre eine interessante Fragestellung. Zugleich waren aber nicht erst 1937, sondern quasi von Beginn an nicht nur Geneva Tea Parties angesagt, sondern auch schon früher floss der Alkohol in Strömen. Der Vertrag von Locarno zum Beispiel wollte nicht nur ordentlich begossen werden, sondern auch schon der Weg dorthin war durch mehr oder weniger Hochprozentiges begleitet.
Stresemann hatte sich in Genf die Taverne La Bavarie zum Stammlokal auserkoren, als Bierkenner wird er gewusst haben, warum. Und dort zechte er mit Chamberlain und Briand, nahm bierselig die Debatten der folgenden Tage in der Völkerbundversammlung und im Rat vorweg, wohlwissend, dass eine Kneipe immer nur ein semi-privater Ort ist, Journalisten und andere Beobachterinnen also nie fehlten. Auf der von Kelsen gezeichneten Werbepostkarte des Etablissements sieht man im Vordergrund einen Gast, der sich über den Lärm beklagt, den hinter ihm drei Herren machen: »das sind meine fröhlichsten Gäste«, so die Replik des Hausherrn. Die drei Herren sind eben Stresemann, Briand und Chamberlain, die ausgelassen die »Völkerbunds-Kneipe« in Beschlag nehmen und den angebotenen »deutschen Bieren« zusprechen.
Zurück zur Feier von 1937. Im Text werden die Schritte hin zum Fest, werden Gastgeber und gastgebende Institution und die aufzuwendenden Kosten beschrieben; vielleicht ist aber auch ein Blick auf die Gäste und ihre Erfahrung selbst von Interesse. Der später in der Bundesrepublik vor allem als Schriftsteller reüssierende Hans Habe war als beim Völkerbund akkreditierter Journalist einer von ihnen. In seinen Memoiren widmet er der Feier einige wenige Seiten, nutzt sie zum einen dafür, das auch im vorliegenden cache angesprochene Titanicmotiv zu bemühen (auch wenn es bei ihm der Tanz am brodelnden Vulkan ist). »Schon drohte das Gebäude der Welt in Ruinen zu versinken, aber das neue Völkerbundpalais, aus Brescia-Marmor erbaut, paradoxerweise ein Geschenk Italiens, das an Europas Zerstörung eifrig mitarbeitete, wurde mit einem rauschenden Ball des Aga Khan eröffnet – der Fürst, damals Präsident der Vollversammlung, ließ dreißigtausend Rosen aus Holland nach Genf fliegen, und die Gäste wurden mit Tausenden Flaschen köstlichen Champagners bewirtet.« Der Champagner hatte es Habe also ganz offensichtlich auch angetan. Ebenso die anderen Gäste und das musikalische Rahmenprogramm, die er gut journalistisch beobachtete: »An diesem Abend tanzte ein kleiner, rundlicher Herr, der Englisch mit dem Cockney-Akzent eines Londoner Taxichauffeurs sprach, bis in die Morgenstunden – der Repräsentant der Sowjet-Union, Maxim Litwinow. [...] Als das neue Gebäude eröffnet wurde – es hatte dreißig Millionen Goldfrancs gekostet – dirigierte im Saal der ›Assemblée‹ Bruno Walter Seid umschlungen Millionen.«2<\/sup>
Zu fordern ist also unbedingt eine diplomatische Önologie oder eine önologische Diplomatiegeschichte: Wer wann was trinkt (oder trank) und vor allem mit wem, was er (oder sie) dabei sprach, wie er\/sie tanzte (und auch hier: mit wem) – all dies sind Punkte, denen sich die New Diplomatic History<\/i> annehmen sollte. Gerade der Völkerbund bietet wegen seines Transparenzgebots und seines Status nicht nur als diplomatischer Ort, sondern auch als Raum einer zunehmend internationaleren High Society den richtigen Ausgangspunkt, um mit derartigen Perspektiven auf die Diplomatie zu beginnen.
","replicauthor":"Jonathan Voges, Potsdam","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache_05_Replik_Oenologische_Diplomatiegeschichte.pdf","chaptername":"Genfer Champagnerdiplomatie","chapterid":"139","partid":"89","bookid":"15","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"83","blog_title":"Die sexuellen Versprechen der Milchwerbung","blog_date":"2022-05-15","blog_author":"Mounir Badran","blog_leadtext":"Wenn wir über Kuh­milch reden, die als »Hei­di-Milch«, »Wie­sen­milch« oder »Bio Voll­milch«, also als »rei­ne Alpen­milch«, in den Rega­len von Migros oder Coop ste­hen, dann reden wir immer über den weib­li­chen Kör­per. Sei­ne sexu­el­le Wir­kungs­kraft weiss die Mil­ch­in­du­s­trie seit hun­dert­fünf­zig Jah­ren zu nut­zen. Ihre Geg­ner*innen ver­su­chen nun mit dem glei­chen Code die Milch­wer­bung zu unter­lau­fen.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"2","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"83","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"»Zu brutal für die Schweiz? PETA-Plakat mit Anja Zeidler verboten,
https:\/\/www.peta-schweiz.ch\/plakat-anja-zeidler<\/a>.","referenceid":"785","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Carol J. Adams: »Feminized Protein: Meaning, Representations, and Implications«, in: Mathilde Cohen, Yoriko Otomo (Hg.): Making Milk: The Past, Present and Future of Our Primary Food,<\/i> London: Bloomsbury Academic (2019), S. 19–40.","referenceid":"787","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Angela Hess: »›Zu schockierend‹: Peta-Plakat mit Anja Zeidler wird verboten«, in: 20 Minuten<\/i>, https:\/\/www.20min.ch\/story\/peta-plakat-mit-anja-zeidler-wird-verboten-117406299004<\/a> (9. Juni 2021).","referenceid":"786","referenceposition":"3"},{"referencetext":"Protokoll der 27. ordentlichen Generalversammlung der Anglo-Swiss Condensed Milk Co., Bankettrede von Basil Roth, 31. März 1894, Nestlé Historical Archives, Vevey, CH AHN AS-CHAM Couvert 701.","referenceid":"783","referenceposition":"1"},{"referencetext":"»Zu brutal für die Schweiz? PETA-Plakat mit Anja Zeidler verboten, https:\/\/www.peta-schweiz.ch\/plakat-anja-zeidler<\/a>.","referenceid":"784","referenceposition":"2"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"83","blog_listelementid":"212","blog_listtype":"3","blog_listposition":"0","data":[{"blog_imageid":"51","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/PETA-Plakat mit Anja Zeidler 2021-06.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Plakat der PETA Schweiz mit Anja Zeidler (2021). Online: https:\/\/www.peta-schweiz.ch\/plakat-anja-zeidler<\/a>."}]},{"blog_dataid":"83","blog_listelementid":"214","blog_listtype":"1","blog_listposition":"1","data":[{"blog_texttext":"Im Sommer 2021 veröffentlichten die People for the Ethical Treatment of Animals, abgekürzt PETA, in der Schweiz ein Plakat gegen die Milchindustrie.1<\/sup> Darauf ist das ehemalige Fitness-Model und die heutige Influencerin Anja Zeidler zu sehen, wie sie angekettet in einem Stall auf dem Boden kniet. Ihre Brüste sind an eine »Melkmaschine« angeschlossen. Das Sujet suggeriert, dass Anja Zeidler ihr Baby entrissen wird. In der Bildlegende ist zu lesen: »In der Milchindustrie wird Müttern kurz nach der Geburt ihr Kind genommen, damit eine andere Spezies die Muttermilch stehlen kann. Wer selbst ein Kind hat, kann den Schmerz der Kühe nachempfinden.« Am Schluss der Aufruf: »Go Vegan«.

In einer anderen, englischen PETA-Kampagne gegen den Milchkonsum heisst es, es sei für Menschen nicht »natürlich«, Kuhmilch zu trinken. Sie sei den Kälbern vorbehalten. »Not your mom? Not your milk!« lautet hier der Slogan. Wenn wir über Kuhmilch reden, die als »Heidi-Milch«, »Wiesenmilch« oder »Bio Vollmilch«, also als »reine Alpenmilch«, in den Regalen von Migros oder Coop stehen, dann reden wir nicht nur über die verschwundenen Kälber, sondern immer auch über den weiblichen Körper.2<\/sup> Und ein solcher Körper kann verführerisch und zugleich bedrohlich wirken.

Denn das PETA-Plakat mit Anja Zeidler existiert nur digital. Es durfte hier in der Stadt Zürich nicht aufgehängt werden. Clear Channel, neben APG der zweite Bigplayer in der Schweizer Aussenwerbung, lehnte die Anti-Kuhmilch-Kampagne ab: Die firmeninterne Prüfungsstelle erachtete das Sujet mit Anja Zeidler nicht als plakatkonform, insbesondere was die Darstellung der Frau betrifft. In der Sprache von Clear Channel heisst das »Corporate Social Responsibility«. Die Gratiszeitung 20 Minuten titelte: »Zu schockierend. Peta-Plakat mit Anja Zeidler wird verboten«.3<\/sup>

Ein Detail auf dem PETA-Plakat finde ich besonders interessant: Hinter Anja Zeidler ist ein historisch fiktives Werbeplakat für Milch zu sehen. Eine Hand, die vor einer gelb leuchtenden Sonne im Himmelblau eine Milchflasche ausstreckt. Klassische Codes in der Werbung für »reine Alpenmilch». Aber es gibt augenfälligere Beispiele aus der Geschichte der Milchwerbung."}]},{"blog_dataid":"83","blog_listelementid":"215","blog_listtype":"3","blog_listposition":"2","data":[{"blog_imageid":"52","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Verführung 011.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Werbeplakat der Propagandazentrale der Schweizerischen Milchwirtschaft, gestaltet von Andy Ziegler und fotografiert von Charly Keller (1969), Zürcher Hochschule der Künste, Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, 12-0067."}]},{"blog_dataid":"83","blog_listelementid":"216","blog_listtype":"1","blog_listposition":"3","data":[{"blog_texttext":"Dieses Werbeplakat lancierte die sogenannte Propagandazentrale der Schweizerischen Milchwirtschaft im Hippiejahr 1969. Zwar gesichtslos, aber mit vollen, verführerischen Lippen als Eyecatcher (noch so ein Begriff aus dem Werbejargon). Das Plakat entsprach dem Zeitgeist der damaligen Werbebranche, fotografiert und gestaltet von zwei Männern.Das männliche Präsentieren des weiblichen Körpers in der Werbung hat eine lange Geschichte. Nach der Erfindung der Chromolithografie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts feierten Plakatpioniere wie Alfons Mucha und Jules Chéret mit ihren sexualisierten und imaginären Frauenfiguren riesige Erfolge. Zuerst warben sie fürs Theater, später für industrielle Massenprodukte. Ihre sexuelle Wirkungskraft wusste die Milchindustrie seit ihrer Gründung in den 1860er Jahren für ihre Kondensmilch – »reine Alpenmilch» aus der Dose – zu nutzen."}]},{"blog_dataid":"83","blog_listelementid":"217","blog_listtype":"3","blog_listposition":"4","data":[{"blog_imageid":"53","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Verführung 03_Ausschnitt.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Werbeplakat der Anglo-Swiss Condensed Milk Company für die Kondensmilch-Marke »Milkmaid« in Spanisch (ca. 1900), Nestlé Historical Archives, Vevey, CH AHN AS F1\/10."}]},{"blog_dataid":"83","blog_listelementid":"218","blog_listtype":"1","blog_listposition":"5","data":[{"blog_texttext":"Bis ins 19. Jahrhundert brachten sogenannte Milkmaids <\/i>die Milch in die englischen Industriestädte. Sie waren Sinnbild für die erotischen Versprechen des Sommers und sie wurden als Vermittlerinnen zwischen der idyllischen Landschaft und der Stadt idealisiert. Die Milch, die sie im Offenverkauf anboten, galt allerdings als riskant und häufig verunreinigt. In diese Marktlücke sprang 1866 die Anglo-Swiss Condensed Milk Company. Dank damaligen Hightech-Anlagen begann sie in Europa mit der industriellen Milchproduktion und -distribution. Sie steckte das Milchmädchen in eine Schweizer Tracht und verlieh ihr damit die Aura der heilen Bergwelt. Einen Milchkessel auf dem Kopf balancierend, einen weiteren in der Hand, brachte sie von nun an die »reine« Kondensmilch aus den Alpen scheinbar mühelos direkt zur internationalen Kundschaft.

Oder wie es ein Aktionär der Anglo-Swiss in seiner Rede an der Generalversammlung von 1894 beschrieb: »Ich glaube, […] [e]s war nöthig, unserm schönen Schwyzermeitschi auch ausserhalb der Schweiz Eingang zu verschaffen und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in fernen Welttheilen, in Amerika und in Australien. Dazu braucht es Reklame. Die Reklame soll darauf zielen, das schöne Schwyzermeitschi mit seinen Süssigkeiten auf der ganzen Welt an Mann zu bringen. [...] Wenn die Ausgaben für [Reklame] gross sind, so werden sie […] durch […] vermehrtem Umsatz, oder wenn wir sagen wollen: durch die neuen Liebhaber, die das Schwyzermeitschi gefunden hat, wieder […] compensirt werden.4<\/sup>

Mit solchen sexualisierten Darstellungen brachten und bringen die Werbespezialisten der Milchunternehmen nicht nur die Kälber zum Verschwinden, sondern auch die technischen Produktionsanlagen, die Kuhmilch – durch kondensieren, sterilisieren, homogenisieren und pasteurisieren – haltbar und transportierbar machen. Oder um Anja Zeidler zu zitieren: »[D]as einzig wirklich Schockierende ist, dass die Wahrheit über die Grausamkeiten in der Milchindustrie zensiert werden soll. Verbraucher müssen erfahren, was wirklich hinter den Produkten steckt.«5<\/sup> Besser könnte ich mein Forschungsvorhaben »reine Alpenmilch«, über die Geschichte der Werbung für Schweizer Industriemilch seit 1866, nicht zusammenfassen.

Dieser Beitrag wurde als Input anlässlich der Buchvernissage von cache 02: Ware Reinheit am 22. Februar 2022 in Zürich im sphères vorgetragen. Er ergänzt das cache-Unit
ALPENMILCH\/WIEDERHERSTELLUNG\/Verführung<\/a>.<\/i>
"}]}]},{"blog_dataid":"82","blog_title":"Buchvernissage von cache 02: Ware Reinheit","blog_date":"2022-02-02","blog_author":"Valentin Groebner","blog_leadtext":"Am Diens­tag, 22. Februar 2022 fin­det in Zürich die Buch­ver­nis­sa­ge von cache 02: Ware Rein­heit statt.","blog_official":"1","blog_heroimage":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/cover_reinheit_mail:web.png","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"82","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"82","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":985,"blog_heroimageHeight":1043,"blog_list":[{"blog_dataid":"82","blog_listelementid":"210","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":" Am Dienstag, 22. Februar 2022 findet in Zürich die Buchvernissage von cache 02: Ware Reinheit statt.

Ob man sie mag oder nicht: Werbung ist überall. Und Werbung für Reinheit besonders. Auf fast jedem Produkt, das mit dem menschlichen Körper in Berührung kommt oder zum Verzehr bestimmt ist, findet sich ein Hinweis auf Reinheit. Reinheit ist knapp, immer bedroht, flüchtig – und imaginär. Umso schöner, dass man sie kaufen kann. Diesen Paradoxa widmet sich das Buch. Es erzählt von der Geschichte der Werbung für besonders Unbeflecktes, von Jungfräulichkeit und reiner Haut bis zu Milch in Dosen. Welche Bilder und Formeln werden dafür benutzt?

Mit einer Einführung von David Eugster, Spezialist für die Geschichte der Schweizer Werbung im 20. Jahrhundert, und Beiträgen der Autor*innen Mounir Badran, Katharina Bursztyn, Tiziana Bonetti und Valentin Groebner.

Dienstag, 22. Februar 2022, um 19:30 Uhr im
sphères<\/a> in Zürich
Eintritt frei, 2G Anmeldung über
Eventfrog<\/a>"}]}]},{"blog_dataid":"81","blog_title":"Edelweiss, Kuhglockengeläut und die Yoga-Pants-Loft-Living-Gegenwart","blog_date":"2022-01-05","blog_author":"Tobias Scheidegger, Zürich","blog_leadtext":"Bür­ger­li­che Män­ner, so zeigt das Kapi­tel »Wie­der­her­stel­lung«, brach­ten im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert ihre Alpen­fi­xie­rung über fan­ta­sier­te »rei­ne« Frau­en­fi­gu­ren zum Aus­druck. Die­sem Phä­no­men bin ich bei For­schun­gen zum Edel­weiss-Kult des deutsch­spra­chi­gen Alpi­nis­mus schon ein­mal begeg­net.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"81","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"221","referencetext":"Klaus Theweleit: Männerphantasien<\/i>, 2 Bde., Frankfurt am Main: Roter Stern (1977–1978).
","referenceposition":"1"},{"referenceid":"222","referencetext":"Michael Müller, Franz Dröge: Die ausgestellte Stadt: Zur Differenz von Ort und Raum,<\/i> Basel: Birkhäuser (2005), S. 85.","referenceposition":"2"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"81","blog_listelementid":"206","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"81","replicheadline":"Edelweiß, Kuhglockengeläut und die Yoga-Pants-Loft-Living-Gegenwart","replictext":"Bürgerliche Männer, so zeigt das Kapitel »Wiederherstellung«, brachten im ausgehenden 19. Jahrhundert ihre Alpenfixierung über fantasierte »reine« Frauenfiguren zum Ausdruck. Diesem Phänomen bin ich bei Forschungen zum Edelweiß-Kult des deutschsprachigen Alpinismus schon einmal begegnet. In diesem Vulgärmythos der jungen Alpenvereine geisterten ebenfalls Frauenfiguren – Edelweißdamen oder -königinnen und dergleichen – durch imaginierte Gipfelwelten. Rein und verführerisch zugleich thronten diese Damen in schwülstigen Bildern und Gedichten »oben hoch im ew’gen Eis« und verlockten Bergsteiger zu übermütigen und mitunter tragisch endenden Kletterpartien.Es sei hier dahingestellt, ob es bildungsbürgerlicher Biederkeit (oder der Trennung von Freizeit und Arbeit?) geschuldet war, dass die alpinistischen Fantasiedamen keuscher ausfielen als deren kaufmännische Pendants. Auf alle Fälle wirkt der floral-erotische Bergsteigerkitsch geradezu unschuldig im Vergleich zu den anzüglichen Kommentaren, mit welchen die Kondensmilchfabrikanten ihre Werbefigur bedachten. Deren Voten an den Generalversammlungen – die unverhohlene Sexualisierung der Rendite, die als werbebasierte Verkupplung des »Meitschis« dargestellt wird, die Objektifizierung des »Milchmädchens«, der gewaltvoll geschnürte Frauenleib, Anspielungen auf Brüste, Milch- und Kapitalflüsse und so fort – wirken wie aus Theweleits Männerphantasien<\/i> entsprungen.1<\/sup>Über diese fragwürdigen Frauenbilder hinaus scheint mir mit Blick auf die Thematik warenförmiger Reinheit ein anderer Sachverhalt ebenso interessant und kommentierungswürdig: nämlich die humoristische Distanzierung von der eigenen Werbefigur, welche die Milch-Herren mit ihren sexistischen Statements betrieben. Ganz abgesehen vom frauenfeindlichen Gehalt besagter Sprüche, der kaum noch mit der Corporate Communication<\/i> einer gegenwärtigen Nestlé-Aktionärsversammlung kompatibel wäre, kann man sich für die heutige Zeit auch weit wenig plastischer vorstellen, wie sich Produkteentwicklerinnen oder Werber in analoger Weise von ihren selbstgeschaffenen Werbewelten distanzieren würden: Im Rahmen eines lebensstilgebundenen Distinktionskonsums existiert nur mehr geringer Spielraum für eine öffentliche Ironisierung jener Waren, von und durch deren Konzeption, Vermarktung und Eigenkonsum man lebt. Sprich: Die Symbolproduzent*innen aus Produkteentwicklung oder Marketing wollen das von ihnen mitentworfene Bild selber glauben und produzieren somit als »Propagandist[*innen] der eigenen Lebenspraxis […] ästhetische[...] Lebensmodelle, die sie gleicherweise medial verallgemeinern und lebenspraktisch realisieren«.2<\/sup>Was kennzeichnet diesen lebensstilprägenden Konsum des kognitiven Kapitalismus? Lässt sich auch im Fallbeispiel Mövenpick eine augenscheinliche Kontinuität gewisser Begriffe und Bilder mit dem kommodifizierten Alpenmythos des ausgehenden 19. Jahrhunderts ausmachen – bester Schweizer Rahm, natürliche Zutaten und so fort –, so bestehen wohl doch bedeutsame Unterschiede mit Blick auf die Konsummotive, die jeweils durch diese Chiffren angesprochen wurden und werden. Genügt den anspruchsvollen spätmodernen Konsument*innen der bloße Verweis auf die Herkunft aus dem Alpenraum, gepaart mit fast synonym gesetzten Warenversprechen wie Qualitätskontrollen, Hygiene oder beste Zutaten als alleiniges Gütekriterium? Um volle Lebensstilpotenz zu entfalten, müssen die Produkte vielmehr mit narrativen Lebensmittelzusätzen versehen werden. Lebensmittel in Mittel- und Hochpreissegmenten werden mittels Werbe- und Warenästhetiken, Labels, Beipack-Prospektchen oder Infotafeln lokalisiert oder regionalisiert, personalisiert, traditionalisiert und artisanalisiert.In offensichtlicher Weise versucht auch der globale Konzern Nestlé mit Mövenpick an diesen Trend anzudocken, indem er seine Produktionsverhältnisse individualisierend (benamste Kühe und porträtierter Bauer) oder artisanalisierend (beerenpflückende Hände, »crafted«) zu bewerben versucht. Mögen diese Annäherungsversuche auch eher halbherzig und unbeholfen wirken, so liegt das nicht an einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit von tatsächlichen Produktionsbedingungen und idyllisierender Aussendarstellung, sondern eher an der mittelmäßigen Leistung der verantwortlichen Werbeagentur – gibt es doch sehr wohl andere Großkonzerne wie IKEA oder Coop, deren Spots weit souveräner eine solche Nachhaltigkeits(waren)ästhetik ins Bild zu setzen wissen.Sucht man nach weiteren Kontinuitäten respektive Brüchen zwischen der Milchmädchen-Epoche und der Yoga-Pants-Loft-Living-Gegenwart und ihren jeweiligen »Milchbezügen«, so wäre es sicherlich lohnend, das weite Feld Gesundheit und Körperlichkeit näher zu betrachten. Lassen sich Verbindungslinien dieser Reinheits- und Natürlichkeitssemantiken des späten 19. Jahrhunderts zu den Authentizitäts-, Wellbeing-, oder Funktionsversprechen (beispielsweise das wundersame Comeback des Protein-Mythos) spätmoderner Milchprodukte ziehen?Mit Blick auf jüngere Ereignisse wäre ich geneigt, eine<\/i> Verbindungslinie ohne jedes Zögern aufzustellen: Diese erstreckt sich von den kommerziellen und touristischen Fremdzuschreibungen der Alpen(-Bewohner*innen), über deren im 20. Jahrhundert politisch forcierte Transformation, hin zur Ressource der Selbstbeschreibung bestimmter Milieus und Regionen der Schweiz. Als Folge darf sich der ICT-Dienstleister aus Freienbach am Zürichsee als bodenständiger Älpler verstehen, der an Wochenenden gerne das Joch auf sich nimmt und gegen Bern und Bill treichelt, während eine zum Selbstabwehrkräfte-Pietismus neigende Yoga-Lehrerin unsere qualitätsbewusste Glaceliebhaberin alias Werberin vor der Bedrohung durch die Unreinheit warnt.Und so kommt – auch wenn es allen Beteiligten weder wirklich bewusst noch recht wäre – zusammen, was zusammengehört: Gemeinsam fallen die heutigen Vorkämpfer*innen der Reinheit unter Treichelgedröhne in die linksliberalen Innenstadt-Lebenswelten ein, um für die Wiederherstellung ganzheitlicher Gesundheit, gesunden Menschenverstand und einen reinen Volkskörper zu demonstrieren, vorbei an kleinen Läden mit handbeschrifteten Werbetafeln, die traditionellen Alpkäse, alte Bergkartoffelsorten und fermentierte Bio-Stutenmilch in Demeter-Qualität anpreisen.","replicauthor":"Tobias Scheidegger, Zürich","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik - Scheidegger - 20220105.pdf","chaptername":"Wiederherstellung","chapterid":"91","partid":"25","bookid":"2","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"79","blog_title":"Von der Suche nach »Reinheit« zur Entdeckung agri-kultureller Ambivalenz","blog_date":"2021-10-04","blog_author":"Peter Moser, Bern","blog_leadtext":"An der Her­stel­lung von »rei­ner Alpen­milch« waren Pflan­zen, Tie­re und Men­schen aus der Bio­sphä­re betei­ligt, aber auch indu­s­tri­ell her­ge­s­tell­te Gerä­te, Maschi­nen und Moto­ren, die mit Koh­le aus der Litho­sphä­re ange­trie­ben wur­den.","blog_official":"1","blog_heroimage":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Nestlé's Milk Eugène Burnand1.jpg","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"79","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":1781,"blog_heroimageHeight":1177,"blog_list":[{"blog_dataid":"79","blog_listelementid":"204","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"80","replicheadline":"Von der Suche nach »Reinheit« zur Entdeckung agri-kultureller Ambivalenz","replictext":"An der Herstellung von »reiner Alpenmilch« waren Pflanzen, Tiere und Menschen aus der Biosphäre beteiligt, aber auch industriell hergestellte Geräte, Maschinen und Motoren, die mit Kohle aus der Lithosphäre angetrieben wurden. Bei dem als »Idylle aus der Dose« angepriesenen Produkt handelte sich also gerade nicht um jenes »Naturkunstprodukt« Milch, das von Tieren und Menschen in einem intimen Interaktionsprozess produziert worden ist, sondern vielmehr um das Resultat: a) der Produktion<\/i>, die auch die Reproduktion der Milch produzierenden Tiere beinhaltete und deshalb zyklisch erfolgte; b) der Verarbeitung<\/i>, das heißt der Kondensierung, Sterilisierung und Pasteurisierung der Milch sowie c) der Werbung<\/i> für die in einem industriellen, kontinuierlich erfolgenden Standardisierungsprozess hergestellten Milchprodukte Kondensmilch, Kindermehl und Milchpulver.

Dass die Milchindustrie ihre Produkte in der Öffentlichkeit als »reine Naturprodukte« anpries, kann man als Versuch zur Verschleierung des Industrialisierungsprozesses interpretieren. Man kann diese Botschaft jedoch auch einfach als Hinweis auf den Umstand lesen, dass es sich beim Kindermehl, der Kondensmilch und dem Milchpulver in der Tat um homogenisierte Naturprodukte handelte, also um Nahrungsmittel, die zuerst in einem agrarischen Nutzungsprozess produziert und dann in einem industriellen Herstellungsprozess homogenisiert worden sind. Mit der Anpreisung ihrer Produkte als »rein« versuchte die Milchindustrie sowohl die Skepsis vieler Konsument*innen gegenüber der jedem Industrialisierungsprozess innewohnenden Denaturierung, als auch die Angst vor der Unreinheit »natürlicher« Produkte von lebendigen, alles andere als homogenen Tieren zu zerstreuen.

Dass »die Natur« keinesfalls rein war, wussten nicht nur die Produzent*innen und Konsument*innen, sondern auch die Nahrungsmittelindustrie und die Werbebranche. Zusätzlich zur Werbung für den Verkauf »reiner Naturprodukte« engagierten sich Nahrungsmittelkonzerne zusammen mit Bauernverbänden auch für den Einsatz chemischer Substanzen, die sich nach Ansicht der Behörden und der Chemieindustrie zur Bekämpfung der für Menschen und ihre Nutztiere schädlichen Insekten eigneten.

Das auf der Analyse von Bildquellen basierende Argument, dass die Milchindustrie mit ihrer Deklarierung denaturierter Produkte zu »reinen Naturprodukten« die »Industrialisierung und Urbanisierung« buchstäblich überdeckte, bedarf, zumindest im Falle der Bilder des Malers Eugène Burnand, deshalb einer Ergänzung. Ob Burnand mit seinem Gemälde In The High Swiss Pastures: Nestlé’s Milk<\/i> die Zielsetzungen seines Auftraggebers in Vevey abbilden wollte, scheint mir für die Erkenntnisinteressen der Geschichtsschreibung weniger relevant als das, was auf dem Bild konkret zu sehen ist: Nämlich Kühe der Fleckviehrasse auf einer Weide oberhalb der Waldgrenze, also an einem Ort, der äußerst schwierig zu bewirtschaften war und an dem die Tiere nicht einmal während hundert Tagen im Jahr ernährt und gehalten werden konnten. Abgebildet wird also alles andere als eine »Idylle«. Zu sehen sind vielmehr moderne, multifunktionale Tiere in einer kargen, nur mit viel menschlicher und tierlicher Arbeit zu bewirtschaftenden Gegend.
\n \n ALPENMILCH\/<\/span><\/span>UNORDNUNG\/<\/span><\/span>Grenzwerte<\/span><\/span><\/span>

Viele von Eugène Burnands old style<\/i>-Bildern sind für die Geschichtsschreibung gerade deshalb interessant, weil sie – ob intendiert oder nicht – auf komplexe Prozesse der Industrialisierung im Agrarsektor aufmerksam machen. Sie weisen uns beispielsweise darauf hin, dass die Landwirtschaft am Ende des 19. Jahrhunderts in die Industriegesellschaft integriert wurde, die Versuche der Akteur*innen zum Überleben in einer globalisierten Welt bei der Nutzung biotischer Ressourcen im Agrarbereich jedoch zuweilen ganz andere Formen annahmen als bei der industriellen Verarbeitung von Gütern im Innern von Fabrikhallen.

Was man auf den Bildern von Burnand sehen kann, sind primär Phänomene der Moderne wie multifunktionale Kühe, Transmissionsdynamometer zur Kraftmessung und Zuggeschirre wie das Stirnjoch, mit dem Rinder bei der landwirtschaftlichen Kultivierung von Pflanzen zusammen mit Menschen jene Arbeit verrichteten, die im industriellen Verarbeitungsbereich die für die agrarische Reproduktion ungeeigneten Dampfmaschinen leisteten. Burnands Bilder wimmeln buchstäblich von Erscheinungen, ohne die die Mechanisierung der Landwirtschaft und damit die Ernährung der wachsenden Bevölkerung der Industriegesellschaft gar nicht möglich gewesen wären.

Die auf vielen seiner Gemälde unübersehbaren Pferde, Bäuerinnen, Bauern, Ährenleserinnen, Ochsen, Stiere und Kühe rufen uns also primär menschliche und nicht-menschliche Akteur*innen in Erinnerung, die an der Industrialisierung und Globalisierung nicht weniger beteiligt waren als Fabrikherren, Arbeiter*innen, Dampfmaschinen und Werbeplakate. Es ist deshalb auch aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive ergiebiger, Burnands Bilder genau zu beobachten, zu befragen und zu beschreiben, als sie zur Idylle zu erklären und damit die vielfältigen visuellen Informationen, die Burnand uns präsentiert, aus der Geschichte herauszuschreiben.
","replicauthor":"Peter Moser, Bern","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache02 - Replik - Moser.pdf","chaptername":"Unordnung","chapterid":"34","partid":"25","bookid":"2","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"76","blog_title":"Schlechtes Gewissen im Sonderangebot","blog_date":"2021-09-17","blog_author":"David Eugster","blog_leadtext":"Wer­ber*innen haben im 20. Jahr­hun­dert so eini­ges abge­kriegt – sie waren die Prü­gel­kn­a­ben des Kapi­tals. Seit Ende der 1950er Jah­re stei­ger­te sich die Kri­tik zuneh­mend.","blog_official":"1","blog_heroimage":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Verklemmt 22.jpg","blog_titleheight":"2","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"76","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":1079,"blog_heroimageHeight":1500,"blog_list":[{"blog_dataid":"76","blog_listelementid":"200","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"Werber*innen haben im 20. Jahrhundert so einiges abgekriegt – sie waren die Prügelknaben des Kapitals. Seit Ende der 1950er Jahre steigerte sich die Kritik zunehmend: Ende der 1950er Jahre verschrie man sie als gewiefte Hirnwäscher, wenige Jahre später galten sie als Sturmtrupp der Bewusstseinsindustrie und dann kam in den 1970er Jahren die Kritik am Wachstum: Wer zu mehr Konsum antreibt, macht sich schuldig am Ende der Welt. Man begann sich zu verleugnen, nannte sich »Publizist« und fraternisierte mit der Kritik an der eigenen Arbeit. Eine Branchenzeitschrift wetterte deswegen 1972 gegen das »masochistische Klima der Selbstbezichtigung«, in dem Werber nach Feierabend regelmäßig eine »Hinrichtung der Werbung« zelebrierten und in Selbstmitleid versänken.Man suchte die Nähe zum Zeitgeist, man wollte nicht abseits stehen, wenn es vorwärts geht. Das war nicht nur Ausverkauf und Anbiederung: Thomas Frank zeigt in seinem wunderbaren Buch The Conquest of Cool<\/i>, dass viele Werber*innen sich als Teil des Aufbruchs der 1960er sahen – gewisse waren es auch, wenn auch mit Hindernissen. Noch heute ist die beste Ware, die Werber und Werberinnern zu bieten haben, ihr schlechtes Gewissen, ihr Bedürfnis, an der Heilung der Welt mitzutun – und trotzdem weiter für ihre Arbeitgeber zu arbeiten. Was wir heute davon haben? Manchmal: Kampagnen, die klug an gesellschaftlichen Bildern schrauben, ab und an tatsächlich politische Kämpfe popularisieren und vor allem: gute Projekte pushen. Oft: Substanzloser Radical Chic, zynische Anlehnungen an die Revolten der Gegenwart bei gleichbleibender Geschäftspolitik. So ist Zalandos Panorama der gesellschaftlichen Diversität zwar lobenswert, weil es die Heidi-Schweiz von den Plakaten treibt, die Arbeitsbedingungen in den Verteilzentren und die Löhne der Zulieferer werden davon aber kaum besser. Vom CO2-Fussabdruck reden wir schon gar nicht – »Sustainabilty – here to stay«."}]},{"blog_dataid":"76","blog_listelementid":"199","blog_listtype":"3","blog_listposition":"1","data":[{"blog_imageid":"45","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Werber in Angst.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Ein von Schuld geplagter Werber auf Stellensuche. Nachgedruckte Anzeige aus: Der Werber<\/i> 13\/4 (1973), S. 17."}]}]},{"blog_dataid":"75","blog_title":"Fachleute unserer Selbst","blog_date":"2021-08-03","blog_author":"Annelie Ramsbrock","blog_leadtext":"Wer weiß bes­ser, was wir wol­len, als wir selbst? In punc­to Schön­heit, so scheint es, eine gan­ze Indu­s­trie. Sie steht uns zur Sei­te, weil sie weiß, was schön ist. Auch weiß sie, wie Schön­heit erreicht wer­den kann. Und dass wir schön sein wol­len, das scheint ohne­hin selbst­ver­ständ­lich zu sein.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"75","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"213","referencetext":"Theodor Schreger: Kosmetisches Taschenbuch für Damen, zur gesundheitsgemäßen Schönheitspflege ihres Körpers durchs ganze Leben, und in allen Lebensverhältnissen<\/i>, Nürnberg (1812), S. V.
","referenceposition":"1"},{"referenceid":"214","referencetext":"Oda Alsen: Das Geheimnis der Schönheit<\/i>, Berlin: Dr. Eysler & Co. (1920), Zitate 66, 59, 60.
","referenceposition":"2"},{"referenceid":"215","referencetext":"Anzeige in: Uhu, 12 (1929),
https:\/\/www.arthistoricum.net\/werkansicht\/dlf\/73529\/6<\/a>.
","referenceposition":"3"},{"referenceid":"216","referencetext":"Sabine Maasen: »Schönheitschirurgie: Schnittflächen flexiblen Selbstmanagement«, in: Barbara Orland (Hg.): Artifizielle Körper – Lebendige Technik: Technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive<\/i>, Zürich: Chronos (2005), S. 239–260, hier S. 255.
","referenceposition":"4"},{"referenceid":"217","referencetext":"Johann Ach, Arnd Pollmann: »No Body is Perfect: Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse«, in: Johann Ach, Arnd Pollmann (Hg.): No Body is Perfect: Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse<\/i>, Bielefeld: Transcript (2006), S. 9–17, hier S. 11.
","referenceposition":"5"},{"referenceid":"218","referencetext":"Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (2007), S. 19f.
","referenceposition":"6"},{"referenceid":"219","referencetext":"Erving Goffman: Interaktion und Geschlecht<\/i>, Frankfurt am Main: Campus (1994), S. 152.
","referenceposition":"7"},{"referenceid":"220","referencetext":"Georg Simmel: »Philosophie der Mode (1905)«, in: Otthein Rammstedt (Hg.): Georg Simmel: Gesamtausgabe Band 10: Philosophie der Mode (1905), Die Religion (1906\/2 1912), Kant und Goethe (1906\/3 1916) Schopenhauer und Nietzsche (1907)<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1995), S. 9–37, hier S. 10.
","referenceposition":"8"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"75","blog_listelementid":"198","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"77","replicheadline":"Fachleute unserer Selbst","replictext":"Wer weiß besser, was wir wollen, als wir selbst? In puncto Schönheit, so scheint es, eine ganze Industrie. Sie steht uns zur Seite, weil sie weiß, was schön ist. Auch weiß sie, wie Schönheit erreicht werden kann. Und dass wir schön sein wollen, das scheint ohnehin selbstverständlich zu sein. In dieser Selbstverständlichkeit liegt allerdings mehr als nur ein vermeintliches Wollen. Es schwingt ein auch immer doch irgendwie ungnädiges Sollen mit, ein Aufruf, seinen Körper im Namen der Schönheit zu verbessern, und damit im Namen all dessen, wofür Schönheit in unserer Gesellschaft steht. Der Gedanke, dass Schönheit eine Bedingung für etwas anderes ist, etwas Erstrebenswertes, und Kosmetik dementsprechend eine Kulturtechnik, die uns in vielerlei Hinsicht weiter bringt, ist alles andere als neu. Im 19. Jahrhundert erklärten Ärzte und Apotheker in ihren »Schönheitskatechismen« und »Schönheitsdiätetiken«, dass die natürlich und gesund erscheinende Schönheit ein Hinweis für Verstand sei, und die »zweckmäßige Schönheitspflege«1<\/sup>, die auf Gesundheit und Natürlichkeit setzte, entsprechend dazu beitrage, diesen höchsten Wert der bürgerlichen Gesellschaft am Leibe zu tragen. Im 20. Jahrhundert erklärten dann kosmetische »Sachverständige« (so nannte Ola Alsen die Inhaber*innen der »ungezählten kosmetischen Laboratorien« und »Schönheitskabinette«2<\/sup> ebenso wie die Schönheitschirurgen), dass Schönheit nun mit Erfolg – privat wie beruflich – eine Wahlverwandtschaft eingegangen sei. Insbesondere das Gesicht habe dabei den Status einer »Visitenkarte« erhalten.3<\/sup>Man hatte also keine Wahl. Und man hat sie noch immer nicht. Doch blieb dieser Eindruck, den die Kosmetikindustrie im Verlauf des 20. Jahrhunderts erfolgreich verbreitete, bekanntlich nicht ohne Kritik. Denn gerade weil die Feststellung von Schönheit inzwischen ein erwiesenermaßen nicht unbedeutender Erfolgsfaktor ist, und Schönheit auch noch (bis zu einem gewissen Grade jedenfalls) mit Hilfe kosmetischer Interventionen erworben werden kann, werden diese Interventionen häufig als »subtile Techniken der sozialen Unterwerfung«4<\/sup> verdammt und »vor zwanghafter gesellschaftlicher Anpassung, vor unwiderruflicher Grenzüberschreitung oder gar vor einer sich ausweitenden Tendenz zur Selbstzerstörung«5<\/sup> gewarnt. Für diese Argumentation gibt es gute Gründe. Und es gibt ebenso gute Gründe, anders zu argumentieren. Denn: »Auf der einen Seite ist die Macht.« »Auf der anderen Seite kann Macht nur gegenüber Subjekten ausgeübt werden, setzt diese also voraus.«6<\/sup> So gesehen spricht die Kosmetik die persönliche Freiheit als einen Schlüsselgedanken der Moderne in anderer Weise an. Sie bietet einen Möglichkeitsraum auch der Selbsterzeugung. Bis heute ist der Aufruf der Aufklärer: »Sei du selbst!« ein Versprechen darauf, sich so zu geben, wie man glaubt zu sein. Gleichzeitig ist er aber auch die Forderung, sich so zu zeigen, wie es dem jeweiligen Selbstbild entspricht. Die Persönlichkeit nimmt für sich in Anspruch, ihr Aussehen zu bestimmen; sie erlaubt sich selbst in Erscheinung zu treten. Die Kosmetik dient dabei einem Akt der Selbsterzeugung und einer physischen Performance des Selbst. Schließlich hat Erving Goffman zu Recht betont: »Den Körper haben wir immer dabei.«7<\/sup>Muss man sich nun entscheiden? Nein, man muss sich nur vor Augen führen, was Georg Simmel über die Mode geschrieben hat. Denn wie diese ermöglicht auch die Kosmetik die »Nachahmung eines gegebenen Musters« und<\/i> die »individuelle Differenzierung«. Sie zielt auf die Sorge um sich als Ausdruck je individueller Handlungsmacht, und<\/i> sie ist von der »psychologischen Tendenz der Nachahmung getragen«.8<\/sup> Gerade in dieser Doppelgesichtigkeit hat sich die Kosmetik erkennbar in eine Leittendenz der Moderne eingeschrieben, die bis heute an Aktualität nicht verloren hat: die Gleichzeitigkeit von Selbst-Ermächtigung und Selbst-Unterwerfung, die das Paradox der Subjektivierung nach wie vor bestimmt.","replicauthor":"Annelie Ramsbrock, Potsdam","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache 02 - Replik Ramsbrock - 2021.pdf","chaptername":"Wissen","chapterid":"41","partid":"27","bookid":"2","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"68","blog_title":"Alchemie im Alltag: Kosmetikwerbung","blog_date":"2021-07-05","blog_author":"Katharina Bursztyn","blog_leadtext":"Rein­heit und ins­be­son­de­re rei­ne Haut wird seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts auf Pla­ka­ten und in Inse­ra­ten pro­kla­miert. Heu­te fin­den wir den Auf­ruf zur Rei­ni­gung unse­rer Haut auf Bild­schir­men in Bahn­hö­fen und auf Social Media. Der Wort­schatz und die Meta­pho­rik die­ser Ver­hei­ßun­gen erin­nern stark an alche­mis­ti­sche Vor­ha­ben. ","blog_official":"1","blog_heroimage":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/117-1.jpg","blog_titleheight":"2","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"68","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Nathaniel Hawthorne: »The Birthmark«, in: Nathaniel Hawthorne: Mosses from an Old Manse, and Other Stories<\/i> (1804–1864),
https:\/\/www.gutenberg.org\/files\/512\/512-h\/512-h.htm#birthmark<\/a> (19. Mai 2021).","referenceid":"747","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Nathaniel Hawthorne: »The Birthmark«, in: Nathaniel Hawthorne: Mosses from an Old Manse, and Other Stories<\/i> (1804–1864), https:\/\/www.gutenberg.org\/files\/512\/512-h\/512-h.htm#birthmark<\/a> (19. Mai 2021); vgl. auch: Claudia Benthien: Haut: Literaturgeschichte, Körperbilder, Grenzdiskurse<\/i>, Reinbek: Rowohlt (2001), S. 163, 167.","referenceid":"750","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Tara Nummedal: »Alchemy and Religion in Christian Europe«, in: Ambix 60\/4, 311–322, hier S. 311; Tara Nummedal: »The Alchemist«, in: Bernard Lightman (Hg.): A Companion to the History of Science<\/i>, Malden: Wiley-Blackwell (2016), S. 58–70, hier S. 60.","referenceid":"749","referenceposition":"3"},{"referencetext":"»Alchemy«,https:\/\/www.merriam-webster.com\/dictionary\/alchemy<\/a> (19. Mai 2021); Es sei hinzuzufügen, dass unter dem Begriff keine homogene Maße an Schriften und Unterfangen zu verstehen ist, denn die Inhalte seien »alles andere als konsistent«, vgl. hierzu: Sabine Baier: Feuerphilosophen: Alchemie und das Streben nach dem Neuen<\/i>, Zürich: Chronos (2015), S. 22.","referenceid":"752","referenceposition":"4"},{"referencetext":"Tara Nummedal: »The Alchemist«, in: Bernard Lightman (Hg.): A Companion to the History of Science<\/i>, Malden: Wiley-Blackwell (2016), S. 58–70, hier S. 66.","referenceid":"754","referenceposition":"5"},{"referencetext":"Tara Nummedal: »The Alchemist«, in: Bernard Lightman (Hg.): A Companion to the History of Science<\/i>, Malden: Wiley-Blackwell (2016), S. 58–70, hier S. 59.","referenceid":"755","referenceposition":"6"},{"referencetext":"Sabine Baier: Feuerphilosophen: Alchemie und das Streben nach dem Neuen<\/i>, Zürich: Chronos (2015), S. 9.","referenceid":"753","referenceposition":"7"},{"referencetext":"Carlos Gilly: »<\/i>Alchemie«, in: Historisches Lexikon der Schweiz<\/i> (2001), https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/008251\/2001-06-05\/<\/a> (19. Mai 2021); Sabine Baier: Feuerphilosophen: Alchemie und das Streben nach dem Neuen<\/i>, Zürich: Chronos (2015), S. 9.","referenceid":"756","referenceposition":"8"},{"referencetext":"Sabine Flaschberger: »›A Bar of Soap is a Piece of Hope‹: Die Savonnerie Sunlight Olten 1898–1929«, in: Jahrbuch für solothurnische Geschichte<\/i> 80 (2007), S. 7–194, hier S. 19, 32: Obwohl ab 1840 in der Schweiz erste Pflanzenöle zur Herstellung von Seife verfügbar waren, diente üblicherweise Rindertalg als Fettbestandteil, dessen Verarbeitung abscheulich stank.","referenceid":"757","referenceposition":"9"},{"referencetext":"Sabine Flaschberger: »›A Bar of Soap is a Piece of Hope‹: Die Savonnerie Sunlight Olten 1898–1929«, in: Jahrbuch für solothurnische Geschichte<\/i> 80 (2007), S. 7–194, hier S. 184.","referenceid":"763","referenceposition":"10"},{"referencetext":"Dirk Schindelbeck: »Strategien zwischen Kunst und Kommerz: Die Geschichte des Markenartikels seit 1850«, in: Jörg Meissner (Hg.): Strategien der Werbekunst 1850-1933<\/i>, Bönen: Kettler (2004), S. 68–77, hier S. 70f.","referenceid":"758","referenceposition":"11"},{"referencetext":"Vgl. Gudrun M. König: Konsumkultur: Inszenierte Warenwelt um 1900<\/i>, Wien: Böhlau (2009), S. 122.","referenceid":"764","referenceposition":"12"},{"referencetext":"Vorname basierend auf: »Mitglieder-Verzeichnis«, in: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Luzern<\/i> 1917\/7, https:\/\/www.e-periodica.ch\/cntmng?pid=ngl-001:1917:7::501<\/a> (19. Mai 2021). ","referenceid":"762","referenceposition":"13"},{"referencetext":"Zu Deutsch: Ich habe nie geglaubt, dass geschehen könne, was nun geschehen ist!, Emil Ribeaud: »Die Alchemie und die Alchemisten in der Schweiz«, in: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Luzern<\/i> II (1896\/1897), https:\/\/www.e-periodica.ch\/digbib\/view?pid=ngl-001:1896:2::37&referrer=search#100<\/a> (19. Mai 2021).","referenceid":"765","referenceposition":"14"},{"referencetext":" Sabine Baier: Feuerphilosophen: Alchemie und das Streben nach dem Neuen<\/i>, Zürich: Chronos (2015), S. 10. ","referenceid":"748","referenceposition":"15"},{"referencetext":"Carlos Gilly: »<\/i>Alchemie«, in: Historisches Lexikon der Schweiz<\/i> (2001), https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/008251\/2001-06-05\/<\/a> (19. Mai 2021); Hans-Jürgen Hansen: »Chemie«, in: Historisches Lexikon der Schweiz<\/i> (2006), https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/008259\/2006-10-09\/<\/a> (19. Mai 2021).","referenceid":"760","referenceposition":"16"},{"referencetext":"Besonders in Basel, wo sich die Universität auch auf einen Alchemisten beruft: »Es wundert angesichts der über fünfhundertjährigen Geschichte der Universität Basel (1460 gegründet) wohl nicht, dass die Entwicklung an dieser Institution die ältere ist. Sie dürfte 1527 in Basel mit dem Erscheinen von Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus<\/i>, begonnen haben, der 1493 in Einsiedeln als Sohn eines Arztes, Spross eines schwäbischen Adelsgeschlechts, geboren wurde. Er war Arzt und gilt als berühmtester Vertreter der Alchemie.«, in: Christoph Tamm: »Universität und Industrie: Die Entwicklung der Chemie in Basel«, in: Thomas Busset, Andrea Rosenbusch, Christian Simon (Hg.): Chemie in der Schweiz; Geschichte der Forschung und der Industrie, Basel: Merian (1997), S. 59–75, hier S. 61.","referenceid":"766","referenceposition":"17"},{"referencetext":"Tara Nummedal: »The Alchemist«, in: Bernard Lightman (Hg.): A Companion to the History of Science<\/i>, Malden: Wiley-Blackwell (2016), S. 58–70, hier S. 58, 66.","referenceid":"759","referenceposition":"18"},{"referencetext":"Carlos Gilly: »<\/i>Alchemie«, in: Historisches Lexikon der Schweiz<\/i> (2001), https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/008251\/2001-06-05\/<\/a> (19. Mai 2021).","referenceid":"769","referenceposition":"19"},{"referencetext":"Sabine Baier: Feuerphilosophen: Alchemie und das Streben nach dem Neuen<\/i>, Zürich: Chronos (2015), S. 9.","referenceid":"761","referenceposition":"20"},{"referencetext":"Tara Nummedal: »Alchemy and Religion in Christian Europe«, in: Ambix 60\/4, 311–322, hier 314.","referenceid":"751","referenceposition":"21"},{"referencetext":"Max Weber: Wissenschaft als Beruf,<\/i> Stuttgart: Reclam (2016 [1919]); Beatrix Mesmer (Hg.): Die Verwissenschaftlichung des Alltags: Anweisungen zum richtigen Umgang mit dem Körper in der schweizerischen Populärpresse, 1850–1900,<\/i> Zürich: Chronos (1997): Es wäre auch spannend, die These aufzugreifen, dass die Anspielungen auf die Alchemie eine Art der Verwissenschaftlichung sind.","referenceid":"770","referenceposition":"22"},{"referencetext":"Carlos Gilly: »<\/i>Alchemie«, in: Historisches Lexikon der Schweiz<\/i> (2001), https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/008251\/2001-06-05\/<\/a> (19. Mai 2021).","referenceid":"768","referenceposition":"23"},{"referencetext":"Susan Stewart: Painted Faces: A Colourful History of Cosmetics<\/i>, Stroud: Amberley (2017), S. 270.","referenceid":"771","referenceposition":"24"},{"referencetext":"Als Weiterführung zur Goldthematik: Mark Pieth: Goldwäsche – die schmutzigen Geheimnisse des Goldhandels<\/i>, Zürich: Salis (2019).","referenceid":"772","referenceposition":"25"},{"referencetext":"Schweizerischer Kosmetik- und Waschmittelverband: Zahlen & Fakten<\/i>, https:\/\/www.skw-cds.ch\/kosmetik\/zahlen-fakten\/<\/a> (19. März 2021).","referenceid":"767","referenceposition":"26"}],"blog_heroimageWidth":3075,"blog_heroimageHeight":2101,"blog_list":[{"blog_dataid":"68","blog_listelementid":"181","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"Kosmetikwerbungen versprechen Unmögliches möglich zu machen. Reinheit und insbesondere reine Haut wird seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auf Plakaten und in Inseraten proklamiert. Heute finden wir den Aufruf zur Reinigung unserer Haut auf Bildschirmen in Bahnhöfen und auf Social Media. Der Wortschatz und die Metaphorik dieser Verheißungen erinnern stark an alchemistische Vorhaben. In diesem Blogbeitrag gehe ich dem Fort- und Nachleben der Alchemie in der Kosmetikwerbung nach."}]},{"blog_dataid":"68","blog_listelementid":"176","blog_listtype":"2","blog_listposition":"1","data":[{"blog_imageid":"34","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Jugend-Elixier.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"1928, Anzeige im »Beobachter«: Eine Gratistube der Merylan-Crème, das »Jugend-Elixier«, denn die Jugend und Schönheit gilt es zu hüten »wie einen Edelstein.«"}]},{"blog_dataid":"68","blog_listelementid":"180","blog_listtype":"1","blog_listposition":"2","data":[{"blog_texttext":"Magisch verwandelte perfekte Haut? Kein Problem. In E.T.A. Hoffmanns »Sandmann« (1816) kann der Alchemist Coppelius sogar einem hölzernen Roboter strahlend verführerisches Aussehen verleihen. In Nathaniel Hawthornes Erzählung »The Birthmark« von 1843 stört sich ein anderer Alchemist, Aylmer, an einem Muttermal im Gesicht seiner sonst überaus schönen Frau Georgina. In seinem Wahn, das Mal zu entfernen, bemerkt er: »Georgiana, you have led me deeper than ever into the heart of science.«1<\/sup> Während den Vorbereitungen zur Entfernung des Mals, fragt Georgina sichtlich verängstigt nach den Inhalten verschiedener Fläschchen in Aylmers Arbeitsraum. Um ihr Unbehagen zu stillen, verweist dieser auf ein besonders Mittel: »But see! here is a powerful cosmetic. With a few drops of this in a vase of water, freckles may be washed away as easily as the hands are cleansed.«2<\/sup>

Die literarischen Träume von der Verwandlung des Lebendigen durch eine übersinnliche Superwissenschaft sind selbst ein Stück Wissenschaftsgeschichte: Alchemie ist ein Sammelbegriff für naturphilosophische Texte arabischen Ursprungs, die seit dem 12. Jahrhundert in Europa kursierten.3<\/sup> Von Beginn an verknüpften sie praktischen Wissenstransfer und spekulative Philosophie mit magisch-mythischen Konzepten von Verwandlung als »chemische Wissenschaft und spekulative Philosophie«.4<\/sup> Alchemist*innen verbanden ihre Lehren ebenso mit Theologie, Dichtung und Erkenntnistheorie wie mit Medizin, Farbstoffkunde und Metallurgie.5<\/sup> Heute erkennen Historiker*innen ihre Bedeutung für die frühmoderne Wissenschaft; sie können aber auch beschreiben, warum der Begriff ab dem 18. Jahrhundert immer stärker abwertend gebraucht wurde.6<\/sup> Denn je nach gewählter Perspektive erscheinen Alchemist*innen als wissbegierige Protochemiker*innen oder als einfältige Betrüger*innen, wie Sabine Baier formuliert hat.7<\/sup> Ihre breite populäre Wirkung haben die Alchemist*innen als literarische Figuren der schwarzen Romantik und Fantastik entfaltet – und in der Werbung für Gesichtsprodukte.

Denn eines der grundsätzlichen Interessen der Alchemist*innen lag in der »Veränderung und Veredelung der Materie mittels eines universellen Wirkstoffs«, unter anderem mit dem Stein der Weisen oder Elixieren. Wohl das bekannteste Bestreben, das die Praktizierenden an Achtung kostete, war der Versuch, Gold herzustellen.8<\/sup> Wenn also die Annahme besteht, dass Materie in Edelmetall verwandelt werden kann, dann wird wohl die Haut auch veredelt werden können. Darunter verstehen Kosmetikunternehmen die Verjüngung und Beseitigung jeglicher optischer Makel.

Die Aufwertung lässt sich auch auf die Produkte selbst übertragen. Bereits eine simple Seife bedingt Mischprozesse einfacher Elemente, die Reinigendes produziert: Fette \/ Öle Alkali (Soda) = Seife Glycerin.9<\/sup> Das Paradox der Herstellung eines reinigenden Produkts, aus üblicherweise tierischen Fetten, verleiht ihm eine Ambivalenz, sodass Sabine Flaschberger schreibt:

»Seifenindustrie ist […] ein chemischer Prozess mit dem Potential der Alchemie. Sie verwandelt die widerlichsten Stoffe in reinigende, schaumbindende, wohlduftende Stoffe.«10<\/sup>

Nebst Seifen nutzen alle »Pülverchen, Wässerchen« und anderen Kreationen aus den modernen Laboren für ihre Öffentlichkeitsarbeit (sprachliche) Bilder des Rätselhaften. Im Falle der kosmetischen Produkte spielen sich unmögliche Dinge auf Verpackungen und dem restlichen Werbeauftritt ab.11<\/sup> Anstatt in Hinterzimmern, wie eingangs bei Coppelius und Aylmer, verbirgt sich die Wundercreme oder der Hauch Jugendlichkeit in einem Karton, einer Dose oder Tube – ein Zauber, erhältlich um die Ecke, der sich garantiert lüftet.12<\/sup> Warum sollte das Unmögliche nicht möglich werden? So stellt Emil Ribeaud 1896 in einem Beitrag zur Alchemie fest:13<\/sup>

»Wer die Fortschritte der Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat, wer sich an die Entdeckung der Photographie, des Telegraphen und des Telephons, der Röntgen’schen Strahlen staunend erinnert, wird gestehen müssen, dass Dinge, die man für unmöglich hielt, verwirklicht worden sind und er wird mit Ovid ausrufen: Omnia jam fiunt, fieri quæ posse negabem!«14<\/sup>

Technische und wissenschaftliche Erfolge ließen den Glauben zu. Denn die vertriebenen Hautprodukte entstanden nicht, wie in Sabine Baiers Beschreibungen über dem Feuer, sondern in mechanisierten Apparaturen.15<\/sup> Zudem basierten die gewählten Bestandteile auf der Chemie, hervorgegangen aus der Alchemie im 18. Jahrhundert.16<\/sup> Im 19. Jahrhundert verband sie sich gewinnbringend mit dem Gewerbe zur chemischen Industrie.17<\/sup>

Diese Entwicklung hin zur Spaltung der Alchemie und der Chemie bedeutete aber nicht das Ende der ersteren, wie Tara Nummedal betont. Vielmehr lehnte der akademische Kontext die Alchemie im Verlauf dieser Entwicklungen mehr und mehr ab.18<\/sup> So ergänzt Carlos Gilly, dass die Alchemie damit einhergehend als eine Passage der »Geschichte der menschlichen Narrheit« abgetan wurde.19<\/sup> Die Unzulänglichkeit in der Auseinandersetzung mit Alchemie veranlasste die Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten, Alchemie in der Wissensgeschichte neu zu verorten20<\/sup> – »alchemy has now been ›restored‹ to its rightful place in the history of science or medicine; in other words, historians have shown that alchemy is related to the study of matter, experiment, vitalism, and print culture, all of which lie at the heart of early modern science.«21<\/sup> Während die Alchemie und ihre Forschungsweise also jegliche Anerkennung verloren und erst in den jüngsten Jahrzehnten rehabilitiert wurden, ließen sich deren Motive problemlos auf Werbung transferieren. Sprach Max Weber 1920 von der »Entzauberung der Welt« und Beatrix Messmers von der »Verwissenschaftlichung des Alltags« (1997), hatten beide offensichtlich vergessen, der Werbung Bescheid zu geben.22<\/sup>

Denn versuchte die Alchemie mittels Elixieren oder des Steins der Weisen »kranke Körper gesund« zu machen, versprechen kosmetische Produkte mit meist mystifizierten Wirkstoffen (scheinbar) verbesserungswürdige Körper zu vervollkommnen.23<\/sup> Kosmetikwerbung, die zusichert, dass alles Körperliche reparierbar oder ersetzbar ist, hat sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzen können. So stellt sich die Frage abermals: Magisch verwandelte perfekte Haut? Nichts leichter als das. Die Träume von der Verwandlung des Lebendigen werden aber nicht von einer übersinnlichen Superwissenschaft erfüllt, sondern von der Kosmetikbranche – auf der Grundlage moderner Labore und fleißiger Werber*innen.
»The pressure on women to buy the best they can afford, and to spend vast sums of money on something that is not proven to work, is immense.«24<\/sup>

Für die Kosmetik gilt und gelingt der Mythos der Goldmacherei im übertragenen Sinne:25<\/sup> Der Wunsch nach makelloser, reiner, junger Haut verwandelt sich in Geld. Der Schweizer Kosmetikmarkt setzte 2019 fast zwei Milliarden Franken um, wovon Gesichtspflege einen Marktanteil von 19.3% und dekorative Kosmetik 16.1% ausmachten.26<\/sup>

"}]},{"blog_dataid":"68","blog_listelementid":"178","blog_listtype":"2","blog_listposition":"3","data":[{"blog_imageid":"35","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/La Prairie1.png","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Das verjüngende Mittel wird jeweils morgens aufgetragen.
»Platinum Rare: Haute-Rejuvenation Elixir«,
https:\/\/www.laprairie.com\/de-ch\/haute-rejuvenation-elixir\/95790-01318-45.html<\/a>."}]}]},{"blog_dataid":"66","blog_title":"Emulsionen. Oder: über ein paar Tröpfchen Metaphysik in der Konsumkultur","blog_date":"2021-07-01","blog_author":"Wendelin Brühwiler","blog_leadtext":"Marienmilch war am Beginn der frühen Neuzeit ein Kommerzprodukt mit metaphyischer Aufladung. Wie aber konnte die biblische Persona der Jungfrau überhaupt auf die Flüssigkeit ausgreifen?","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"7","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"66","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"211","referencetext":"Ludolf Kuchenbuch: »Denar-Druck im Okzident 700–1050: Ein Beitrag zur historischen Anthropologie des Geldes«, in: Historische Anthropologie <\/i>27\/1 (2019), S. 52–74, hier S. 68, 70.","referenceposition":"1"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"66","blog_listelementid":"182","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"72","replicheadline":"Emulsionen. Oder: über ein paar Tröpfchen Metaphysik in der Konsumkultur","replictext":"Rein war Maria von Anfang an. Zumindest gilt das für ihre theologische Fassung, die man am Jahr 1854 und dem Dogma der unbefleckten Empfängnis durch Papst Pius IX festmachen kann. Ein Idol der Frömmigkeit war Maria freilich schon lange zuvor. Das mag auch mit ihrer Reinheit zu tun haben, auf die etwa die Dominikaner weit vor dem 19. Jahrhundert insistierten. In bildlicher und figürlicher Darstellung allerdings richtete sich das Interesse ab dem späten Mittelalter, wie Tiziana Bonetti an reichem Material veranschaulicht, auf Marias konkrete Verbindungen zum Göttlichen; eine Verbindung, die niemals rein sein konnte, sondern durchzogen war von irdischen Vorstellungen. Wo es um die darstellerische Ausdeutung der Mutterschaft ging, schickten die Künstler Engel vor oder sie zogen kurzerhand einen Kanal von Gottes Mund zu Marias Ohr. Vor allem aber lässt sich immer wieder ein altgedientes Motiv in Stellung bringen, das einen Transfer in die Gegenrichtung vor Augen stellt: Maria Lactans.

So weit so gut. Die theologischen, künstlerischen und populären Projektionen schießen durcheinander (und mit ihnen die Zeitschichten). Doch damit lässt es Bonetti nicht gut sein. In ihren Nachforschungen ist sie über Alltagsdevotionalien auf einen eigenartigen Kommerz gestoßen, der sich ab dem späten Mittelalter um die Marienmilch entwickelte. Es handelt sich um eine auf den ersten Blick rasant moderne Ökonomie, die umso mehr ins Auge springt, als Bonetti in ihrem Beitrag den Bezug zur modernen Reklame forciert.

An diese Ausgangslage möchte ich zwei Fragen richten. Erstens ist erklärungsbedürftig, dass die heilsgeschichtliche In-Wert-Setzung im Fall Marias von der theologischen Figur und biblischen Persona auf die Flüssigkeit ausgreift. Wie kommt die Milch in die Geschichte und was steht dabei auf dem Spiel? Zweitens stellt sich die Frage, ob die Engführung religiöser Geschäftsmodelle der Frühen Neuzeit mit der zeitgenössischen Werbung durch die Charakteristik dessen gedeckt ist, was sich im italienischen Örtchen Montevarchi, in der englischen Grafschaft Kent und um die Geburtsgrotte in Bethlehem entspann. Ein reges Geschäft nämlich um die Milch bzw. mit dem Stoff, den man dafür ausgeben konnte.

Die erste Frage lässt sich medienlogisch wie folgt beantworten: Maria avanciert vom mittelnden Faktor des Heils zum eigentlichen Ausgangspunkt. Dies muss in unseren heutigen Augen zumindest verwunderlich erscheinen. Schon der zitierte Calvin hatte einen Reiz darin gefunden, gegen solchen Unsinn zu polemisieren. Darstellungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert – etwa zu den mit Maria assoziierten Schneewundern – legen jedoch nahe, dass ontologische Einsätze auf dem Spiel stehen, die bei allen Inflationierungen des Wunderglaubens von einer rationalistischen (?) Polemik kaum zu erfassen sind. Daraus könnte man wiederum auf Vorbehalte gegen eine Dialektik von theologischer Reinigung und populärer Verschmutzung, von sakraler Validierung und profaner Verwertung schließen.

Die zweite Frage lässt sich historisch reformulieren: Ist es von Bedeutung, dass das Geschäft mit den Marienmilchreliquien am Übergang zur Frühmoderne aufkam? Und wie ließe sich eine solche Bedeutsamkeit ermessen? Statt 400 Jahre vorzugreifen zum Dogma der katholischen Kirche (zeitgleich entwickelt sich mit Beginn der sogenannten ersten Globalisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine im Selbstanspruch universale Konsumkultur), kann man auch 500 Jahre zurückblenden, um die Frage, welche Ökonomie in der dargestellten Weise am Werk ist, in einen umgekehrten chronologischen Kontrast zu stellen.

Zu diesem Zweck möchte ich kurz ausholen: Um das Jahr 1000 waren religiöse Wertverhältnisse omnipräsent. Diese wurden in kleinräumiger sozialer Normierung vermittelt, sie hatten aber eine ökonomische Bewandtnis, die darüber hinausreichte. Wie Ludolf Kuchenbuch anhand einer Untersuchung zur zähen Durchsetzung der Silberwährung (Denar) vorgeschlagen hat, schliff sich im sozialen Getriebe in den »riesigen Agrar-Räumen[n]« Kontinentaleuropas ein distinktes feudo-klerikales Wertschema ein. Die Pointe: nicht der Tausch stimulierte die Genese dieser ersten postantiken monetären Ökonomie in Westeuropa. Merkantile Formen, die ohnehin sehr selten blieben, hatten daran kaum Anteil.

Die Zirkulation ist gerade nicht das maßgebliche Prinzip. Vielmehr »läuft« das vermünzte Silber in eine Richtung und strebt im Sinne einer »finalen Entrichtung« zur Stillstellung in Schatzbildung und Ostentation.1<\/sup> So ›richten‹ sich die Wertverhältnisse dieser Zeit nach einer metaphysischen Attraktion, die im Ornat der Kirchenaltäre ihre ausdrucksstärkste Form gefunden hat. Versilberte Verhältnisse nennt das Kuchenbuch (die Anspielung an Mark Twain und Charles D. Warners »vergoldetes Zeitalter« ist nicht zu überhören).

Die skizzierte Attraktion ist im 15. Jahrhundert und darüber hinaus intakt. Jedoch spricht aus Bonettis Material ein Prinzip der Gegenläufigkeit. In die eine Richtung laufen Aufmerksamkeit, Verehrung, Kaufkraft und Legate. In die andere läuft der Stoff der Muttergottes. Dass zur Reformationszeit die Heilsfrage verstärkt von merkantilen Prinzipien erfasst wurde, wäre nichts Neues. Die beigebrachten Beispiele legen aber nahe, dass sich im religiösen Raum Provinzen der Geschäftstüchtigkeit konstituieren, die tauschförmig operieren, dabei aber synkretistisch bleiben und ein tertium comparationis<\/i> gerade entbehren. Man könnte von vermischten Verhältnissen sprechen: aus Metaphysik und Material, Heil und Remedur, Reliquie und Souvenir. Oder auch von Emulsionen, einer Eintrübung in reines Weiß.

Die Genese entsprechender Geschäftsmodelle, ihre Betriebsvoraussetzungen und Langzeitwirkungen zu bestimmen, ist ein ungemein lohnenswertes Unternehmen. Man ist versucht, frühe Beispiele von esoterischem Kommerz zu erkennen, deren Erforschung Perspektiven auf metaphysische Einschlüsse moderner Konsumkultur eröffnet.
","replicauthor":"Wendelin Brühwiler, Winterthur","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache02_Replik_Bruehwiler.pdf","chaptername":"Purity sells","chapterid":"49","partid":"30","bookid":"2","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"65","blog_title":"Streicheleinheiten im Fünfminutentakt","blog_date":"2021-06-28","blog_author":"Jürg Schaffhuser","blog_leadtext":"Die »Magie« der Werbung. Ist sie Verführung, Okkultismus oder nur rationales Handwerk?","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"65","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"65","blog_listelementid":"175","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"73","replicheadline":"Streicheleinheiten im Fünfminutentakt","replictext":" Die »Magie« der Werbung. Ist sie Verführung, Okkultismus oder nur rationales Handwerk? Eine Werbekampagne operiert argumentativ und rational. Buchdicke Exposés bilden die Basis für die erfolgreiche Strategie bei der Vermarktung eines Produktes. Eine Werbekampagne spielt aber auch mit den Sehnsüchten der Konsumentinnen und Konsumenten. In der postmaterialistischen Gesellschaft werden die zunehmend relevanter. Und diese Sehnsüchte sind dank der jahrzehntelangen Bespaßung durch die Werbung deckungsgleich, wie zum Beispiel Glück, Sex und Geborgenheit. Zurzeit ist die Jugendlichkeit gepaart mit Vorsprung durch Technik am meisten angesagt. Knapp dahinter wohl jahreszeitbedingt das Schweizer Fleisch auf dem Kugelgrill. Der Konsument wird eingelullt und sein Ego erhält im Fünfminutentakt eine Streicheleinheit. Wohin die Reise führt ist ungewiss. Nach der Lektüre von Houellebecqs Die Möglichkeit einer Insel<\/i> sieht es für die Konsum-Fetischisten – dazu muss man wohl auch die Werbetreibenden zählen – nicht allzu rosig aus. Es gibt einfach zu viele Feuerchen, die das Eis zum Schmelzen und die Menschen zum Schwitzen bringen.

Die Werbeagentur Velvet, 1995 in Luzern gegründet, versteht ihr Geschäft: Ihre Plakate für Theater, Ausstellungen und Filmfestivals haben in der Schweiz und in Deutschland im Wortsinn Werbegeschichte gemacht. Velvet wurde nicht weniger als fünfzehn Mal im Rahmen der jährlich vergebenen »100 besten Plakate« aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet und hat einmal Gold und einmal Silber im Art Directors Club Deutschland gewonnen. Jürg Schaffhuser ist Mitbegründer und Creative Director von Velvet.<\/i>
","replicauthor":"Jürg Schaffhuser, Berlin","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/cache02_Replik_Schaffhuser.pdf","chaptername":"Glaube mir","chapterid":"44","partid":"26","bookid":"2","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"60","blog_title":"Tauchgang im Milchsee: Zur Imaginationsgeschichte der Kuhmilch","blog_date":"2021-02-22","blog_author":"Mounir Badran","blog_leadtext":"Obschon der Pro-Kopf-Kon­sum von Trink­milch in Euro­pa und Nor­da­me­ri­ka mas­siv gesun­ken ist, bleibt die Mil­ch­in­du­s­trie ein Big Busi­ness und in der Schweiz Natio­nal­hei­lig­tum. Daher lohnt es sich nach wie vor über die Erzäh­lung von der »rei­nen wei­ßen Milch« nach­zu­den­ken.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"3","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"60","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Andrea S. Wiley: Re-imagining Milk: Cultural and Biological Perspectives<\/i>, New York: Routledge (2016) (= The Routledge Series for Creative Teaching and Learning in Anthropology), S. 14.","referenceid":"345","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Gisela Steinlechner: »Es fließt, es fließt ... die Milch«, in: Wolfgang Ulrich, Juliane Vogel (Hg.): Weiß: Ein Grundkurs<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (2003) (= Fischer Taschenbuch 15758), S. 75–92, hier S. 76.","referenceid":"344","referenceposition":"2"},{"referencetext":"So zumindest beschrieb NZZ-Feuilletonist Adolf Koelsch 1936 die Wirkung von Milch, zit. n. Schweizerische Milchkommission (Hg.): Die schweizerische Milchwirtschaft<\/i>, Thun: Verlags-Aktiengesellschaft (1948), S. XXXIII.","referenceid":"362","referenceposition":"3"},{"referencetext":"Melanie Jackson, Esther Leslie: »Unreliable Matriarchs«, in: Mathilde Cohen, Yoriko Otomo (Hg.): Making Milk: The Past, Present and Future of Our Primary Food<\/i>, London: Bloomsbury Academic (2019), S. 63–80, hier S. 63–65.","referenceid":"363","referenceposition":"4"},{"referencetext":"
Gisela Steinlechner: »Es fließt, es fließt ... die Milch«, in: Wolfgang Ulrich, Juliane Vogel (Hg.): Weiß: Ein Grundkurs<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (2003) (= Fischer Taschenbuch 15758), S. 75–92, hier S. 76‒78.<\/a>","referenceid":"366","referenceposition":"5"},{"referencetext":"Melanie Jackson, Esther Leslie: »Unreliable Matriarchs«, in: Mathilde Cohen, Yoriko Otomo (Hg.): Making Milk: The Past, Present and Future of Our Primary Food<\/i>, London: Bloomsbury Academic (2019), S. 63–80, hier S. 69–70.","referenceid":"368","referenceposition":"6"},{"referencetext":"Hermann Lebert: Die Milch und das Henri Nestle’sche Milchpulver als Nahrung während der frühesten Kindheit und in späteren Lebensaltern<\/i>, Basel: Schweighauser (1875), S. 16, 23, 26.","referenceid":"365","referenceposition":"7"},{"referencetext":"Albert Pfiffner: Henri Nestlé (1814–1890): Vom Frankfurter Apothekergehilfen zum Schweizer Pionierunternehmer<\/i>, Zürich: Chronos (1993), S. 193–195, 242.","referenceid":"350","referenceposition":"8"},{"referencetext":"Albert Pfiffner: Henri Nestlé (1814–1890): Vom Frankfurter Apothekergehilfen zum Schweizer Pionierunternehmer<\/i>, Zürich: Chronos (1993), S. 193–195, 242.","referenceid":"369","referenceposition":"9"},{"referencetext":"Deborah Valenze: Milk: A Local and Global History<\/i>, New Haven: Yale University Press (2011), S. 178–198. Valenzes Studie ist mitnichten die erste Kulturgeschichte der Milch wie der Buchumschlag behauptet, aber bis anhin eine der sorgfältigsten. Vgl. E. Melanie Dupuis: Nature’s Perfect Food: How Milk Became America’s Drink<\/i>, New York: New York University Press (2002).","referenceid":"367","referenceposition":"10"},{"referencetext":"Vgl. Thomas Fenner: Die Milchwelle: Aufstieg und Untergang der Berneralpen Milchgesellschaft, 1892–1971<\/i>, Bern: Historischer Verein des Kantons Bern (2007); Annatina Seifert (Hg.): Dosenmilch und Pulversuppen: Die Anfänge der Schweizer Lebensmittelindustrie<\/i>, Vevey: Alimentarium (2008).","referenceid":"347","referenceposition":"11"},{"referencetext":"Victor Cnyrim: »Ueber die Production von Kinder- und Kurmilch in städtischen Milchkuranstalten«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege<\/i> 11 (1879), S. 239–254, 443–467, hier S. 464–465.","referenceid":"354","referenceposition":"12"},{"referencetext":"Melanie Jackson, Esther Leslie: »Unreliable Matriarchs«, in: Mathilde Cohen, Yoriko Otomo (Hg.): Making Milk: The Past, Present and Future of Our Primary Food<\/i>, London: Bloomsbury Academic (2019), S. 63–80, hier S. 72; Victor Cnyrim: »Ueber die Production von Kinder- und Kurmilch in städtischen Milchkuranstalten«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege<\/i> 11 (1879), S. 239–254, 443–467, hier S. 465.","referenceid":"357","referenceposition":"13"},{"referencetext":"Kendra Smith-Howard: Pure and Modern Milk: An Environmental History since 1900<\/i>, New York: Oxford University Press, S. 3–4, 8–9.","referenceid":"356","referenceposition":"14"},{"referencetext":"Deborah Valenze: Milk: A Local and Global History<\/i>, New Haven: Yale University Press (2011), S. 287‒291; vgl. auch den zweiseitigen Exkurs zur Schweizer Milchwirtschaft in Andrea S. Wiley: Re-imagining Milk: Cultural and Biological Perspectives<\/i>, New York: Routledge (20162<\/sup>) (= The Routledge Series for Creative Teaching and Learning in Anthropology), S. 46‒48.","referenceid":"355","referenceposition":"15"},{"referencetext":"Deborah Valenze: Milk: A Local and Global History<\/i>, New Haven: Yale University Press (2011), S. 291.","referenceid":"349","referenceposition":"16"},{"referencetext":"Gisela Steinlechner: »Es fließt, es fließt ... die Milch«, in: Wolfgang Ulrich, Juliane Vogel (Hg.): Weiß: Ein Grundkurs<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (2003) (= Fischer Taschenbuch 15758), S. 75–92, hier S. 76; Kendra Smith-Howard: Pure and Modern Milk: An Environmental History since 1900<\/i>, New York: Oxford University Press, S. 9.","referenceid":"358","referenceposition":"17"},{"referencetext":"Melanie Jackson, Esther Leslie: »Unreliable Matriarchs«, in: Mathilde Cohen, Yoriko Otomo (Hg.): Making Milk: The Past, Present and Future of Our Primary Food<\/i>, London: Bloomsbury Academic (2019), S. 63–80, hier S. 63‒64.","referenceid":"359","referenceposition":"18"},{"referencetext":"Peter Moser: »Milch – ein beliebtes, aber umstrittenes ›Naturkunstprodukt‹«, in: Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin<\/i> 5 (2017), S. 18–20.","referenceid":"348","referenceposition":"19"},{"referencetext":"Kendra Smith-Howard: Pure and Modern Milk: An Environmental History since 1900<\/i>, New York: Oxford University Press, S. 4.","referenceid":"364","referenceposition":"20"},{"referencetext":"Valentin Groebner: Wer redet von der Reinheit? Eine kleine Begriffsgeschichte<\/i>, Wien: Passagen (2019) (= Passagen Gesellschaft), S. 42.","referenceid":"353","referenceposition":"21"},{"referencetext":"Kendra Smith-Howard: Pure and Modern Milk: An Environmental History since 1900<\/i>, New York: Oxford University Press, S. 9, 14.","referenceid":"346","referenceposition":"22"},{"referencetext":"Vgl. auch Roman Rossfeld: »Gepanschte Nahrung und gemischte Gefühle: Lebensmittelskandale, Ernährungskultur und Food-Design aus historischer Perspektive«, in: Roger Fayet (Hg.): Verlangen nach Reinheit oder Lust auf Schmutz? Gestaltungskonzepte zwischen rein und unrein<\/i>, Wien: Passagen (2003) (= Passagen Kunst), S. 75–96; Benjamin R. Cohen: Pure Adulteration: Cheating on Nature in the Age of Manufactured Food<\/i>, Chicago: University of Chicago Press (2019).","referenceid":"360","referenceposition":"23"},{"referencetext":"Deborah Valenze: Milk: A Local and Global History<\/i>, New Haven: Yale University Press (2011), S. 188.","referenceid":"361","referenceposition":"24"},{"referencetext":"Peter von Matt stellt sich der Frage, »welche Macht solchen Bildern im kollektiven Seelenleben zukommen«. Peter von Matt: »Die Schweiz zwischen Ursprung und Fortschritt: Zur Seelengeschichte einer Nation«, in: ders.: Das Kalb vor der Gotthardpost: Zur Literatur und Politik der Schweiz<\/i>, München: Hanser (2012), S. 9–93 hier S. 33‒34; vgl. auch Béatrice Veyrassat: »Wirtschaft und Gesellschaft an der Wende zum 20. Jahrhundert«, in: dies., Patrick Halbeisen, Margrit Müller (Hg.): Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert<\/i>, Basel: Schwabe (2012), S. 33–81, hier S. 42.","referenceid":"351","referenceposition":"25"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"60","blog_listelementid":"151","blog_listtype":"2","blog_listposition":"0","data":[{"blog_imageid":"26","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/00005817.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":" Werbebild für Nestlé-Dosenmilch<\/i>, aus: Schweizerische Milchkommission (Hg.): Die schweizerische Milchwirtschaft<\/i>, Thun: Verlags-Aktiengesellschaft (1948), S. 893.
"}]},{"blog_dataid":"60","blog_listelementid":"164","blog_listtype":"1","blog_listposition":"1","data":[{"blog_texttext":"Milch ist weder weiß noch rein. Über diesen Mythos hat die heterogene Anhängerschaft der cultural studies<\/i> in den letzten zwanzig Jahren viel geforscht und publiziert, obschon der Pro-Kopf-Konsum von Trinkmilch in Europa und Nordamerika in dieser Zeit massiv gesunken ist. Die Milchindustrie bleibt ein Big Business und hat nach Indien und China expandiert.1<\/sup> Besonders in der Schweiz ist die Milchverarbeitung Nationalheiligtum. Daher lohnt es sich nach wie vor über ihre visuelle Darstellung nachzudenken. Im Folgenden sollen vier programmatische Texte zur visual history<\/i> der Kuhmilch besprochen werden. Der Milchfluss mündet in den See Milch wird erst dann weiß, wenn die symbiotische Kuh-Kalb-Beziehung unterbrochen und sie für menschliche Konsument*innen abgezapft wird. Es entsteht ein weißer Milchsee, der gleichzeitig natürlichen Überfluss und Unverdorbenheit verspricht, wie Gisela Steinlechner gezeigt hat.2<\/sup> Dieses (»unkorrumpierbare«) Weiß der Milch signalisiert neben ihrer Reinheit eigentlich eine Leerstelle. Die auf den Milchpackungen abgebildeten Kühe – ohne ihre Kälber – sind deswegen Emblem. Sie verweisen weniger auf die ursprüngliche Herkunft der Milch als auf den »hygienischen und sentimentalen Sicherheitsabstand«, der menschliche Verbraucher*innen von den tierischen Erzeugerinnen trennt. Denn der Körpersaft, der tatsächlich dafür bestimmt ist, direkt vom Euter ins Maul zu fließen, muss haltbar und verkäuflich gemacht werden ‒ mittels Kondensieren, Sterilisieren, Pasteurisieren und Homogenisieren: »Die Milch soll am dritten wie am ersten Tag schmecken und sie soll ihre Farbe und Konsistenz nicht verändern«.3<\/sup> In diesem organischen Strom wird die Zeit nicht nur angehalten, sondern sogar zurückgespult: Durch das Eintauchen in den Milchsee fällt man zurück ins Hirtenzeitalter und die Welt nimmt ein Bild der Idylle an.4<\/sup> Einfach so und von selbst fließt Milch jedoch nur im Alten Testament und in der Werbung; seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird sie industriell produziert. Making Milk<\/i> heißt denn auch ein Sammelband, der 2019 erschienen ist. Gleichwohl definieren Melanie Jackson und Esther Leslie in ihrem Beitrag Milch als eine Ur-Substanz: »Reine weiße Milch« sei ein Idealtypus, eine Norm und als solche ein »Produkt unserer Fantasie«. Als Industrieprodukt dagegen kann Milch flüssig oder fest, Pulver oder Schaum sein und gegossen, gepresst, geformt und extrudiert werden. Milch wird formlos und formbar: Als polymorphe Substanz neige sie, so Jackson und Leslie, zu »promiskuitiven Kollaborationen«.5<\/sup> Kollaboration kann zu Kontamination führen. Für Steinlechner ist Milch ebenfalls eine Flüssigkeit, die sich mit allem und jedem anstecke und vermische. Gerade Rohmilch sei ein »launisches Getränk«, das wie ein Medium die Sinnesdaten der Umgebung (Gerüche!) aufnehme und leicht verderblich, sogar gefährlich sei. Ihre Reinheit tritt dabei nur als Illusion auf. Angst vor Ansteckung und Verschmutzung – also die Angst vor der Unreinheit – gedeiht umso besser, wenn aller Schmutz, alle Berührungen und Vermischungen systematisch ausgeblendet werden. Deswegen gilt: Wo immer Milch aus dem Körper austritt, muss eine Deutung, eine Bannung stattfinden.6<\/sup> Vom See zum Meer Ärzte begannen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Kuhmilch in Form künstlicher Säuglingsnahrung zu empfehlen, weil sie der Frauenmilch überlegen und der menschliche weibliche Körper unzuverlässig sei.7<\/sup> (»Unreliable Matriarchs« betiteln Jackson und Leslie ihren Text.) Der Mediziner und Naturwissenschaftler Hermann Lebert verglich 1875 Frauenmilch, Kuhmilch und Henri Nestlés Kindermehl, ein industriell produziertes Kindernahrungsmittel, »dessen Basis die vortreffliche Schweizermilch« sei, miteinander: »Es steht also fest, dass die Kuhmilch nach allen Richtungen hin nährender ist, als die der Frau […].« Er kam zum Schluss: Falls die Mutter nicht ausreichend Milch habe, sei Kindermehl weitaus die beste Nahrung für einen Säugling.8<\/sup> Im selben Jahr verkaufte Nestlé 1.1 Millionen Packungen Kindermehl in über zwanzig Ländern auf allen fünf Kontinenten.9<\/sup> Die industrielle Milchverwertung wurde in Nordamerika wie in der Schweiz ein enorm lukratives Geschäft, das den Output der Kondensmilch – ein zweites, und viel populäreres Milchprodukt – auf ein außergewöhnliches Niveau hob. Kriege und Kolonialismus förderten die Nachfrage nach lange haltbarer und gut transportierbarer Milch; der westliche Imperialismus schuf am Ausgang des 19. Jahrhunderts einen weltumspannenden Markt für Milchpulver und Dosenmilch. (All das ist in Deborah Valenzes Kulturgeschichte der Milch nachzulesen.)10<\/sup> Schweizer Milchunternehmen wie Nestlé und ihre größte Konkurrenz, die Anglo-Swiss Condensed Milk Company, bewarben ihre globalisierte Industriemilch als »Schweizer Qualitätsprodukt« oder »Alpenmilch« – oft mit dem Attribut »rein«.11<\/sup> Was Lebert nicht erwähnte: Nestlés Kindermehl bestand fast zur Hälfte aus Zucker (wie auch die Kondensmilch) und zu einem Fünftel aus Stärkemehl, wie der deutsche Arzt Victor Cnyrim einige Jahre später kritisch anmerkte; bei einem höheren Anteil getrockneter und pulverisierter Milch wäre das Produkt zu leicht verderblich gewesen. Das Kindermehl sei folglich kein zweckmäßiger Ersatz für Frauenmilch, so Cnyrim. Es müsse gegen die unbehandelte, halb so teure »wirklich gute Kuhmilch unbedingt zurückstehen«.12<\/sup> Jackson und Leslie mögen Recht haben, dass trotz wiederholten Behauptungen und Bemühungen, die Milch zu »verbessern«, solche Vorhaben in den letzten hundert Jahren gescheitert seien – Viktor Cnyrim würde ihnen vermutlich zustimmen.13<\/sup> Oder geht es gar nicht um Verbesserung, sondern um magische Verwandlung? Im Spiegel des Milchsees Kein anderes Nahrungsmittel, schreibt Kendra Smith-Howard in ihrem Buch Pure and Modern Milk<\/i>, symbolisiere so beständig vermeintliche natürliche Reinheit, während es dramatischen Transformationen durch moderne Verarbeitungstechnologien unterworfen sei. Umgekehrt sei kein Konzept wichtiger dafür gewesen, Milch zu einer sicheren und für Menschen geeigneten Nahrung zu machen, als dasjenige der Reinheit. Die Hinwendung der Menschen zur Natur als Quelle für die Reinheit der Milch war selbst ein modernes Phänomen. Erst als die Verbraucher*innen zur Überzeugung gelangten, dass die Lebensmittel, von denen ihr Leben abhing, irgendwie unnatürlich und befremdlich waren, konnten sie versuchen, durch ihre Ernährung »zur Natur zurückzukehren«14<\/sup> – als Tauchgang im Milchsee. Laut Deborah Valenze hält die »Aura der Milch« als eine Sehnsucht nach einer vergangenen Idylle bis heute an. Die Schweiz als ihr Epizentrum – die Autorin beschreibt die Schweizer als »historic dairying population« – ist dabei besonders von Nostalgie geprägt: Die Werbebilder ihrer Milchproduktion seien ein Platzhalter für eine Vision einer verschwindenden landwirtschaftlichen Vergangenheit.15<\/sup> Als sie am Schluss ihres Buches den Mediensprecher des Interessenverbands der Schweizer Milchproduzenten zitiert, scheint Valenze sich selbst von dieser Nostalgie bezaubern zu lassen: Der Anblick der Kühe, die auf weitläufigen, grünen Wiesen weiden, sei das, woran wir denken, wenn wir uns die »Natur« vorstellen. Die Schweizer Milchbauern und -bäuerinnen (und ihre Kühe) ließen die Landschaft so aussehen, wie sie sein sollte. »Even after all the hard science of the twentieth century, milk remains more magical than the sum of its nutrients.«16<\/sup> Die Milch als Zaubertrank? Oder, durch ihre weiße Indifferenz, nur ein perfekter Spiegel für Projektionen?17<\/sup> Für Jackson und Leslie ist Milch ein indexikalisches Zeichen, ein Code, den es zu entschlüsseln gelte. Trotz oder gerade wegen ihrer trüben, lichtundurchlässigen Erscheinung reflektiere Milch unglaublich viele Bedeutungen. Milch funktioniere auch als Spektrometer und mittels »Milch als Filter«, so beschwören es die beiden Autorinnen, könne man Charakteristisches über einen bestimmten Zeitraum messen.18<\/sup> Demnach ist Milch ein idealer Untersuchungsgegenstand für die Geschichtswissenschaft. Baggersee statt Bergsee Ähnlich wie Jeremias Gotthelf, der die neuen Agrarprodukte im 19. Jahrhundert treffend als »Naturkunstprodukte« charakterisierte,19<\/sup> spricht Smith-Howard von Milch als ein »modifiziertes ›natürliches‹ Lebensmittel«.20<\/sup> »Reine weiße Milch« war also mit konkreter Arbeit verbunden, der Arbeit von Spezialisten.21<\/sup> Smith-Howard untersucht in ihrer Studie die Rolle der Produzenten*innen und Hüter*innen der Reinheit: Die Bauernfamilien, die Gesundheitsbehörden und die Lebensmittelhersteller. Wo aber bleiben die Werbespezialist*innen – die Sprecher*innen und eigentlichen Verkäufer*innen der Reinheit? Sie erwähnt Smith-Howard nur am Rande. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts industriell hergestellte Milch zum Markenprodukt wurde – Nestlés Kindermehl, Anglo-Swiss’ Kondensmilch –, legten die silent salesmen<\/i> mithilfe von Werbung und Etikett fest, wo die Reinheit der Milch ihren Ursprung hatte. Im Auftrag der Nahrungsmittelindustrie waren sie es, die das Bild davon veränderten, wie Konsumenten*innen die Natur wahrnehmen (sollten): Sie nannten Kuhmilch »natürlich«, um sie mit der Vision einer friedlichen und gesunden Landschaft zu verbinden, die im Gegensatz zur korrupten und vergifteten Stadt stand.22<\/sup> »Reine Milch« ist womöglich weniger Zaubertrank als vielmehr magisches Gegenmittel – ganz im Sinne von Steinlechner – gegen die Auswüchse des modernen Stadtlebens, gegen Lebensmittelverfälschungen und gegen alle Arten von »Überzivilisation« und »Unreinheit«.23<\/sup> Die Werbebilder und -slogans amerikanischer Milchunternehmen, schreibt auch Valenze, hätten schon um 1900 erfolgreich den städtischen Konsumenten*innen Zuflucht und Schutz vor den Gefahren industrieller Urbanisierung und die Abwehr von Ängsten vor dem modernen Leben versprochen – durch Konsum von »reiner weißer Milch«.24<\/sup> Solche neue Industrieprodukte erzeugten wirkungsvolle Resonanzräume des »Natürlichen« und »Traditionellen«. Ähnliches gilt für die Bilder von der Schweiz. Denn nicht nur die Schweizer Tourismus-, sondern auch die Milchindustrie exportiert bis heute »[d]as nationale Traumbild vom stadtfernen Volk in der ursprünglichen Natur, frei, friedlich, vernünftig […]« in die ganze Welt hinaus.25<\/sup> Können wir uns unser eigenes Verhältnis zu Ernährung und Natur ohne solche verführerischen Embleme vorstellen? "}]}]},{"blog_dataid":"61","blog_title":"Soziale Naturwissenschaft","blog_date":"2021-02-19","blog_author":"Hendrik Adorf","blog_leadtext":"Ein theo­re­ti­sches Beg­leit­pro­gramm zu den öko­lo­gi­schen Bewe­gun­gen der 1970er- und 80er-Jah­re – so könn­te man das Pro­jekt ›Sozia­le Natur­wis­sen­schaft‹ rück­bli­ckend beg­rei­fen. Die gleich­na­mi­ge, 1980 an der TH Darm­stadt kon­sti­tu­ier­te Arbeits­grup­pe hat­te sich zum Ziel gesetzt, aus der Kri­tik an den moder­nen Natur­wis­sen­schaf­ten her­aus einen »neu­en Typ« von Wis­sen­schaft zu ent­wer­fen und zu prak­ti­zie­ren.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"3","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"61","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Gernot Böhme, Joachim Grebe: »Soziale Naturwissenschaft. Über die wissenschaftliche Bearbeitung der Stoffwechselbeziehung Mensch-Natur« [1980], in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 19-41, hier S. 31.","referenceid":"596","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Gernot Böhme, Engelbert Schramm: »Vorwort der Herausgeber«, in: Dies. (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 5-15, hier S. 7 und S. 11ff.","referenceid":"597","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Joachim Grebe: »Entstehung und Entwicklung des Projektes Soziale Naturwissenschaft«, in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 143-160, hier S. 146.","referenceid":"614","referenceposition":"3"},{"referencetext":"Joachim Grebe: »Entstehung und Entwicklung des Projektes Soziale Naturwissenschaft«, in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 143-160, hier S. 145f.","referenceid":"598","referenceposition":"4"},{"referencetext":"Gernot Böhme, Engelbert Schramm: »Vorwort der Herausgeber«, in: Dies. (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 5-15, hier S. 8.","referenceid":"600","referenceposition":"5"},{"referencetext":"Alfred Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx<\/i>, Frankfurt am Main (1962). Zur Verbreitung siehe den Nachruf auf Alfred Schmidt von Rudolf Walther: »Im Dienste der Aufklärung«, in: taz<\/i> vom 31.08.2012, online unter URL:
https:\/\/taz.de\/Im-Dienste-der-Aufklaerung\/!562871\/<\/a> [letzter Zugriff: 21.01.2021]. Die Darmstädter AG nahm vielfach Bezug auf Schmidts Buch und lud ihn im WS 1978\/79 auch in Gernot Böhmes Kolloquium an der TH Darmstadt ein; siehe Gernot Böhme: Wissenschaft\/Technik\/Gesellschaft: 10 Semester interdisziplinäres Kolloquium an der THD<\/i>, Darmstadt (1984), S. 23 und S. 111ff.","referenceid":"599","referenceposition":"6"},{"referencetext":"Gernot Böhme, Joachim Grebe: »Soziale Naturwissenschaft. Über die wissenschaftliche Bearbeitung der Stoffwechselbeziehung Mensch-Natur« [1980], in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 19-41, hier S. 29ff.","referenceid":"601","referenceposition":"7"},{"referencetext":"Gernot Böhme, Joachim Grebe: »Soziale Naturwissenschaft. Über die wissenschaftliche Bearbeitung der Stoffwechselbeziehung Mensch-Natur« [1980], in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale <\/i>Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 19-41, hier S. 35f.","referenceid":"612","referenceposition":"8"},{"referencetext":"Wolf Schäfer: »Soziale Naturwissenschaft«, in: Der Fischer Öko-Almanach 82\/83: Daten, Fakten, Trends der Umweltdiskussion<\/i>, hrsg. von Gerd Michelsen, Uwe Rühling, Fritz Kalberlah und dem Öko-Institut Freiburg\/Br., Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1982), S. 43-50, hier S. 48f.","referenceid":"603","referenceposition":"9"},{"referencetext":"Gernot Böhme, Joachim Grebe: »Soziale Naturwissenschaft. Über die wissenschaftliche Bearbeitung der Stoffwechselbeziehung Mensch-Natur« [1980], in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 19-41, hier S. 37f.","referenceid":"602","referenceposition":"10"},{"referencetext":"Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Wolfgang Krohn: »Alternativen in der Wissenschaft«, in: Zeitschrift für Soziologie<\/i> 1\/4 (1972), S. 302-316. Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Wolfgang Krohn: »Die Finalisierung der Wissenschaft«, in: Zeitschrift für Soziologie<\/i> 2\/2 (1973), S. 128-144.","referenceid":"610","referenceposition":"11"},{"referencetext":"Zu den öffentlich ausgetragenen Grabenkämpfen siehe Ariane Leendertz: »›Finalisierung der Wissenschaft‹: Wissenschaftstheorie in den politischen Deutungskämpfen der Bonner Republik«, in: Mittelweg 36<\/i> 22\/4 (2013), S. 93-121.","referenceid":"613","referenceposition":"12"},{"referencetext":"Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Wolfgang Krohn: »Die Finalisierung der Wissenschaft«, in: Zeitschrift für Soziologie<\/i> 2\/2 (1973), S. 128-144, hier S. 143.","referenceid":"609","referenceposition":"13"},{"referencetext":"Wolf Schäfer: »Normative Finalisierung: Eine Perspektive«, in: Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Rainer Hohlfeld, Wolfgang Krohn, Wolf Schäfer, Tilman Spengler, Die gesellschaftliche Orientierung des wissenschaftlichen Fortschritts<\/i>, Starnberger Studien I, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1978), S. 377-415, hier S. 413.","referenceid":"604","referenceposition":"14"},{"referencetext":"Wolf Schäfer: »Normative Finalisierung: Eine Perspektive«, in: Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Rainer Hohlfeld, Wolfgang Krohn, Wolf Schäfer, Tilman Spengler: Die gesellschaftliche Orientierung des wissenschaftlichen Fortschritts<\/i>, Starnberger Studien I, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1978), S. 377-415, hier S. 409.","referenceid":"608","referenceposition":"15"},{"referencetext":"Wolf Schäfer: »Normative Finalisierung: Eine Perspektive«, in: Gernot Böhme, Wolfgang van den Daele, Rainer Hohlfeld, Wolfgang Krohn, Wolf Schäfer, Tilman Spengler, Die gesellschaftliche Orientierung des wissenschaftlichen Fortschritts<\/i>, Starnberger Studien I, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1978), S. 377-415, hier S. 401.","referenceid":"611","referenceposition":"16"},{"referencetext":"Gernot Böhme: »Die Reproduktion von Natur als gesellschaftliche Aufgabe«, in: Ders., Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 93- 107, hier S. 100.","referenceid":"605","referenceposition":"17"},{"referencetext":"Wolf Schäfer: »Soziale Naturwissenschaft«, in: Der Fischer Öko-Almanach 82\/83: Daten, Fakten, Trends der Umweltdiskussion<\/i>, hrsg. von Gerd Michelsen, Uwe Rühling, Fritz Kalberlah und dem Öko-Institut Freiburg\/Br., Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1982), S. 43-50, hier S. 46 und S. 49.","referenceid":"606","referenceposition":"18"},{"referencetext":"Siehe insbesondere die Kolloquien des Wintersemesters 1978\/79 zum Thema »Wissenschaftlich-technische Entwicklung und Umwelt« und des Sommersemesters 1979 »Die Wissenschaft in unserer Gesellschaft«, in: Gernot Böhme: Wissenschaft\/Technik\/Gesellschaft: 10 Semester interdisziplinäres Kolloquium an der THD<\/i>, Darmstadt (1984), S. 23f. und S. 111-128 sowie S. 25f. und S. 137-156.","referenceid":"607","referenceposition":"19"},{"referencetext":"Joachim Grebe: »Entstehung und Entwicklung des Projektes Soziale Naturwissenschaft«, in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 143-160, hier S. 146f.","referenceid":"307","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Joachim Grebe: »Entstehung und Entwicklung des Projektes Soziale Naturwissenschaft«, in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 143-160, hier S. 147.","referenceid":"308","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Joachim Grebe: »Entstehung und Entwicklung des Projektes Soziale Naturwissenschaft«, in: Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985), S. 143-160, hier S. 157f.","referenceid":"309","referenceposition":"3"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"61","blog_listelementid":"156","blog_listtype":"3","blog_listposition":"0","data":[{"blog_imageid":"31","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Gernot-Schramm-Böhme+Soziale-Naturwissenschaft-Wege-zu-einer-Erweiterung-der-Ökologie.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Cover des Sammelbandes mit Aufsätzen zur ›Sozialen Naturwissenschaft‹, die zwischen 1980 und 1985 entstanden sind. Gernot Böhme, Engelbert Schramm (Hg.): Soziale Naturwissenschaft: Wege zu einer Erweiterung der Ökologie<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (1985)."}]},{"blog_dataid":"61","blog_listelementid":"157","blog_listtype":"1","blog_listposition":"1","data":[{"blog_texttext":"Ein theoretisches Begleitprogramm zu den ökologischen Bewegungen der 1970er- und 80er-Jahre – so könnte man das Projekt ›Soziale Naturwissenschaft‹ rückblickend begreifen. Die gleichnamige, 1980 an der TH Darmstadt konstituierte Arbeitsgruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, aus der Kritik an den modernen Naturwissenschaften heraus einen »neuen Typ« von Wissenschaft zu entwerfen und zu praktizieren.1<\/sup> Diese »Wissenschaft von der sozial konstituierten Natur« sollte auch dazu beitragen, »eine eigene Naturpolitik zu entwerfen«.2<\/sup> Es schien klar, dass Wissenschaft irgendwie ›politischer‹ werden musste.

Zu den Forschungsvorhaben der AG gehörte etwa das Projekt »Soziale Konstitution von Natur am Beispiel des Südhessischen Rieds<\/i>«. Es hatte zum Ziel, »[d]ie Riedlandschaft und ihr[en] Wasserhaushalt [sollten] als Produkt der Auseinandersetzung sozialer Handlungsträger und ihres Verhaltens gegenüber der Natur« zu verstehen.3<\/sup> Ähnlich angelegt war die »Fallstudie Atmosphäre und Klima«, die sich »mit der Atmosphäre als gesellschaftlich modifiziertem geophysikalisch\/biologischen Reproduktionszyklus beschäftigen« sollte: »Wir hofften, in der sozialen Dynamik des politischen Konflikts um die Ozonschicht und die Frigenemission sowie in der Gegenstandsbestimmung einer problemorientierten Atmosphären-Forschung Bausteine für unsere Soziale Naturwissenschaft aufzufinden.«4<\/sup>

Um das Spezifische ihrer Forschungsperspektive deutlich zu machen, betonte die Gruppe um den Philosophen Gernot Böhme, dass »wir nicht nach der denkerischen Konstitution von Natur, sondern nach ihrer materiellen Konstitution durch Wechselwirkung mit dem Menschen fragten. Es ging uns also um eine explizit materialistische Behandlung unseres Problems.«5<\/sup>

Es sollte also zweierlei miteinander in den Blick genommen werden: die materielle Umgestaltung von Natur und die gesellschaftliche Auseinandersetzung darum. Die Projekte der AG wurden durch den Grundgedanken zusammengehalten, dass Natur im Industriezeitalter unter die Verfügungsgewalt gesellschaftlicher Akteure geraten ist und dass diese gesellschaftliche Verfügung über Natur regulierbar und damit normativ besetzt und politisch gestaltbar ist.


Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur

Um diese Einsicht begrifflich durchzuarbeiten, stand in den 1970er-Jahren der Marx‘sche Begriff des ›Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur‹ zur Verfügung, der durch die Dissertation Alfred Schmidts, »Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx«, wiederentdeckt wurde. Der Text wurde seinerzeit auch im Kontext der sozialen und ökologischen Bewegungen stark rezipiert und erwies sich für die Zwecke der Darmstädter (es waren ausschließlich Männer) als äußerst ergiebig:6<\/sup>

»Dieser in Medizin und Biologie geläufige Stoffwechselbegriff läßt sich erweitern auf die ganze Natur. Die Gesamtnatur läßt sich dann als ein komplexes Regelsystem von Energieflüssen und Stoffkreisläufen beschreiben […]. Wird das Konzept aber auf die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur angewendet, so erfährt es eine Erweiterung um die soziale und politische Dimension: der Stoffwechsel Mensch\/Natur muß als gesellschaftlich organisierter Naturprozeß verstanden werden. Der Stoffwechsel – wie er hier für biologische Individuen, Ökosysteme und die Gesamtnatur eingeführt wurde – unterliegt in unterschiedlichem Maße gesellschaftlichen Regelungen und Normsetzungen. Eine Theorie dieses ›gesellschaftlich organisierten Naturprozesses‹ wird folgerichtig zusätzlich sozialwissenschaftliche Elemente integrieren müssen. […] Ist Stoffwechsel zunächst ein bloßer Naturprozeß, der sich dann mit der Gesellschaft auch bloß ›naturwüchsig‹ fortentwickelt, so unterliegt er doch bereits als solcher gesellschaftlichen Regelungen und muß auf Dauer explizit geregelt werden: Die Stoffwechselbeziehungen Mensch\/Natur sind überhaupt erst in adäquater Form herzustellen.«7<\/sup>

Die Soziale Naturwissenschaft erhielt damit sowohl einen naturwissenschaftlichen als auch einen politischen und soziologischen Auftrag. Auf soziologischer Seite sollte sie die gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnisse analysieren, in denen über den Einsatz von Wissenschaft und Technologie bestimmt wird, und auf naturwissenschaftlicher Seite die Auswirkungen technologisch-industrieller Zivilisation auf ›Natur‹ studieren. Auf der politischen Seite ging es hingegen um die normative Frage, inwiefern diese Auswirkungen wünschenswert sind oder vermieden werden sollten. Obwohl die Autoren für die Soziale Naturwissenschaft keine privilegierte Position im Feld politischer Auseinandersetzungen reklamierten, zogen sie doch eine rote Linie für die normative Diskussion, nämlich die Bewahrung einer natürlichen Lebensgrundlage:

»Damit sich die Naturbasis der menschlichen Existenz auf einem bestimmten Entwicklungsniveau von Natur und Gesellschaft reproduzieren kann, dürfen nicht beliebige soziale und technische Zwecke verfolgt werden. Die Soziale Naturwissenschaft muss sich also selbst mit den sozioökonomischen Bedingungen des Umgangs des Menschen mit der makroskopischen Natur kritisch auseinandersetzen, d.h. mit der Produktions- und Konsumtionsstruktur der Gesellschaft. Sie kann also nicht bloß instrumentell gesellschaftlich vorgegebenen Zwecken dienen […]. Vielmehr wird sie – so wie sie Normen in den Naturbegriff integriert – sich auch an der gesellschaftlichen Normfindung beteiligen müssen. Auf der anderen Seite kann nicht ex cathedra entschieden werden, was wünschenswerte Naturen sind und wie der gesellschaftliche Stoffwechsel aussehen soll, sondern letzten Endes nur von den Betroffenen selbst. Die Wissenschaft kann dazu aber wesentliche Kriterien angeben, die durchaus manchmal im Widerspruch zu unmittelbar formulierten menschlichen Bedürfnissen stehen können. Der Prozeß der Normfindung ist ein politischer Prozeß, der zwar bereits im Gange ist, für den allerdings erst die geeigneten Formen der Beziehung von Wissenschaft und Öffentlichkeit gefunden werden müssen.«8<\/sup>

Das Verhältnis zur Öffentlichkeit sollte sich mit dem »neuen Typ« von Wissenschaft grundlegend ändern. Das Modell von Expert*innen und Gegen-Expert*innen – »die subversive Funktionalisierung der Wissenschaft […] (z.B. für Gegengutachten im Namen und im Dienste der Betroffenen) und nichts sonst« – genügte bei Weitem nicht.9<\/sup> Die Vorstellung ging viel radikaler dahin, die scientific community durch »Problemgemeinschaften« zu ersetzen, innerhalb derer Betroffene an der Formulierung von Forschungsproblemen mitarbeiteten und entschieden, inwiefern ihnen die Antworten der Wissenschaft überhaupt weiterhalfen. Die Hoffnung war, dass auf diese Weise die Selbstbezogenheit des Wissenschaftssystems aufgebrochen und das wissenschaftliche Wissen konsequenter auf gesellschaftliche Belange hin orientiert werden könnte:

»Es wird sich zeigen, daß das Problem- und Interessenbewußtsein, das sich im Alltagswissen der Betroffenen selbst herausbildet, durchaus konstitutiv auch für wissenschaftliche Problemformulierungen sein kann und Erfolgsmaßstäbe für den Fortgang der wissenschaftlichen Arbeit liefert. Nämlich da, wo nur die Betroffenen etwa einer Region, eines Geschlechts oder eines Problemzusammenhangs entscheiden können, ob ihre Probleme wirklich durch den Vorschlag der Wissenschaftler gelöst werden können. […] Für die Soziale Naturwissenschaft wäre die Herausbildung von ›Problemgemeinschaften‹ anstelle der alten scientific communities unbedingt erforderlich. Scheiterte interdisziplinäre Forschung bisher u.a. daran, daß die beteiligten Wissenschaftler sich weiterhin ›disziplinär‹ profilieren mußten – und sich entsprechend in ihrem Publikationsverhalten einstellten –, so werden sich mit den Problemgemeinschaften neue Adressaten wissenschaftlicher Arbeit herausbilden.«10<\/sup>


Wissenschaftstheoretischer Externalismus und konservative Abwehrreflexe

Das Stichwort ›Soziale Naturwissenschaft‹ tauchte zum ersten Mal Ende der 1970er-Jahre im Kontext des Starnberger Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt auf. Dort operierte man unter dem Stichwort »Finalisierung der Wissenschaft« mit Varianten des wissenschaftstheoretischen Externalismus, um über eine Wissenschaft nachdenken zu können, die nicht allein durch ihre forschungsimmanente Agenda und Entwicklungslogik bestimmt ist, sondern Zielen folgt, die vom gesellschaftlichen ›Außen‹ festgelegt werden.11<\/sup>

Derartige Überlegungen mussten in den 1970er-Jahren, in einem Klima des Streits um die westdeutschen Hochschulreformen, unweigerlich die Abwehrreflexe konservativer Professoren, Politiker und Unternehmer (in der Regel waren es Männer) wecken. In deren Ohren waren ›gesellschaftliche Mitbestimmung‹ oder ›Demokratisierung‹ Reizworte, hinter denen sich mindestens ein handfester Angriff auf die ›Freiheit der Wissenschaft‹ verbarg, wenn nicht gar der Versuch, einen Lyssenkoismus sowjetischen Vorbildes in der BRD zu installieren. Dementsprechend wurde die Finalisierungsthese aus diesem Lager medienwirksam skandalisiert.12<\/sup>

Die Starnberger Gruppe hingegen sah in der vielbeschworenen ›Freiheit‹ ganz deutlich die Gefahr, dass sich Wissenschaft mit privatwirtschaftlichen Partikularinteressen verbündet anstatt im Sinne eines »rational erzeugten Konsensus der Gesellschaft« zu agieren.13<\/sup> Die Vorstellung von einem rationalen Konsens glitt allerdings in den ersten Aufsätzen zur Sozialen Naturwissenschaft bisweilen ins Positivistische ab. Die gesellschaftlich gelenkte Wissenschaft sollte nur einer ihrerseits verwissenschaftlichten Gesellschaft überantwortet werden:

»Die Wissenschaft, die sich nicht der moralisch-politischen Reflexion ihrer Fortschritte verschließt, und die Gesellschaft, die eine wissenschaftliche Kritik ihrer Ziele und Zwecke befördert, die bewußte, die gewollte, die rationale Geschichte der Menschen – das ist das Ziel. Die abnehmende Resistenz der Wissenschaft gegenüber sozialen Zwecksetzungen und die zunehmende Verwissenschaftlichung von Moral und Politik sind die Bedingungen der Möglichkeit dieser Entwicklung. Normative Finalisierung, die die institutionalisierte Trennung von theoretischen und praktischen Diskursen aufhebt und wahre Erkenntnisse mit vernünftigen Interessen verbindet, die die neuzeitliche Vergesellschaftung der Wissenschaft revolutioniert – sie erzeugt das Novum der Sozialen Naturwissenschaft.«14<\/sup>

Die bisherige Entwicklung moderner Naturwissenschaften als vermeintlich ›reine‹, d.h. normativ neutrale, Wissenschaft wurde demgegenüber als von der Obrigkeit erzwungen und daher ›nicht rational‹ delegitimiert. Da dieses Modell, die »bürgerlich-kapitalistische Vergesellschaftung« der Wissenschaft, jedoch »in der Krise« sei,15<\/sup> brauche es eine »soziale Rekonstruktion« der Naturwissenschaften:

»Wenn wir also von sozialer Rekonstruktion der Naturwissenschaft sprechen, dann artikulieren wir unser politisches Interesse an einer alternativen sozialen Indienstnahme von Wissenschaft und Technik, etwa im Sinne der programmatischen Erklärung von Everett Mendelsohn:
›Eine rekonstruierte Wissenschaft würde auf Wahrheit, aber auch auf Mitleid Wert legen. Sie wäre mit einer Moral ausgestattet, die sowohl die belebte als auch die unbelebte Natur verteidigen würde. Ihr Wissen […] würde subjektive Erfahrung, bzw. persönliches Wissen einschließen; würde den faustischen Drang, die Grenzen des Universums oder absolutes Wissen zu erreichen, endlich aufgeben; würde erklärungsstärkere und inhaltsreichere Modelle erarbeiten – Wissenschaft käme aus der Öffentlichkeit und würde in ihr praktiziert. Wie wäre es, wenn wir erklären würden, daß wir nichts zu entwickeln gedenken, was nicht verstanden und öffentlich rezipiert werden kann, daß wir eine Wissenschaft aufbauen wollen, die nicht mehr auf Akademien und Institutionen beschränkt ist. […] Diese Änderungen würden eine wissenschaftliche Revolution bewirken, die der des 17. Jahrhunderts an Bedeutung gleichkäme. Denn ich bin der Ansicht, daß die Krise der modernen Wissenschaft von nicht geringerer Größe ist, als jene Krise es war, der die Pioniere der Neuen Wissenschaft seinerzeit gegenüberstanden.‹ So könnte auch unser Manifest über die neue soziale Naturwissenschaft beginnen.«16<\/sup>


Naturpolitik aus Darmstadt

Aus obigem Programm spricht schon deutlich weniger das positivistische Korsett einer ›rationalen Gesellschaft‹, die sich ›vernünftigen Interessen‹ verschreibt. Stattdessen hört man bereits Ansätze der pluralistischen und partizipativen Konzeption von Sozialer Naturwissenschaft, die in den 1980ern für die Darmstädter AG typisch wurde. Insgesamt setzte sich dort die Überzeugung durch, man müsse »den politischen Charakter der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Natur offenhalten«17<\/sup> – und gleichzeitig die ›Naturpolitik‹ auf Seite der neuen sozialen Bewegungen unterstützen:

»Das industrielle Zusammenspiel von Kapital und Arbeit hat das utopische Programm der frühen Neuzeit realisiert, und zwar in einer derart maßlosen und existenzbedrohenden Form, daß nicht länger mehr die bloße Naturbeherrschung, sondern die Beherrschung der Naturbeherrschung als ungelöstes Problem erscheint. Neue soziale Bewegungen haben auf dieses Folgeproblem der industriellen Naturgeschichte reagiert und den Kampf um die postindustrielle ›menschliche Geschichte der Natur‹ aufgenommen. Die Naturpolitik der Moderne ist damit zu einem hochbrisanten Gegenstand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden.
[…] Das Forschungsprojekt ›Soziale Naturwissenschaft‹ wird versuchen, den skizzierten Strukturwandel von Wissenschaft, Politik und Natur durch historische Studien und theoretische Analysen weiter aufzuhellen. Auf der historisch-theoretischen Basis dieser Arbeiten aufbauend, muß schließlich versucht werden, politische Perspektiven für eine soziale Beherrschung der Naturbeherrschung zu entwickeln.«18<\/sup>

Mit ihren »historisch-theoretischen« Studien lagen die Protagonisten bereits seit Starnberger Zeiten deutlich auf Kurs der Social Studies of Science, die sich in den 1970er-Jahren institutionalisierten. Zeugnis davon legt etwa das Kolloquium »Wissenschaft – Technik – Gesellschaft« ab, das Gernot Böhme nach seiner Berufung an die TH Darmstadt seit dem Wintersemester 1978\/79 eingerichtet hatte. In diesem Rahmen wurde auch der Grundstein für die AG Soziale Naturwissenschaft gelegt.19<\/sup>"}]},{"blog_dataid":"61","blog_listelementid":"159","blog_listtype":"3","blog_listposition":"2","data":[{"blog_imageid":"29","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Abb2_Inhalt_Boehme_Kolloquium_Wissenschaft_Technik_Gesellschaft_600dpi.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Inhaltsverzeichnis des Berichts über die ersten zehn Semester von Gernot Böhmes Kolloquium an der TH Darmstadt. Gernot Böhme: Wissenschaft\/Technik\/Gesellschaft: 10 Semester interdisziplinäres Kolloquium an der THD<\/i>, Darmstadt (1984)."}]},{"blog_dataid":"61","blog_listelementid":"160","blog_listtype":"1","blog_listposition":"3","data":[{"blog_texttext":"Die konkreten Projekte der Sozialen Naturwissenschaftler haben in den allermeisten Fällen nicht die erhoffte Drittmittel-Unterstützung erfahren.20<\/sup> Um 1985 scheint sich die AG mangels »sicherer finanzieller Grundlage« aufgelöst zu haben.21<\/sup> Auch wenn sich damalige Institutionalisierungs-Träume nicht erfüllten – ein ›Gegen-Institut‹ wie etwa das Freiburger Öko-Institut oder das Frankfurter Institut für sozio-ökologische Forschung blieb immer »Science-fiction<\/i>«22<\/sup> – sind viele ihrer Perspektiven in den heutigen Science & Technology Studies<\/i> aufgehoben und zum Allgemeingut geworden. Nur die drängende Frage nach einer adäquaten Naturpolitik und der politischen Repräsentation des Mensch\/Natur-Verhältnisses wartet bis heute auf eine wirksame Lösung."}]}]},{"blog_dataid":"57","blog_title":"On the Same Page\/Screen: Making Books, Making Collectives","blog_date":"2021-02-08","blog_author":"Julien McHardy","blog_leadtext":"The publication here is not merely a medium. Far from only allowing a collective to announce itself or to author its politics the publication participates in articulating new collectivities.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"57","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"57","blog_tagname":"Open Access","blog_tagid":"18"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Janneke Adema kindly commented on this post, pushing to say a bit more about the kinds of collectives I was considering here. Collectives of academics, publishers? And is there a difference between collectives\/communities\/publics (publishing\/publics) here, she asks? These are good questions. For now, I just want to say that it is the blurring of boundaries between collectives\/communities\/publics that interests me.","referenceid":"133","referenceposition":"1"},{"referencetext":"See also Tahani Nadim, »Friends With Books« (2018) in The Commons and Care<\/i>, edited by Samuel Moore, Joe Deville and Tahani Nadim
https:\/\/hcommons.org\/deposits\/objects\/hc:19818\/datastreams\/CONTENT\/content<\/a> where she explores books as Books as affiliative objects.»Friends With Books« was published in The Open Access Pamphlet series published in the framework of the Radical Open Access Collective<\/a>. The Radical Open Access collective provides another example of the kinds of publishing collectives I am interested in here.The emphasis in infrastructures comes from the insight that digital books without infrastructures are just files online, and the urgent conclusion that scholar-led, independent publishing is not possible without infrastructures for book making, publishing, and distribution that provide alternatives to thee monopolistic, commercial solutions that dominate the industry. We founded the association of scholar-led publishers https:\/\/scholarled.org<\/a> to address this need.","referenceid":"216","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Our work is part of the project Community-led Open Publication Infrastructures for Monographs <\/i>(COPIM<\/a>).","referenceid":"217","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Susan Lee Star gave Science and Technology studies the term boundary objects, to think of the ways in which infrastructured objects bridge the boundaries between different regimes of knowledge and practice. Following this stream of work, we can think of books as boundary objects. All books might be considered this way, but the move to processual publishing does offer book objects that speak quite explicitly to boundary making work. (Susan Lee Star and James Griesemer, \"Institutional Ecology, 'Translations' and Boundary Objects: Amateurs and Professionals in Berkeley's Museum of Vertebrate Zoology, 1907-39,\" Social Studies of Science<\/i>. 19 (3): 387–420. doi:10.1177\/030631289019003001<\/a>","referenceid":"220","referenceposition":"3"},{"referencetext":" In a different context Kat Jungnickel have made Enquiry Machines<\/i>; objects to think with. We are interested in how making things changes the trajectory of knowledge production, radically questioning divisions of knowledge production and distribution, thinking instead of knowledge transmission. You can download our Enquiry Machine<\/i> chapter on the MIT website of the Transmissions: Critical tactics for making & communicating research<\/i><\/a> book that Kat edited.","referenceid":"218","referenceposition":"4"},{"referencetext":"Janneke Adema and Gary Hall have argued elsewhere that “The medium of the book plays a double role in art and academia, functioning not only as a material object but also as a concept-laden metaphor. Since it is a medium through which an alternative future for art, academia and even society can be enacted and imagined, materially<\/i> and conceptually<\/i>, we can even go so far as to say that, in its ontological instability with regard to what it is<\/i> and what it conveys<\/i>, the book serves a political function.” Citing Johanna Drucker’s The Century of Artists’ Books<\/i>, they conclude that, “[…] the book can be ‘rethought to serve new ends’. Janneke and Gary here speak about all books, and it is important to note that processual and experimental books are not more open, ontologically. What sets them apart is the deliberate effort to make this inherent instability productive. Adema, J. and Hall, G. (2013). The political nature of the book: on artists' books and radical open access. New Formations, volume 78 (1): 138-156 http:\/\/dx.doi.org\/10.3898\/NewF.78.07.2013<\/a> ","referenceid":"219","referenceposition":"5"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"57","blog_listelementid":"133","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"The following notes on the making of books and collectives build on this <\/i>twitter thread<\/i><\/a> that I wrote for the »Verlage Selber Machen« workshop<\/a>. The publishing initiative <\/i>cache.ch<\/i><\/a> ran the event to share experiences with making, running and sustaining independent publishers. The event took place in Berlin-Zoom on 27 September 2020. My input builds on my work with <\/i>COPIM<\/i><\/a>’s Experimental Publishing and Reuse Working Group, <\/i>ScholarLed<\/i><\/a> and <\/i>mattering press<\/i><\/a>. I developed my thoughts during the event<\/i> in conversation with Andreas Kirchner (<\/i>meson press<\/i><\/a>), Florian Lamm (<\/i>Lamm & Kirch<\/i><\/a>), Anna Echterhölter und Rebekka Ladewig (<\/i>ilinx<\/i><\/a>) and Jan Wenzel (<\/i>Spector Books<\/i><\/a>). I want to thank the cache-Team – Nils Güttler, Niki Rhyner and Max Stadler – for the event.<\/i>"}]},{"blog_dataid":"57","blog_listelementid":"134","blog_listtype":"1","blog_listposition":"1","data":[{"blog_texttext":"In preparation of the Verlage Selber Machen<\/i> (DIY Publishers) workshop, I pitched in a lengthy Twitter thread sketching some of the connections between books and collectives.1<\/sup> Books, I tweeted, are but the visible tips of densely infrastructured knowledge-scapes; binding multitudes of pages, people, politics. I will share some tweets from the thread and build on the outline I sketched on Twitter, and my impressions from the discussions during the event, to ask how the making of books might help bring heterogeneous positions and people onto the same page.Given my interest in how collectives make books and how books, in turn, take part in the making of collectives, I took note when Jan Wenzel and Florian Lamm spoke about screen sharing and bookmaking. Here my notes on their presentation:"}]},{"blog_dataid":"57","blog_listelementid":"135","blog_listtype":"3","blog_listposition":"2","data":[{"blog_imageid":"25","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Bildschirmfoto 2021-01-19 um 09.39.141.png","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":""}]},{"blog_dataid":"57","blog_listelementid":"148","blog_listtype":"1","blog_listposition":"3","data":[{"blog_texttext":"Most books take a lot of people to make, so there it is, a collective that grows further still if we invite non-humans too: materials, ink, pages, glue, bytes, servers, printers, software, subscription services, paper mills, trucks, soil, water, power and trees; and there are infrastructures and standards of course that make a book a book, such as those that enable production, discovery, categorisation, distribution, archiving, and sales.2<\/sup> Further expanding the acknowledgements, we must not forget the few references and the many unnamed texts and sources that constitute it. What interests me here, and in my bookmaking practice, is not that collectives make books, or to consider books as networks or multiplicities, but rather how making books is making or br-e-a--k---i—n——g collectives. This shift in emphasis at once small and big might be in part, what sets scholar-led publishers apart. I am currently exploring what books can be if they are Open Access, digital and online as part of the Experimental Publishing Working Group (with the goodly Gary Hall, Janneke Adema, Rebekka Kiesewetter and Samuel Moore and Marcell mars).3<\/sup> The group is working on several experimental publications around reusing existing texts and the mashing of big data and text. Here I want to touch on a publishing project coming out of this group, that is looking quite explicitly at the political potential of processual publishing. Marcell and I have come together around a shared interest in books’ power to articulate collective politics. Marcell co-runs https:\/\/pirate.care<\/a> and is the developer of Sandpoints, the project’s software backend. Pirate Care is an online publication addressing the criminalisation of solidarity, that grows through collaborative writing sessions. Pirate Care provides a network and resource for people who are getting into trouble while caring for others: from housing activists to those running rescue vessels for refugees in the Mediterranean Sea. Drawing on Marcell and his team’s work with Pirate Care, we, as publishers, are starting a collaboration with a group of anthropologists and lawyers. They are working on the European struggle to reckon with the member states’ colonial pasts and its continuing impact, for example, in the form of structural racism. The focus is on Belgium, where an official commission, endorsed by the government, is tasked with leading this process. Engaged with several diasporic communities in Belgium who take issue with this commission, our collaborators are looking to link the different groups. They aim to collate and articulate positions, concerns and claims, towards different audiences and actors in Belgium, and allied groups in other member states to call for a deeper and more daring engagement. What brought us together is the potential of publishing to articulate collectives and politics. We decided to use Sandpoints, the software backend behind Pirate Care. Sandpoints offers a non-cloud, collaborative writing environment that provides automated output to HTML\/website, print quality PDFs, and exhibition ready large format prints. Automating the usually labour-intensive translation of content to a specific format enables low-budget processual publishing. There is no fixed point of publication, but different versions and outputs for different times, audiences and tactical needs. It is worth noting that one-content, many-forms, messes with assumptions about what a book is, and how it might be shaped, copyrighted, versioned, and packaged. For this text, I want to stay with how processual publishing shapes the becoming of collectives and books. The exploratory conversations between Marcell and I, as publishers, and our collaborators, as editors, made me think about the roles of books and publishers. As publishers we offer tools, craft and infrastructures that, if it works, provide space for engagement and a publication in the making serving as a shared object, catalysing, or giving form to viable constellations.4<\/sup> The notion of the book, in these very first conversations, already had power. Still wholly unformed, it served as a constraint perhaps, that allowed us to express, share, and start to make sense of wide-open possibilities, concerns, and imaginaries.5<\/sup>Far from putting final touches to pages the emotional labour of bringing people onto the same page in constellations that always also contain difference, had already begun. The publication here is not merely a medium. Far from only allowing a collective to announce itself or to author its politics the publication participates in articulating new collectivities.6<\/sup>"}]},{"blog_dataid":"57","blog_listelementid":"150","blog_listtype":"1","blog_listposition":"4","data":[{"blog_texttext":"This text was first published here<\/a>.<\/i>"}]}]},{"blog_dataid":"53","blog_title":"Offene Daten und wissenschaftliche Care-Arbeit","blog_date":"2021-01-11","blog_author":"Philipp Messner","blog_leadtext":"Um als offen gelten zu können, müssen Daten des Weiteren unter Bedingungen bereitgestellt werden, die eine Wiederverwendung, Nachnutzung und Verbindung mit anderen Datensätzen erlauben. Damit sich Erschließungsdaten filtern, durchsuchen und von anderen Anwendungen weiterverarbeiten lassen, müssen sie strukturiert und maschinenlesbar zur Verfügung stehen. Offenheit setzt also ein gewisses Mass an Standardisierung voraus – und damit ein hohes Maß an Kooperation zwischen den für die Daten verantwortlichen Einrichtungen.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"53","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"53","blog_tagname":"Open Access","blog_tagid":"18"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"53","blog_listelementid":"118","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"Während sich das Modell Open Access im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens weitgehend durchsetzen konnte, ist die Situation bei den Archiven und Sammlungen eine andere. Auch wenn in der für die Diskussion massgeblichen Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen<\/a> vom 22. Oktober 2003 die Rede davon ist, »die Verwalter von kulturellem Erbe [zu] ermuntern, den offenen Zugang durch Bereitstellung ihrer Ressourcen im Internet zu fördern«, wurde das Thema bisher primär im Zusammenhang mit Hochschulbibliotheken und ihrem Auftrag wissenschaftlicher Informationsversorgung diskutiert. In Verbindung mit den Möglichkeiten digitaler Bereitstellung von Dokumenten stellt sich nun aber auch für Sammlungen und Archive die Frage nach dem offenen Zugang zu den von ihnen verwalteten Beständen neu. Allerdings fehlen an den betroffenen Institutionen oftmals die Mittel für eine umfassende Digitalisierung der Bestände – wobei mit Blick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis gerade in Archiven eine komplette Digitalisierung sowieso nur in Ausnahmefällen zu rechtfertigen ist. Aber auch wenn Digitalisate bestehen, wird der Zugang zu diesen primär durch die Vorgaben von Urheberrecht und Datenschutz eingeschränkt. Open Access im Sinne der Berliner Erklärung ist daher eigentlich nur im Zusammenhang mit älteren Archiv- und Sammlungsbeständen ein Thema. Deshalb sollte ein ungleich größerer Stellenwert der Frage nach der Beschaffenheit, dem Zugang und der Benutzbarkeit der Metadaten zukommen, die von öffentlichen Gedächtnisinstitutionen angelegt werden, um Sammlungs- und Archivgut findbar zu machen und seine sinnvolle Interpretierbarkeit zu ermöglichen.Nicht zuletzt soll damit auch der Fokus auf die »wissenschaftliche Care-Arbeit« gerichtet werden, die Forschung erst ermöglicht, aber in der akademischen Diskussion um Archive und Sammlungen kaum zur Sprache kommt. Diese Arbeit umfasst bei den Gedächtnisinstitutionen neben konservatorischen Aufgaben und der (gegenwartsbezogenen) Überlieferungsbildung bzw. Sammlungsentwicklung vor allem die auf einer systematischen Erschliessung aufbauende Vermittlung der verwalteten Dokumente und Objekte. Bei unikalem Material, wie es die Bestände von Archiven und Sammlungen bildet, bleibt die wissenschaftliche Erschließung eine Arbeit, die auch unter digitalen Bedingungen von Menschen geleistet wird.Die Erschließungsarbeit generiert ein Wissen, das neben dem Gegenstand der Beschreibung auch dessen Entstehungs- und Nutzungskontexte betrifft. So werden in Archiven und Sammlungen beispielsweise für gewöhnlich auch Daten zu einer Vielzahl historischer Personen und Körperschaften angelegt und gepflegt. Im Sinne von Open Access sollten diese Daten zumindest bei öffentlich alimentierten Institutionen auch außerhalb deren Mauern offen zur Verfügung stehen.Folgt man der Open Definition<\/a> der Open Knowledge Foundation bedeutet Offenheit hinsichtlich beschreibender Metadaten, dass diese »von allen gleichermassen frei genutzt, kombiniert und weiterverbreitet werden können – maximal eingeschränkt durch die Pflicht der Namensnennung und\/oder der Weitergabe unter gleichen Bedingungen«. Die erste Bedingung für offene Daten (Open Data) ist demzufolge ihre Publikation unter einer entsprechenden Lizenz. Um als offen gelten zu können, müssen Daten des Weiteren unter Bedingungen bereitgestellt werden, die eine Wiederverwendung, Nachnutzung und Verbindung mit anderen Datensätzen erlauben. Damit sich Erschließungsdaten filtern, durchsuchen und von anderen Anwendungen weiterverarbeiten lassen, müssen sie strukturiert und maschinenlesbar zur Verfügung stehen. Offenheit setzt also ein gewisses Mass an Standardisierung voraus – und damit ein hohes Maß an Kooperation zwischen den für die Daten verantwortlichen Einrichtungen.Während Bibliotheken eine lange Tradition der Standardisierung und auch der Kooperation haben, ist das für Archive und Sammlungen – die anders als Bibliotheken nicht primär massenproduzierte Informationsträger verwalten, sondern meist unikales Material – noch vergleichsweise neu. Entsprechende Anstrengungen werden unternommen. Sie bleiben aktuell aber noch weitgehend auf die jeweiligen Institutionsgruppen beschränkt. Wünschenswert wären Verbindungen zwischen den Daten zu Sammlungs- und Archivgut in Museen, Archiven und Bibliotheken. Die mit der digitalen Datenverwaltung technisch gegebene Möglichkeit, Archiv- und Sammlungsgut aus unterschiedlichen Institutionen und Institutionsgruppen zueinander in Beziehung zu setzen und gemeinsam zu durchsuchen, liegt ohne Zweifel im Interesse der wissenschaftlichen Nutzer*innen. Eine solche setzt aber nicht nur übergreifende kooperative Strukturen voraus, sondern von Seiten der Gedächtnisinstitutionen auch das Vorhandensein von Motivation und Mitteln, sich an diesen zu beteiligen. An beidem fehlt es. Nicht nur Museen, die ihre Sammlungen traditionell primär über Ausstellungen vermitteln, sondern auch wissenschaftliche Sammlungen, die sich stärker über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fachgebiet definieren als über ihr Verhältnis zu anderen Gedächtnisinstitutionen, sind hier kaum aktiv.Aus Perspektive der Praxis ist dabei immer wieder auf den tiefen Graben hinzuweisen, der sich auftut, zwischen einem allein auf technische Machbarkeit abhebenden Digitalisierungsdiskurs und der meistens durch äußerst knappe finanzielle und personelle Ressourcen geprägten Realität in den Institutionen. Sofern sie nicht auf die wenigen gut bis sehr gut ausgestatteten Gedächtnisinstitutionen beschränkt bleiben soll, muss eine Open Access– bzw. Open Data-Strategie in diesem Bereich die oftmals schwierigen organisatorischen Rahmenbedingungen besonders in den vielen kleineren Archiven und Sammlungen in Betracht ziehen.Interessant sind im Hinblick auf offene Erschließungsdaten auch die Möglichkeiten der als offen und frei konzipierten Wissensdatenbank Wikidata<\/a>, die 2012 als zentraler Speicher für strukturierte Daten aus dem »Wikimedia-Ökosystem« (Wikipedia, Wikimedia Commons, Wikisource etc.) entwickelt wurde, und die heute mit einem Umfang von rund 70 Millionen Datenobjekten eine bedeutende Stellung im Bereich der verknüpfbaren offenen Daten einnimmt. Analog zu den Artikeln in der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia lassen sich auch in Wikidata die sprachunabhängig kodierten Datenobjekte und ihre Verknüpfungen von allen bearbeiten und in jeder Form nutzen. Dabei sind die Wikidata-Entitäten maschinenlesbar und vielfältig sowohl mit bestehenden Normdaten als auch mit Katalogeinträgen verknüpfbar. Damit würde Wikidata auch Low- und Non-Budget-Einrichtungen erlauben, Informationen zu Akteuren und Beständen nach den Maßgaben von Open Data online zu publizieren. Gegenwärtig sind es allerdings erst einige größere oder besonders wissenschaftsnahe Gedächtnisinstitutionen, welche das offene Datennetzwerk in diesem Sinne nutzen.Wie weit viele öffentliche Sammlungen noch von der angestrebten Offenheit entfernt sind, machte der öffentliche Appell Öffnet die Inventare!<\/a> im Oktober 2019 deutlich. In diesem fordern eine Reihe namhafter Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen freien Zugang zu den Inventaren deutscher Museen, deren Bestände Objekte aus kolonialen Kontexten beinhalten. Eine solche Transparenz sei Voraussetzung für einen Dialog über die Provenienz der Objekte und alle damit verbundenen Fragen. Sowohl eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus als auch eine unabhängige Neuerforschung der Vergangenheit können nur stattfinden, wenn öffentlich gemacht werde, welche Objekte und welche Informationen es zu diesen in den öffentlichen Museen gibt. Hingewiesen wird von den Initiant*innen auch auf die Tatsache, dass eine Öffnung von Erschließungsdaten nicht zwingend mit der Durchführung großangelegter Digitalisierungsprojekte verbunden sein muss. Auch mit vergleichsweise einfachen Mitteln lässt sich Offenheit herstellen. Wenngleich eine Publikation von gescannten Listen in Form von PDFs, wie sie hier vorgeschlagen wird, noch weit von offenen Daten entfernt ist, macht der Appell deutlich, dass im Zusammenhang mit der Digitalisierung die Publikation von Erschließungsdaten unbedingt Priorität haben muss.Vor meinem eigenen beruflichen Hintergrund als wissenschaftlicher Archivar und Sammlungsverantwortlicher scheint es mir aber auch bemerkenswert, dass der genannte Appell nicht etwa zusätzliche Gelder für Forschungsprojekte fordert, sondern vielmehr die Demokratisierung des Zugangs zu öffentlichen Sammlungen und der damit zusammenhängenden Daten. Diese Forderung möchte ich im Sinne einer kritisch-engagierten Archiv- und Sammlungspraxis aufnehmen. In der Perspektive einer nachhaltigen Demokratisierung öffentlicher Gedächtnisinstitutionen müsste die Forderung nach freiem Zugang und offenen Daten allerdings Hand in Hand gehen mit einer verstärkten Anerkennung und Aufwertung der in diesen Institutionen geleisteten wissenschaftlichen Care-Arbeit, deren Qualität die Grundlage der entsprechenden Daten bildet."}]}]},{"blog_dataid":"54","blog_title":"Bunker gegen die Zukunft","blog_date":"2021-01-05","blog_author":"Laura Haßler, Julian Genner","blog_leadtext":"Nicht erst im Rück­blick erschei­nen die 1980er Jah­re als Jahr­zehnt der Angst. Frie­dens­ak­ti­vis­ti­sche Grup­pie­run­gen ent­wi­ckel­ten sich, wie das Kapi­tel »Apo­ka­lyp­se« zeigt, um die Angst vor einer Zukunft apo­ka­lyp­ti­schen Aus­ma­ßes her­um – sei es in Form eines Atom­krie­ges oder der Zer­stör­ung der Umwelt. ","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"2","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"54","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Vgl. etwa Susanne Schregel: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür: Eine\n Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970–1985<\/em>,\n Frankfurt am Main: Campus (2011) (=Historische Politikforschung 19), S. 137–184.
","referenceid":"100","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?<\/em>, Opladen: Westdeutscher Verlag (1986), S. 241.","referenceid":"105","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Niklas\nLuhmann: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf\nökologische Gefährdungen einstellen?<\/em>, Opladen: Westdeutscher Verlag (1986),\nS. 245.
","referenceid":"103","referenceposition":"3"},{"referencetext":"Susanne\nSchregel: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür: Eine Politikgeschichte der neuen\nFriedensbewegung in der Bundesrepublik 1970–1985<\/em>, Frankfurt am Main: Campus\n(2011) (=Historische Politikforschung 19), S. 37.
","referenceid":"102","referenceposition":"4"},{"referencetext":"Joe Deville, Michael Guggenheim, Zuzana Hrdličková: »Concrete Governmentality:\n Shelters and the Transformations of Preparedness«, in: The Sociological Review<\/em>, 62\/1 (2014), S.\n 183–210.
","referenceid":"101","referenceposition":"5"},{"referencetext":"Zur Geschichte des Zivilschutzes in Deutschland, vgl. Martin Diebel: Atomkrieg und andere Katastrophen: Zivil- und Katastrophenschutz in der Bundesrepublik und Großbritannien nach 1945<\/em>, Paderborn: Ferdinand Schöningh (2017); Nicholas\nJ. Steneck: »Eine verschüttete Nation?\nZivilschutzbunker in der Bundesrepublik Deutschland 1950–1965«, in: Inge Marszolek, Marc Buggeln (Hg.): Bunker: Kriegsort, Zuflucht, Erinnerungsraum<\/em>, Frankfurt am Main:\nCampus (2008), S. 75–87; Frank Biess, »›Jeder hat eine Chance‹:\nDie Zivilschutzkampagnen der 1960er Jahre und die Angstgeschichte der\nBundesrepublik«, in: Bernd Greiner, Christian Th. Müller, Dierk Walter (Hg.): Angst im Kalten Krieg<\/em>, Hamburg:\nHamburger Edition (2009), S. 61–93; ders.: Republik\nder Angst: Eine andere Geschichte der Bundesrepublik<\/em>, Reinbek bei Hamburg:\nRowohlt (2019); Jochen Molitor: »Die totale Verteidigung?\nZivilschutz – aus zeithistorischer Perspektive«, in: Zeitschrift für Außen- und\nSicherheitspolitik<\/em> 8 (2015), S. 389–405.","referenceid":"104","referenceposition":"6"},{"referencetext":"Zur Geschichte des\n privaten Bunkerbaus in der Bundesrepublik, vgl. Laura Haßler: Bunkermentalitäten:\n Staat, Individuum und Markt im bundesrepublikanischen Privatbunkerbau (ca.\n 1965–1990)<\/em>, Masterarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin (2019)\n [unveröffentlicht].
","referenceid":"108","referenceposition":"7"},{"referencetext":"Susanne Schregel: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür: Eine Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970–1985<\/em>, Frankfurt am Main: Campus (2011) (=Historische Politikforschung 19), S. 215.","referenceid":"109","referenceposition":"8"},{"referencetext":"Laura\nHaßler: Bunkermentalitäten: Staat, Individuum und Markt im\nbundesrepublikanischen Privatbunkerbau (ca. 1965–1990)<\/em>, Masterarbeit,\nHumboldt-Universität zu Berlin (2019) [unveröffentlicht].
","referenceid":"110","referenceposition":"9"},{"referencetext":"Diese Position findet\n sich vereinzelt in der Ratgeberliteratur der 1980er Jahre, vgl. Josef A. Schmelzer, Karl-Josef Schneider:\n Kann man einen Atomkrieg überleben?<\/em> Eine\n praktische Anleitung<\/em>, Frankfurt am Main: W & S (1982); dies.: Noahs Erbe: Der Atomkrieg und wie man ihn\n überleben kann<\/em>, Frankfurt am Main: Prometheus (1983).
","referenceid":"111","referenceposition":"10"},{"referencetext":"Zur Angstartikulation als therapeutischer Praxis in der neuen Friedensbewegung siehe Susanne Schregel: »Konjunktur der\nAngst: ›Politik der Subjektivität‹ und ›neue Friedensbewegung‹, 1979-1983«, in: Bernd Greiner, Christian Th. Müller, Dierk Walter (Hg.): Angst im Kalten Krieg<\/em>, Hamburg: Hamburger Edition (2009), S. 495–520.
","referenceid":"106","referenceposition":"11"},{"referencetext":"Vgl. Julian Genner: »Wir Prepper«, in: Avenue<\/em> 8 (»Knappe Zeit«),
https:\/\/avenue.jetzt\/knappe_zeit\/prepper<\/a> (19. März 2020).
","referenceid":"107","referenceposition":"12"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"54","blog_listelementid":"121","blog_listtype":"2","blog_listposition":"0","data":[{"blog_imageid":"22","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/roloff2.png","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"»Frühstück im ›Schutzraum‹: Dr. Roloff aus Neviges mit seiner Familie in ihrem Hausbunker«. Fotograf: Werner Ebeler. In: Gerhard Kromschröder, »Ab in den Bunker«, in: Stern<\/i> 27 (1980), S. 10–15; 184–185, hier S. 14."}]},{"blog_dataid":"54","blog_listelementid":"120","blog_listtype":"1","blog_listposition":"1","data":[{"blog_texttext":"In düsteren Farben malten friedensbewegte Akteur*innen die Folgen der Aufrüstungspolitik im Kalten Krieg.1<\/sup> Nicht erst im Rückblick erscheinen die 1980er Jahre als Jahrzehnt der Angst. Friedensaktivistische Gruppierungen entwickelten sich, wie das Kapitel
»Apokalypse«<\/a> zeigt, um die Angst vor einer Zukunft apokalyptischen Ausmaßes herum – sei es in Form eines Atomkrieges oder der Zerstörung der Umwelt. Der Soziologe Niklas Luhmann diagnostizierte zeitgenössisch in gewohnt lakonischer Manier: »Die neuen Angstthemen« – gemeint sind Umweltzerstörung und Atomkrieg – »haben vor allem eine neue Eigenschaft: Man braucht keine Angst zu haben, Angst zu zeigen. Sie sind dadurch verbreitungsfähig.«2<\/sup> Gerade weil Angst sich argumentativ nicht widerlegen lässt, kann sie moralische Forderungen begründen. Angst, so Luhmann, »macht es zur Pflicht, sich Sorgen zu machen, und zum Recht, Anteilnahme an Befürchtungen zu erwarten und Maßnahmen zur Abwendung der Gefahren zu fordern.«3<\/sup> Wie die Material- und Gedankensammlung zur Apokalypse illustriert, verbanden Umwelt- und Friedensbewegungen ihre düsteren Bilder der Zukunft mit dem moralischen Appell, eben diese Zukunft zu verhindern. Dabei waren sie bestrebt, die »Pflicht, sich Sorgen zu machen« (Luhmann) auch zu rechtfertigen (– was aus systemtheoretischer Perspektive selbstredend zum Scheitern verurteilt ist). Dazu setzten Aktivist*innen der sozialen Bewegungen sowohl auf neue Verfahren der Wissensproduktion und vor allem -distribution. Sich auf dieses »Gegenwissen« berufend, stellten sie etablierte Wissens- und Machtansprüche in Frage.Insbesondere zweifelten friedensbewegte Akteur*innen an den Problemlösungsfähigkeiten und Schutzversprechen des Staates und stellten damit sowohl dessen Handlungsfähigkeit als auch dessen Legitimität in Frage.4<\/sup> Ziel der sozialen Bewegungen war es, über die mediale Öffentlichkeit und die Straße Druck aufzubauen, um die globalen Verhältnisse zu ändern. Auch militante Aktionen sollten den Forderungen Nachdruck verleihen. Aus ihrer Sicht wurde die apokalyptische Zukunft zu einer gesellschaftlichen Herausforderung, die nach individueller moralischer Läuterung und gesellschaftlichen Lernprozessen verlangte. Ulrich Beck und Jürgen Habermas waren die prominentesten intellektuellen Aushängeschilder dieser Auffassung.Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, dass apokalyptische Zukunftsvisionen nicht nur einen Nährboden für politische und moralische Selbstermächtigung durch kollektive Mobilisierung stifteten. Aus der Erosion staatlichen Schutzversprechens speiste sich ebenso ein Repertoire an Wissen und Praktiken, dessen Träger(*innen) (zumeist waren es Männer) insbesondere den drohenden Atomkrieg nicht als zivilgesellschaftliche Herausforderung, sondern als technisches und vor allem lösbares Problem betrachteten: Bunkerbauer. Der private Schutzraum goss sowohl die atomare Bedrohung als auch ein Schutzversprechen in Beton.5<\/sup> Die individuelle Überwindung der antizipierten apokalyptischen Zukunft – nicht ihre Abwendung – stellte eine Form des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Kalten Krieg jenseits der Friedensbewegung dar, die in der Forschung bisher wenig beachtet wird.Der private Bunkerbau in der Geschichte der Bundesrepublik muss im Kontext des Zivilschutzes verortet werden: Als »staatlich geförderte Privatsache des einzelnen Bürgers« wurde die Verantwortung zur Vorbereitung auf den Ernstfall ab Mitte der 1960er Jahre als Kooperation zwischen Staat und Bürger*innen angelegt. Da die gesetzliche Verankerung von Zivilschutzmaßnahmen Mitte der 1960er Jahre an zivilgesellschaftlichen Protesten gescheitert war, wurde die Krisenvorsorge an die Eigenverantwortung der Bürger*innen delegiert. Der Staat schuf mit Subventionen, Beratungsstellen und finanziellen Prämien entsprechende Anreize, sich mit Krisenvorsorge zu befassen.6<\/sup> Dabei ging es nicht nur um materielle Vorbereitungen selbst – Vorratshaltung und Schutzraumbau wurden erwartet –, sondern auch um die Einübung von Verhaltensweisen und die Aneignung spezifischer Kenntnisse.7<\/sup> Kurse vermittelten u.a. die Bedeutung der Sirenensignale, die Wirkung von Kampfstoffen, das optimale Verhalten in verschiedenen Katastrophenszenarien. Kernanliegen war es, die Bürger*innen zum Bau eines privaten Schutzraums zu animieren – mit beschränktem Erfolg. Der zuständige Bundesverband für den Selbstschutz (BVS) kreierte allerdings ein Netzwerk aus Anlaufstellen und Unternehmen, die sich auf den Selbstschutz und insbesondere den Schutzraumbau spezialisierten.Der Bau eines Schutzraums wurde somit zu einer Frage von individueller Leistungsbereitschaft, Willenskraft und finanziellen Ressourcen. Folglich richtete sich das Angebot entsprechender Firmen vor allem an die gehobene Mittelschicht, die die heile Welt der Kleinfamilie – sowohl als Lebensrealität als auch als gesellschaftliches Ideal – mit viel Beton gegen die nukleare Bedrohung immunisieren wollte. Zielgruppe der Unternehmen waren Familienväter, die mit dem Schutzraum gleichsam auch ihren Status als Ernährer, Beschützer und Versorger zementierten.Wenig überraschend war der private Bunkerbau als Symbol exklusiver Fürsorge für Wenige aus Sicht der Friedensbewegung, die sich um die Zukunft der Menschheit sorgte, moralisch hochgradig defizitär.In der Bundesrepublik gerieten individuelle Anstrengungen zum Selbstschutz vor der Kriegs- oder Katastrophengefahr insbesondere seit den 1980er Jahren massiv zur Zielscheibe friedensbewegter Akteur*innen. Der Schutzraum galt ihnen als Emblem erodierender gesellschaftlicher Solidarität,8<\/sup> verkörperte er doch das Versprechen, dass vor der Bombe nicht notwendigerweise alle gleich sind. Tatsächlich sind durchaus Bunkerbesitzer überliefert, die ihren Schutzraum vor der Nachbarschaft verbargen oder Firmen, die ihre Kunden zur Geheimhaltung aufriefen. Selten scheint es allerdings ausschließlich ums eigene Überleben gegangen zu sein: Auch unter Bunkerbauern lassen sich Formen der Vergemeinschaftung beobachten, die über die eigene Familienbande hinausreichen. Das Engagement für eine zu »errettende« Gemeinschaft war in der Regel lokal konzentriert – auf das eigene Dorf, den eigenen Stadtteil, in dem die Akteure zumeist vorher schon ehrenamtlich in verschiedenen Vereins- oder lokalpolitischen Strukturen aktiv waren.9<\/sup>Während sich der Großteil der Bunkerbauer einem (national-)konservativen Spektrum zuordnen lässt, das Aufrüstung und Atomenergie prinzipiell befürwortete, gab es auch Vertreter, die grundsätzlich mit den Sorgen und Bestrebungen der neuen Friedensbewegung sympathisierten und die Vorbereitung auf den Ernstfall vielmehr als Backup für ein Scheitern der zivilgesellschaftlichen Bemühungen verstanden.10<\/sup> Die Angst vor einem atomaren Krieg bildete den gemeinsamen Nenner und Ausgangspunkt für zwei komplementäre Ermächtigungsstrategien – die politische Ermächtigung in Form des kollektiven Protests zur Verhinderung der Zukunft und die technische Ermächtigung in der Krisenvorsorge zur Überwindung der apokalyptischen Zukunft.11<\/sup> Dieses komplementäre Verhältnis findet heute seine Fortsetzung, wie die Gleichzeitigkeit von Klimastreik und des Booms privater Krisenvorsorge in Form von Preppen zeigt.12<\/sup> Die Überzeugung, dass eine apokalyptische Zukunft unmittelbar bevorsteht, bildet abermals die Klammer, die den Gegensatz zwischen politischen und technischen Ermächtigungspraktiken und -projekten zusammenhält."}]}]},{"blog_dataid":"51","blog_title":"Ursprünglich, unbefleckt, ganz Natur. cache 02 über Werbung","blog_date":"2020-12-04","blog_author":"Valentin Groebner","blog_leadtext":"»Mir gefällt Werbung«, schrieb Peter Paul Zahl 1979. »Sie ist einer der letzten Hochkünste des Spätkapitalismus, nur dem Kino und der Rockmusik vergleichbar, und dem Jazz.«Die Produkte seien ihm freilich egal. »Hinter der Werbung könnte immer Welt von gestern oder morgen stecken: Versprechen.« Diesen bunten Versprechen von käuflicher Ursprunglichkeit widmet sich cache 02, das ab Frühjahr 2021 erscheint.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"4","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"51","blog_tagname":"Ware Reinheit","blog_tagid":"17"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Peter Paul Zahl: Die Glücklichen: Ein Schelmenroman<\/i>, Berlin: Rotbuch (1979), S. 226.","referenceid":"38","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Rainer Gries, Volker Ilgen, Dirk Schindelbeck: »Ins Gehirn der Masse kriechen!« Werbung und Mentalitätsgeschichte,<\/i> Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (1995); Gudrun König: Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900<\/i>, Köln\/Wien: Böhlau (2000); Volker Ilgen, Dirk Schindelbeck: Am Anfang war die Litfaßsäule: Illustrierte Reklamegeschichte<\/i>, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (2006); Yasmin Dosry (Hg.): Plakativ! Produktwerbung im Plakat 1885–1965<\/i>, Ausstellungskatalog Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Ostfildern: Thorbecke (2009).","referenceid":"39","referenceposition":"2"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"51","blog_listelementid":"115","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"»Mir gefällt Werbung«, schrieb Peter Paul Zahl 1979. »Sie ist einer der letzten Hochkünste des Spätkapitalismus, nur dem Kino und der Rockmusik vergleichbar, und dem Jazz.« Die angepriesenen Produkte fände er freilich uninteressant. Aber ihre Bilder wirkten auf ihn - »diese bunten, zweidimensionalen Träume. Hinter der Werbung könnte immer Welt von gestern oder morgen stecken: Versprechen.«1<\/sup>Nachlesen konnte man dieses Lob auf ein utopisches Medium in einem Kultbuch der damaligen deutschen Alternativszene, dem Roman »Die Glücklichen«, den der linksradikale Aktivist Zahl im Gefängnis verfasst hatte: Er wurde 1976 für zweifachen versuchten Polizistenmordes verurteilt. Die Werbung von früher, so zeigt das Zitat, gibt nicht nur über die Waren und Dienstleistungen Auskunft, die sie damals angepriesen hat, sondern auch über ihre Betrachterinnen und Betrachter. Werbung heisst Fühlen-Machen, und das macht sie für Historiker interessant, denen es um die Wahrnehmung von Menschen in der Vergangenheit geht. Werbung will kognitive Überraschung mit vorherbarem Ergebnis sein.Deswegen möchten wir in cache 02 (das ab Anfang 2021 erscheint) Werbung als Modellfall visueller Information auffassen: Sie zeigt Ihren Zielpersonen etwas, das einen konkreten Wunsch in ihnen auslösen soll. Werbung möchte Umerziehung sein. Werbeanzeigen sind daher nicht einfach täuschende Vorspiegelungen oder korrupte Aneignung des Ästhetischen als »geheime Verführer«, wie Vance Packard es 1957 im Titel eines berühmt gewordenen Sachbuchs formuliert hat – nicht ohne moralische sexualisierte Untertöne. Der weitaus grösste Teil der Werbung hat sich vielmehr seit dem Aufstieg der Markenprodukte in den 1880er Jahren so demonstrativ wie möglich präsentiert, und zwar als Versprechen auf sachlich überlegene Super-Information; als besonders souveräne Verheissung, die Überzeugungen und Erfahrungen ihrer Zielpersonen durch Begegnung mit etwas (vorgeblich) Besserem umzuwandeln in beglückendere, erfüllendere Varianten ihrer selbst.2<\/sup>Das utopische Potential der Werbung, das ein Exponent der radikalen Gegenkultur wie Peter Paul Zahl 1979 geniesserisch (und ironisch) aufruft, verweist auf unerwartete Parallelen zwischen den geträumten Welten der kommerziellen Reklame und dem »Gegenwissen« der Alternativkultur, das in cache 01 behandelt worden ist. Wie die Aktivisten der Protestbewegungen greifen auch die Werber mit grosser Selbstverständlichkeit auf ältere kulturelle Bilder und Erzählungen zurück, die sie oft, aber nicht immer ironisch zitieren und für ihre eigenen Zwecke verfremden. In vielen ihrer Erscheinungsformen verspricht Werbung ihren Betrachterinnen und Betrachtern nichts weniger als Erlösung aus den Paradoxa der Industriegesellschaft: Denn seit ihrem Aufstieg am Ende des 19. Jahrhunderts handelt sie von Verwandlung, teilweise mit magischen Mitteln. Sie benutzt dafür ein stark emotionalisiertes Vokabular an Texten und Bildern, die als Zwischenspeicher im Wortsinn ältere Formen von populärem und akademischem Wissen aufgreifen, vervielfältigen und im Sinne der Auftraggeber adaptieren. Schon Walter Benjamin ist in den 1920er Jahren aufgefallen, dass im Zeitalter von Elektrifizierung und Rationalisierung Werbung weiterhin vergnügt und etwas hemmungslos vitalistisch, religiös und vor allem synkretistisch blieb. Werbeanzeigen haben im 19. wie im 20. und 21. Jahrhundert Versatzstücke aus Signaturenlehre und Transsubstantiation ebenso eingesetzt wie solche aus der Humoralpathologie (»Entschlackung«) und Berührungsmagie (»Verjüngung«). In diesem populären Zauberreich der kommerziellen Bilder und Texte hat die Säkularisierung ebensowenig stattgefunden wie die Entzauberung der Welt.Die uns heute vertraute Werbung hat deswegen eine lange Vorgeschichte. Sie reicht weit über die modernen Markenprodukte hinaus, mit deren Aufstieg in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das Genre gewöhnlich verbunden wird. Dieser Vorgeschichte ist das Forschungsprojekt gewidmet, das cache 02 präsentiert. Uns geht es dabei eine besondere Form dieser sprechenden Bilder: Um die Visualisierung der Reinheit. Werbung für Reinheit ist allgegenwärtig: Auf praktisch jedem Produkt der modernen Warenwelt, das mit dem menschlichen Körper in Berührung kommt oder für den Verzehr bestimmt ist, findet sich ein Hinweis auf Reinheit. Reinheit ist durch Knappheit und ihr Bedrohtsein definiert. Sie ist flüchtig und imaginär, und diese Unbestimmtheit macht sie so universell anwendbar. Das Vokabular, aus dem sich die allermeisten dieser Metaphern bedienen, soll Konsum stimulieren, stammt aber aus der religiösen Sphäre. Reinheit ist kein Zustand, sondern ein Erzählschema.Für uns als Historiker*innen ist besonders interessant, dass die Beschwörung von Reinheit in der Werbung die Form von Rückkopplungsfantasien mit idyllischen Vergangenheiten annimmt. Werben mit Reinheit handelt von geträumten Ursprüngen und der Rückkehr dorthin. Diese Werbebilder benutzen Elemente, die dem jeweiligen Publikum bereits vertraut sind, und verdichten sie zu wirkungsmächtigen Emblemen. Woher stammen diese starken Motive? Und wie werden sie visualisiert und wirksam gemacht?Wir werden uns der Geschichte der Reinheit in drei unterschiedlichen historischen Fallstudien widmen. Mounir Badran untersucht den Aufstieg »reiner Alpenmilch« aus der Schweiz zu einem globalisierten Exportprodukt zwischen den 1860er Jahren und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Katharina Bursztyn erzählt die Geschichte der kosmetischen Produkte in den neuen Welten von Markenprodukten und illustrierten Frauenzeitschriften im 19. und im frühen 20. Jahrhundert zur Erzeugung »Reiner Haut«. Tiziana Bonetti unternimmt dagegen eine Reise zurück zur »Marienmilch« als materialisierter Verkörperung der Reinheit im 15. und 16. Jahrhundert – alles drei Formen von Reinheit, die man käuflich erwerben konnte.Um die Paradoxa von Wahrheit und Werbung anhand von reiner Milch, reiner Haut und der Produkte des Superkörpers der Jungfrau Maria und ihren Visualisierungen geht es uns. Wo kommen sie her, die Gefühle für das Ursprüngliche, und was ist ihr Gegenteil? Warum darf es keine Lücken und leeren Stellen geben? Und wo steckt der Schmutz, das Böse, die Sünde?"}]}]},{"blog_dataid":"48","blog_title":"Nach Open Access?","blog_date":"2020-11-22","blog_author":"Rebekka Kiesewetter","blog_leadtext":"Die akademische Selbst-Prekarisierung, mit der sich scholar-led<\/i> Journals und Verlage konfrontiert sehen, wird noch lange ein Thema sein: Wie bleibt – vor allem in befristeten Positionen – genügend (Arbeits-)Zeit, um sich um die Herausgabe eines Journals oder die Führung eines Verlags zu kümmern?","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"48","blog_tagname":"Open Access","blog_tagid":"18"},{"blog_dataid":"48","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"48","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"George Chen, Alejandro\n Posada, Leslie Chan: <\/span>»<\/span>Vertical Integration in Academic Publishing:\n Implications for Knowledge Inequality<\/span>«<\/span>, in: Pierre Mounier (Hg.): Connecting the\n Knowledge Commons – From Projects to Sustainable Infrastructure: The 22nd\n International Conference on Electronic Publishing – Revised Selected Papers<\/em>.\n OpenEdition Press (2019), http:\/\/books.openedition.org\/oep\/9086<\/a>.<\/span>
","referenceid":"34","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Siehe z.B. Samuel A. Moore: <\/span>»<\/span>Revisiting <\/span>›<\/span>the 1990s debutante<\/span>‹<\/span>: Scholar-led publishing and the prehistory of the open access movement<\/span>«<\/span>, in: Journal of the Association for Information\n Science and Technology<\/em>, mso-bidi-font-style:italic<\/a>\">71<\/span>\/7\n (2019), S. 856–866,
https:\/\/doi.org\/10.1002\/asi.24306<\/a>.<\/span>
","referenceid":"35","referenceposition":"2"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"48","blog_listelementid":"114","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"Es ist eine bestimmte Art des Open Access-Publizierens, die momentan von politischen Entscheidungsträger*innen, Geldgeber*innen und kommerziellen Verleger*innen prominent positioniert und gefördert wird: Eine, die in erster Linie dazu dient, die wissensbasierte Wirtschaft voranzutreiben und den Wettbewerb anzukurbeln. Dominiert wird dieses Feld von einigen Großverlagen. Nach einer Phase der horizontalen Integration des akademischen Publikationswesens steht nun die vertikale Integration des gesamten Wissensproduktionszyklus – zum Beispiel durch die Übernahme der Bewertung und Validierung der Forschungsqualität und -wirkung1<\/sup> – im strategischen Fokus dieser Unternehmen.Viele Akademiker*innen sehen diese Art von Open Access als eine bürokratische und nicht zuletzt auch karriere-bestimmende Notwendigkeit an. Sie fühlen sich unter Druck, »das Spiel mitzuspielen«.Einige Akademiker*innen jedoch nehmen, insbesondere im Bereich von Zeitschriften, das Publizieren selber in die Hand. Was sind die ökonomischen und organisatorischen Herausforderungen, mit denen sie sich konfrontiert sehen? Zumal die Herausgabe einer Zeitschrift einen enormen Arbeitsaufwand darstellt, dessen Organisation und Validierung in Hinblick auf das Open Access-Mandat noch lange nicht geklärt ist. Dazu diskutierten Beate Fricke (
21: Inquiries<\/a><\/i>), Estelle Blaschke (Transbordeur<\/a><\/i>), Philipp Messner (isotype<\/a><\/i>) und Tina Asmussen (traverse<\/a><\/i> \/ intercomverlag<\/a>) beim zweiten Workshop der Tagung Nach Open Access<\/i> mit dem Titel »Journals selber machen«.Werden finanzielle Fragen im Zusammenhang mit Open Access verhandelt, entsteht oft der Eindruck, dass es sich dabei um eine binäre Diskussion handelt: Die Profitmacherei kommerzieller Großverlage einerseits und der gemeinnützig ausgerichtete Gegenentwurf andererseits. Was in diesen Debatten mitunter verloren geht, ist die Vielfalt verschiedener Open Access-Ansätze. Denn Open Access ist weder eine spezifische Praxis noch eine bestimmte Organisationsform, sondern besteht aus einer Vielzahl von Praktiken, Organisationsformen und Finanzierungsmodellen. Diese sind oft nicht in oppositioneller Abhängigkeit zum Mainstream-Modell entstanden, sondern basieren auf ganz verschiedenen Motivationen, Ethiken, Politiken und Traditionen: Für einige Wissenschaftler*innen aus den Geisteswissenschaften oder aus dem Umfeld der Open Science-Bewegung zum Beispiel gelten die Digitalisierung und Frühformen von Open Access seit den 1990er Jahren als ein Anlass für die kritische Auseinandersetzung mit akademischer Wissensproduktion und den Modi tradierter Forschungs- und Kommunikationspraxen.2<\/sup> Diese Vielfalt zeigte sich auch im Gespräch zwischen Estelle Blaschke, Beate Fricke, Tina Asmussen und Philipp Messner.Estelle Blaschke illustriert am Beispiel der jährlich erscheinenden Zeitschrift Transbordeur,<\/i> zu deren Redaktionskomitee sie gehört, wie wenig Sinn eine »top-down« diktierte Umstellung auf Open Access, universell gedachte Ansätze und standardisierte Publikationsformate machen. Publiziert wird das Journal vom kleinen Pariser Verlag Éditions Macula, der Produktion, Vertrieb und Teile des Lektorats übernimmt. Bei Transbordeur<\/i> steht der Objektcharakter von Fotografie im Vordergrund – etwa die bildliche Reproduktion von Gebrauchsspuren, die Zirkulationsmodi sichtbar macht. Bei der Gründung des weitgehend durch akademische Drittmittel, Heft- und Abonnementverkäufe finanzierten Journals sei auch die Frage nach Open Access aufgekommen, sagt Blaschke. Damals »clashten« unterschiedliche Ideen von und Erwartungen (respektive Befürchtungen) an das Potenzial von Open Access. Das Zirkulationsargument Pro-Open Access unterlag den Zweifeln an der Zulänglichkeit und Finanzierbarkeit einer vollumfänglich digitalen Lösung – dies etwa im Hinblick auf den Objekt- und Materialcharakter der Bilder sowie die Wertigkeit des physischen Produkts und der damit verbundenen Arbeit. Dass das Vorwort jeder Ausgabe und alle Buchrezensionen auf der Website von Transbordeur<\/i> einsehbar sind, ist das vorläufige Resultat dieses Verhandlungsprozesses zwischen Herausgeberschaft, Redaktionskomitee, Grafiker*innen und Verlag. In näherer Zukunft soll eine umfassendere Open Access-Lösung erarbeitet werden: sei es auf der Basis der Publikation aller Beiträge auf der Website – mit einer Sperrfrist von zwei Jahren – oder der Einstellung der Beiträge auf der Plattform CERN<\/a>. Wie dieser Schritt – auch vor dem Hintergrund hoher Preisschranken und der uneinheitlichen Praxis der Bildrechtsvergabe – personell und finanziell nachhaltig zu gestalten sei, ist eine Frage, die das divers aufgestellte Transbordeur<\/i>-Team weiter beschäftigen wird.Beate Fricke, Mitherausgeberin des vielsprachigen Journals 21: Inquiries into Art, History, and the Visual – Beiträge zur Kunstgeschichte und visuellen Kultur<\/i>, vertritt einen politisierten Ansatz von Open Access. Sie betont, wie wichtig es ist, Kolleg*innen für die Problematiken der Mainstream-Praktiken und das kritische Potenzial von Open Access zu sensibilisieren: Etwa für Fragen der Natur, Legitimität und Zugänglichkeit von Wissen vor dem Hintergrund einer – vermeintlich demokratischen – globalen akademischen Wissensproduktion, in der koloniale, klassenbasierte und patriarchalische Machtstrukturen fortgeschrieben werden. Der Begriff der Offenheit konstituiert sich in diesem Ansatz nicht aus techno-legalen, binären Kategorien wie offen vs. geschlossen, sondern umfasst Aspekte wie die gesellschaftliche Öffnung universitärer Forschung oder die Öffnung etablierter akademischer Wissenskulturen gegenüber marginalisiertem oder nicht als solches anerkanntem Wissen.Beate Fricke gehört zu jenen Akademiker*innen, die Open Access als eine Chance sehen, die Kontrolle über ihre Forschungsprozesse und -outputs zu übernehmen. Open Access über APCs (article processing charges<\/i>) zu finanzieren, wie es einige Open Access-Journals tun, kommt für 21: Inquiries<\/i> nicht in Frage: Wichtig seien eigene, auf das Journal und seinen Entstehungs- und Erscheinungskontext zugeschnittene Lösungen. Zurzeit werden bei der Redaktion und Produktion von 21: Inquiries<\/i> zusätzlich zum Redaktionsteam »Hiwis« eingesetzt, und man stellt sich die Frage, ob sich Lehrveranstaltungen mit angewandten Fragen des Publizierens verknüpfen ließen. In der Schaffung von Postdoc-Stellen und der Querfinanzierung des Journals durch Forschungsgelder – ein Ansatz, den auch cache <\/i>verfolgt – sieht Beate Fricke weitere Möglichkeiten.Tina Asmussen versteht die traverse<\/i> als ein »projet intellectuel«, das den geschichtswissenschaftlichen Diskurs der Schweiz geprägt hat und sich auch mit der Gestaltung adäquater Publikationsinfrastrukturen, -prozesse und -formate auseinandersetzt. Gerade bei traditionsreichen Journals wie der traverse<\/i> lägen die größten Herausforderungen bei der Umstellung auf Open Access in der Neuaushandlung und -organisation etablierter Publikationsprozesse (wie etwa der Zusammenarbeit mit traditionellen Kleinverlagen), sowie im Versagen bewährter Finanzierungsmodelle. Die traverse<\/i> wird von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) teilsubventioniert und erwirtschaftet 50% selber – bisher über Abonnementsverkäufe. Momentan folgt die traverse<\/i> einem grünen Open Access-Ansatz mit einer Sperrfrist von einem Jahr. Eine Diamond-Lösung werde angestrebt, sei aber im Moment nicht finanzierbar. Bei der Suche nach einer adäquaten Finanzierungsform, die sowohl der Herausgeber*innen- als auch der Leser*innenschaft gerecht wird, seien daher kreative Lösungen gefragt. Das Journal über APCs zu finanzieren stehe nicht zur Diskussion. Ob vielleicht die Gründung eines Vereins ein valabler Ansatz wäre?Philipp Messner bringt die Perspektive des staatlichen Archivs ein. Er erinnert an die gesetzliche Grundlage der »Offenheit«, auf der Staatsarchive operieren, und betont, dass die Zurverfügungstellung von standardisieren, zitierfähigen und offenen Online-Datenbanken auch bei nicht-staatlichen Archiven Priorität haben soll. Dazu gehöre der Verzicht auf Nutzungsgebühren, die Aufhebung von zeitlich begrenzten Nutzungsrechten und die Anpassung der entsprechenden Nutzungsrichtlinien, Lizenzen und Vereinbarungen. Dies würde die (Publikations-)Arbeit von Journals in den bildlastigen Geisteswissenschaften bedeutend kostengünstiger machen und die experimentelle Suche nach geeigneten Publikationsformaten erleichtern. Denn den Wunsch nach Open Access umzusetzen, hieße weder die Bibliodiversität in Frage zu stellen noch bestehende analoge Formate einfach eins zu eins ins Digitale zu übertragen, das ist für alle Anwesenden klar. Viel eher sollen neue Formate entwickelt werden, in denen – nachdem der Sammelband, wie ein Workshopteilnehmer einwirft, die kollektiven Aspirationen in den Geisteswissenschaften nicht erfüllt hat – gemeinschaftliche Forschung und transdisziplinärer, transnationaler Diskurs betrieben und gebündelt werden könne. Dabei solle es weniger darum gehen, Kontinuität oder Einheitlichkeit zu suggerieren, sondern darum, explorative Foren zu schaffen, in denen verschiedene Communities zusammenkommen. Die Aufgabe der Journal-Herausgeber*innen sei hier nicht eine distanziert kuratorische – ein Überblicken, Selektieren und Zusammenstellen – sondern eine, der es ein Anliegen ist, einen demokratischen Diskurs- und Verhandlungsraum zu schaffen, »in dem Forschung produziert wird, die überrascht«.In der abschließenden Diskussion kommt das Gespräch auf den zentralen Punkt der Präsentationen zurück: die Frage der Finanzierung. Sie ist, wie die Frage nach geeigneten Publikationsformaten, auch eine Frage nach dem akademischen Selbstverständnis: Was heißt es, die Ethiken und Politiken geisteswissenschaftlicher Praxis ins akademische Publikationswesen zu übertragen, wie (und unter welchen Konditionen) kann dieses (mit-)gestaltet werden?Die akademische Selbst-Prekarisierung, mit der sich – wie auch im ersten Workshop der Konferenz thematisiert wurde – scholar-led<\/i> Journals und Verlage (quasi im Austausch gegen die ausbeuterischen Praktiken der Großverlage) konfrontiert sehen, wird noch lange ein Thema sein: Wie bleibt – vor allem in befristeten Positionen – genügend (Arbeits-)Zeit, um sich um die Herausgabe eines Journals oder die Führung eines Verlags zu kümmern? Wie viel Zeit wollen Geisteswissenschaftler*innen investieren, um Publikationen zu machen und zu verwalten? Und was kann das Ziel einer solchen Arbeit sein? Um solche Fragen befriedigend beantworten zu können sei – da sind sich die Diskussionsteilnehmer*innen einig – eine breite Neuaushandlung der Verteilung von Kosten, Arbeit und Infrastruktur, der Verwendung von Drittmitteln und der tradierten Aufgabe der Verlage in den Geisteswissenschaften nötig. Beate Fricke wünscht sich außerdem eine aktivere Auseinandersetzung mit der Frage, was wie und für wen verfügbar gemacht wird, und eine gemeinschaftliche Diskussion der Möglichkeiten, gegen die Ungerechtigkeiten in bestehenden Open Access-Publikationsmodellen, -strukturen und -kulturen vorzugehen.Die Tagung Nach Open Access<\/i> hat einen wichtigen Anstoß in Richtung einer solchen aktiven und gemeinschaftlichen Auseinandersetzung unter Kleinverlagen und scholar-led<\/i> Journals in der Schweiz (und über die Schweiz hinaus) gegeben. Ob im Sinne einer regelmäßigen »Chropfleerete« oder einer nachhaltigen Vernetzung: Ein solcher Austausch ist wichtig, um ein Umfeld zu konstituieren, in dem eine diverse, differenzierte und kritische Open Access-Publikationskultur gepflegt, gefördert und kommuniziert wird und gegenseitige Unterstützung geboten wird.Und eines ist nach der Tagung sicher: An dem Punkt »nach Open Access« sind wir noch lange nicht."}]}]},{"blog_dataid":"47","blog_title":"Rechnen in den Geistes- und Sozialwissenschaften","blog_date":"2020-10-30","blog_author":"Ricky Wichum","blog_leadtext":"Der Computer steht da, das Personal ist eingestellt, die Programme betriebsbereit. Und doch bleibt die Anlage, an die so viele Erwartungen angeheftet wurden, ungreifbar, wird im Verborgenen gehalten und droht ins Vergessen abzurutschen...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"47","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"196","referencetext":"Siehe nur: Susan Hockey: »The History of Humanities Computing, in: Susan Schreibman, Ray Siemens, John Unsworth (Hg.): A Companion to Digital Humanities<\/i>, Malden, MA.: Blackwell (2007), S. 1–19.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"197","referencetext":"David Gugerli, Daniela Zetti: »Digitale Gesellschaft«, in: Historisches Lexikon der Schweiz<\/i>, https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/055503\/2018-10-21<\/a> (21. Oktober 2018).
","referenceposition":"2"},{"referenceid":"198","referencetext":"Ulf Hashagen: »Computer für die Wissenschaft: Wissenschaftliches Rechnen und Informatik im Deutschen Wissenschaftssystem 1870-1970«, in: Karin Orth, Willi Oberkrome (Hg.): Die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1920-1970: Forschungsförderung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik<\/i>, Stuttgart: Franz Steiner (2010), S. 145–162.
","referenceposition":"3"},{"referenceid":"199","referencetext":"Es handelt sich hierbei um Rolf Gundlach und Carl August Lückerath. Vgl. Rolf Gundlach, Carl August Lückerath: Historische Wissenschaften und elektronische Datenverarbeitung<\/i>, Frankfurt am Main: Ullstein (1976), S. 7.
","referenceposition":"4"},{"referenceid":"200","referencetext":"Renate Mayntz: »Vorwort«, in: dies. (Hg.): Formalisierte Modelle in der Soziologie<\/i>, Neuwied am Rhein: Luchterhand (1967), S. 5.
","referenceposition":"5"},{"referenceid":"201","referencetext":"Renate Mayntz: »Vorwort«, in: dies. (Hg.): Formalisierte Modelle in der Soziologie<\/i>, Neuwied am Rhein: Luchterhand (1967), S. 6. Für die Geschichtswissenschaften siehe ähnlich: Konrad H. Jarausch: »Möglichkeiten und Probleme der Quantifizierung in der Geschichtswissenschaft«, in: ders. (Hg.): Quantifizierung in der Geschichtswissenschaft: Probleme und Möglichkeiten<\/i>, Düsseldorf: Droste (1976), S. 11–30.
","referenceposition":"6"},{"referenceid":"202","referencetext":"Vgl. Steffen Harbordt: Computersimulation in den Sozialwissenschaften<\/i>: Einführung und Anleitung<\/i>, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (1974).
","referenceposition":"7"},{"referenceid":"203","referencetext":"Die Ausnahme von der Regel bildet in ideologiekritischer Absicht über das eigene Tun Steffen Harbordt, der »nicht die Augen vor der Gefahr« verschließt, »daß die Computersimulation technokratische Tendenzen in unserer Gesellschaft verstärken könnte.« (Steffen Harbordt: Computersimulation in den Sozialwissenschaften<\/i>: Einführung und Anleitung<\/i>, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (1974), S. 13.)
","referenceposition":"8"},{"referenceid":"204","referencetext":"Renate Mayntz: »The Visiting Fellow – An Analysis of an Academic Role (1960)«, in: Ariane Leendertz, Uwe Schimank (Hg.), Ordnung und Fragilität des Sozialen: Renate Mayntz im Gespräch<\/i>, Frankfurt am Main: Campus (2019), S. 115–126. Sowie grundlegend für die deutsche Soziologie: Johannes Weyer: Westdeutsche Soziologie: 1945–1960. Deutsche Kontinuitäten und nordamerikanischer Einfluß<\/i>, Berlin: Duncker und Humblot (1984) (= Soziologische Schriften 41).
","referenceposition":"9"},{"referenceid":"205","referencetext":"Claus Pias: »On the Epistemology of Computer Simulation«, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung<\/i> 2\/1 (2011), S. 29–54.
","referenceposition":"10"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"47","blog_listelementid":"113","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"59","replicheadline":"Rechnen in den Geistes- und Sozialwissenschaften","replictext":"Der Computer steht da, das Personal ist eingestellt, die Programme betriebsbereit. Und doch bleibt die Anlage, an die so viele Erwartungen angeheftet wurden, ungreifbar, wird im Verborgenen gehalten und droht ins Vergessen abzurutschen. »Die EDV geriet deshalb in Vergessenheit, weil sie sehr abgekapselt und isoliert vom übrigen Betrieb angesiedelt war«, heißt es treffend bei Klaus R. Müller, der im Gegen|Wissen<\/i>-Kapitel High Tech zitiert wird.Ließe sich diese Doppeldeutigkeit aus den Anfangstagen des Computerbetriebs – die Gleichzeitigkeit von Präsenz und Verschwinden – nicht als Motiv für eine Computergeschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften gebrauchen? Nicht nur, weil die digital humanities<\/i> so vehement von ihrer Führungsrolle in diesem Bereich überzeugt sind und Deutungsmacht auch für eine Geschichte der digitalen Epistemologie in den Sozial- und Geisteswissenschaften reklamieren.1<\/sup> Vielleicht auch, um die Funktion des Partizipationsangebots zu begreifen, das mit open source<\/i>-Tools und Tutorials auf Online-Plattformen manifest wird. Ist es nur die zeitgenössische Form der Universität, die aus der beständigen Aufforderung der digital humanities<\/i> spricht, von ihren Angeboten Gebrauch zu machen und die eigene Forschung durch die Rekombination und Visualisierung von unendlichen Datenmengen irritieren zu lassen? Sind es am Ende wirklich nur Methodenfragen, über die man Einigkeit gewinnen muss, um beispielsweise digital sociology<\/i> zu betreiben? Wie lässt sich jene (epistemologische) Autorität begreifen, die aufgrund von Sachwissen und Kapital – das Programmieren, Erklären und Deuten von Algorithmen, das Speichern der Datenbestände, die Bereitstellung von Tools und Tutorials u.a. – über die Rekombination von prinzipiell unbegrenzten Datenmengen entscheidet?Anstatt einer weiteren Chronologie von Hardware, Software, Konferenzen und Verbandsgründungen, würde ich vorschlagen, diejenigen Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen, die sich auf das Wagnis des Computers und die Untiefen digitaler Epistemologie einliessen, als »digitale Gesellschaft« zu verstehen.2<\/sup> Wohlgemerkt, als eine unter vielen »digitalen Gesellschaften« (neben solchen in anderen Disziplinen, aber auch in öffentlichen Verwaltungen, dem Militär usw.) und verstanden eher als schwache Form denn als etabliertes Netzwerk, eher als lose Kopplung denn als institutionalisiertes Unternehmen. Im Folgenden möchte ich die »digitale Gesellschaft« skizzieren, die sich in den bundesrepublikanischen Geistes- und Sozialwissenschaften um 1970 formierte. Die Skizze basiert auf einer kursorischen Lektüre von Vorworten, die aus Büchern von deutschsprachigen Historiker*innen und Soziolog*innen aus den 1970er Jahren stammen, deren Oberthema der Einsatz des Computers in ihren Wissenschaften ist.Die Datenverarbeitungsprogramme des Bundes und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hatten die Universitäten mit breiter Rechenkapazität ausgestattet und offenbar hatten nun auch die philosophischen und sozialwissenschaftlichen Fakultäten Zugriff auf Rechenleistung.3<\/sup> Zwischen Soziolog*innen, Historiker*innen, Mathematiker*innen, Rechenzentrumsmitarbeiter*innen und Programmierer*innen entwickelten sich Interaktionsformen, die durch individuelle Erfahrungen im Umgang mit Computern und problemorientierte Kooperation gekennzeichnet waren. Biographisch kondensiert, klingt dieser Erfahrungsraum wie folgt:»[D]er eine ist Ägyptologe und arbeitet seit über einem Jahrzehnt an Fragen des Einsatzes der Datenverarbeitung in den Geisteswissenschaften speziell im Rahmen der Nichtnumerik, der andere ist Historiker mit Schwergewicht auf Mittelalterlicher Geschichte und Rechtsgeschichte, und seine Interessen gelten, ausgehend von den Erfahrungen, die durch Mitarbeit in der Abteilung Nichtnumerik des ehemaligen Deutschen Rechenzentrums in Darmstadt gewonnen wurden, statistischen Anwendungsmöglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung in der Geschichtswissenschaft.«4<\/sup>Die Mitglieder dieser »digitalen Gesellschaft« überraschten sich oft gegenseitig, weil Computer- und Programmierkenntnisse und akademische Hierarchien nicht übereinstimmen mussten. So berichtete die Soziologin Renate Mayntz, deren Interesse an Modellbildungen »niemals aus dem rezeptiven in ein produktives Stadium« traten, dass ihre Textsammlung Formalisierte Modelle in der Soziologie<\/i> niemals erschienen wäre, »wenn sich nicht bei einem Seminar über das Thema eine unerwartet interessierte Gruppe von Studenten zusammengefunden hätte, von denen einige auch mathematische Kenntnisse und sogar Erfahrungen im Programmieren von elektronischen Datenverarbeitungsanlagen besassen.«5<\/sup>Zur kommunikativen Normalität dieser in Entstehung befindlichen »digitalen Gesellschaft« gehörte auch die Haltung eines informativen Realismus, der die computerbasierten Methoden weder affirmieren noch kritisieren wollte. »[N]icht missionieren, sondern informieren«, lautete etwa die Strategie von Renate Mayntz.6<\/sup> Und so wurde das Publikum ausführlich mit der Funktionsweise des Computers und seiner Programme vertraut gemacht, in methodischen Fragen auf den aktuellen Stand gebracht und geduldig über die Grenzen und Probleme computerbasierter Wissenschaft aufgeklärt.7<\/sup> Hinter dieser Informationsflut technischer Details und der Dominanz von Methodenfragen drückt sich eine nicht verbalisierte Suchbewegung aus, die nach einer neutralen, vermeintlich »rein« wissenschaftlichen Position der computerbasierten Sozialwissenschaften Ausschau und deutlichen Abstand zu jeder Art von Kulturkritik und subversivem Gegenwissen hielt. Entsprechend sind Selbstauskünfte und -reflexionen über die eigenen wissenschaftspolitischen und materiellen Bedingungen, zumindest in meiner nicht repräsentativen Lektüre, rar gesät.8<\/sup>Es könnte für eine Geschichte des humanities computing<\/i> in den deutschsprachigen Sozial- und Geisteswissenschaften aber wichtig sein, diese Leerstellen und diskursiven Abschirmungsstrategien nicht nochmals zu reproduzieren, sondern nach den strukturellen wie institutionellen Möglichkeitsbedingungen computerbasierter Geistes- und Sozialwissenschaften zu fragen. Meine vorläufige These lautet: Strukturbildend für die Formation der hier skizzierten »digitalen Gesellschaft« war, erstens, die computertechnische Aufrüstung der deutschen Universitäten durch den Bund und dessen führende Wissenschaftsinstitutionen. Ihre Mitglieder profitierten, zweitens, von den wissenschaftspolitisch aufgesetzten akademischen Austauschprogrammen zwischen den USA und der Bundesrepublik.9<\/sup> Computergenerierte Wissensräume – wie die Computersimulation oder Datenbanken – definierten, drittens, das wissenschaftliche Handlungsfeld und dienten in der Kommunikation nach außen zugleich als Legitimationsressource.10<\/sup> ","replicauthor":"Ricky Wichum, Zürich","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Wichum_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"High Tech","chapterid":"22","partid":"11","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"45","blog_title":"Zauberwort Open Access","blog_date":"2020-10-23","blog_author":"Elena Šimukovič","blog_leadtext":"Die Formel, die vor allem von Förderinstitutionen verwendet wird, klingt ganz einfach: public funding → public access<\/i>...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"45","blog_tagname":"Open Access","blog_tagid":"18"},{"blog_dataid":"45","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Siehe Elena Šimukovič: »Eine Erfolgsgeschichte? Open Access zwischen kollektivem handeln, (un-)sichtbaren Infrastrukturen und neoliberalen Verwandlungen«. in: Zenodo, <\/i>
http:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.3482831<\/a> (01. Oktober 2019)","referenceid":"165","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Siehe z.B. den Blogbeitrag von Eduardo Aguado-López und Arianna Becerril-García: »The commercial model of academic publishing underscoring Plan S weakens the existing open access eco system in Latin America«, in: LSE Impact Blog, https:\/\/blogs.lse.ac.uk\/impactofsocialsciences\/2020\/05\/20\/the-commercial-model-of-academic-publishing-underscoring-plan-s-weakens-the-existing-open-access-ecosystem-in-latin-america<\/a> (20. Mai 2020).","referenceid":"167","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Nick Shockey: »Theme of 2020 Open Access Week to be Open with Purpose: Taking Action to Build Structural Equity and Inclusion«, http:\/\/openaccessweek.org\/profiles\/blogs\/2020-theme-announcement-english<\/a> (31. August 2020).","referenceid":"166","referenceposition":"3"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"45","blog_listelementid":"109","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"cache, so lesen wir es im Epilog von Gegen|Wissen, ist als »ein Experiment inmitten eines großflächigen Umbruchs innerhalb des wissenschaftlichen Publikationswesens« entstanden. Dieser Umbruch, gekennzeichnet durch zwei gegensätzliche Entwicklungen, scheint trotz all seiner Widersprüchlichkeit – oder gerade deswegen – ein beträchtliches Ausmaß von kreativer Energie in das Feld gebracht zu haben. Auf der einen Seite hat sich die akademische Verlagslandschaft in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Händen weniger, international operierender Großverlage konzentriert. Auf der anderen Seite lässt sich in der jüngeren Vergangenheit insbesondere im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften eine Reihe von eigenständigen, nicht-kommerziellen Publikations-Kooperativen oder gar eine Renaissance des Publizierens »von unten« beobachten. Das Zauberwort<\/i>, das aktuell beide Seiten intensiv beschäftigt, lautet Open Access<\/i>.Die Formel, die vor allem von Förderinstitutionen verwendet wird, klingt ganz einfach: public funding → public access<\/i>. Das heißt, wer mit öffentlichen Steuergeldern geförderte Publikationen erstellt, muss sie der Öffentlichkeit frei zugänglich machen. Beim ersten Anblick gewinnen dabei alle: von Forscher*innen selbst, die dadurch mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für ihre Forschungsergebnisse erlangen, bis zum außerakademischen Fachpublikum, das ebendiese Erkenntnisse in der Praxis anwenden kann. Die Grafik von Danny Kingsley und Sarah Brown, die auf unzähligen Open Access-Informationsseiten von Hochschulbibliotheken zu finden ist, stellt die Vorteile von Open Access visuell so dar:"}]},{"blog_dataid":"45","blog_listelementid":"110","blog_listtype":"3","blog_listposition":"1","data":[{"blog_imageid":"21","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/benefitsofopenaccess_cc-by_logo.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Australasian Open Access Strategy Group: Benefits of Open Access.<\/i>"}]},{"blog_dataid":"45","blog_listelementid":"111","blog_listtype":"1","blog_listposition":"2","data":[{"blog_texttext":"Doch ist der kostenfreie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen, die meist in fremdsprachigen und hochspezifischen Fachzeitschriften erscheinen, wirklich ein Allheilmittel, das alle Probleme der Welt lösen kann? In diesem Zusammenhang lohnt sich ein näherer Blick auf die vielen Versprechungen von Open Access-Befürworter*innen. Für einen Vortrag1<\/sup> bei den Open-Access-Tagen 2019 habe ich die genannten Vorteile und die jeweiligen Gegenargumente zu Kingsleys und Browns Darstellung folgendermaßen zusammengefasst:

– More exposure for your work<\/i> – Wir leiden bereits unter der Informationsflut, andere Instrumente sind effektiver, viele erleben keine (größeren) Zugangsprobleme;

– Practitioners can apply your findings<\/i> – Andere Formate und Verbreitungskanäle sind nötig, schlechte Reproduzierbarkeit vieler Forschungsergebnisse, Sprach- und Terminologiebarrieren stehen im Weg;

– Higher citation rates<\/i> – Keine eindeutige Beweislage, das Prestige von Zeitschriften selbst sowie der Institution der Forschenden spielt eine größere Rolle, wird nicht unbedingt in den gängigen Zitationsdatenbanken erfasst;

– Your research can influence policy<\/i> – Andere Formate und Verbreitungskanäle sind nötig, mehr Einfluss durch Lobbying, nicht alle Forschungsthemen sind für die Politik relevant;

– The public can access your findings<\/i> – Kein Bedarf, Interesse und\/oder keine Zeit für die Vertiefung in die meisten Forschungsthemen, Sprach- und Terminologiebarrieren;

– Compliant with grant rules<\/i> – Förderinstitutionen sind sich selbst uneinig, wie genau Open Access umgesetzt werden soll, kein systematisches Monitoring oder gar Sanktionierung bisher, gilt nicht unbedingt für private Stiftungen oder philanthropische Projekte (kein öffentliches Geld);

– Taxpayers get value for money<\/i> – Bisher keine Kostenersparnisse für die öffentliche Hand, die allgemeine Öffentlichkeit hat keinen Einfluss auf die Forschungsthemen, Spannungsverhältnis zwischen nationalen Förderbudgets und internationaler Arbeitsweise von Forschenden;

– Researchers in developing countries can see your work<\/i> – Angepriesen als »Entwicklungshilfe« für Forschende in weniger wohlhabenden Teilen der Welt, andere Forschungsthemen können anderswo mehr relevant sein, alle sollen an Wissensproduktion und -austausch gleichberechtigt teilnehmen können, und nicht nur Forschungsergebnisse von Globalem Norden\/Westen konsumieren.

Insbesondere der letzte Punkt wirft kritische Fragen auf. Denn fragt man Forschende und Open Access-Aktivist*innen aus dem sogenannten Globalen Süden selbst – statt nur über<\/i> sie zu reden – so werden überwiegend eurozentrische Initiativen in diesem Bereich wie der »Plan S« harsch kritisiert.2<\/sup> Im Fokus dieser Kritik steht meistens das aktuell von etablierten Großverlagen stark propagierte (und von vielen Akteur*innen in der Wissenschaftspolitik und Bibliothekskonsortien unterstützte) Geschäftsmodell, das anstatt von Zugangsgebühren nun auf Publikationsgebühren setzt. Die sogenannten Article Processing Charges<\/i> (APCs), die für das Publizieren in Open Access von vielen Verlagen verlangt werden – und den Monatslohn von den meisten Forschenden auf dieser Welt um ein Mehrfaches übersteigen können – entwickeln sich zu einer neuartigen Barriere im wissenschaftlichen Publikationswesen. Wessen Stimme im wissenschaftlichen Diskurs gehört wird, würde dadurch maßgeblich von der finanziellen Lage der Person oder ihrer Institution abhängen.
Dieser Problematik widmet sich auch die diesjährige internationale3<\/sup> Open-Access-Woche. Koordiniert von der Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition (SPARC) findet sie seit 2008 jeweils im Oktober statt. Während dieser Woche werden diverse Veranstaltungen und Diskussionen rund um den Globus organisiert, um die Umsetzung von Open Access weltweit voranzubringen. Zum dritten Mal in Folge liegt der thematische Fokus auf Gerechtigkeit. Wie schon in den letzten Jahren sollen in diesem Rahmen kritische und teilweise unbequeme Fragen diskutiert werden. Das Motto lautet »
Open with Purpose: Taking Action to Build Structural Equity and Inclusion<\/a>«. Denn Open Access soll letztendlich zum Wohl der Allgemeinheit dienen und nicht zu neuartigen Formen der strukturellen Benachteiligung im wissenschaftlichen Publikationswesen führen.
"}]}]},{"blog_dataid":"44","blog_title":"Selbermachen – sichtbar machen","blog_date":"2020-10-19","blog_author":"Stephan Graf","blog_leadtext":"Eines machte die Anregung zu einem vertieften Austausch zwischen Grafiker*innen, Verleger*innen und Autor*innen also klar: »Selbermachen« heisst nicht »alleine machen« ... – Bericht zum Workshop »Verlage selber machen«, der am 09.10.2020 online stattfand. ","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"3","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"44","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"44","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"44","blog_listelementid":"106","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"Warum brauchen die Geisteswissenschaften mehr »Bibliodiversität«, neue Publikationsformate, -kanäle, -netzwerke? Folgt man Nils Güttler, Niki Rhyner und Max Stadler vom cache-Kollektiv, das vorletzten Freitag zum ersten seiner beiden Abschlussworkshops einlud, gelingt es dem akademischen Verlagswesen der Gegenwart einfach nicht, den eigenen, ja: neuen (auch digitalen), Bedürfnissen nachzukommen. Die Eintrittskarten zu einem von Monopolisierung und Ökonomisierung gezeichneten Publikationsspektakel seien schlicht zu teuer und das dafür Gebotene — nicht zuletzt aus ästhetischer Sicht — unbefriedigend. Im Buchhandel angekommen sind nun die vom intercom-Verlag und cache kurzerhand selbst gemachten »
528 Seiten Gegenwissen, ca. 1980<\/a>«, die, wie Max Stadlers Webcam zu erkennen gab, etwa im Berliner Geschäft bookspeopleplaces<\/a> des Stadtforschers (und eigentlichen Workshop-Gastgebers) Peter Schmidt aufliegen. Hinsichtlich der Unzulänglichkeiten der aus öffentlich finanzierter Forschung Profit schlagenden Verlagsgiganten sahen es die geladenen Podiumsgäste ganz ähnlich, sodass sich in den folgenden 100 Minuten Videokonferenz, soviel vorweg, kein Streitgespräch, sondern ein freundschaftlicher Erfahrungsaustausch übers »Selbermachen« beim Verlage-Machen entfaltete. Anna Echterhölter und Rebekka Ladewig erinnerten daran, wie sie für ihre 2009 gegründete Zeitschrift ilinx<\/a><\/i> dezidiert für <\/i>etwas schreiben wollten und positionierten sich mit dem Verweis auf die damit verbundene gestalterische Suche nach einer »graphic language of resistance<\/a>« im Umkreis der Fanzine-Kultur. Als entscheidend habe sich weiter das Nachdenken über die Adressierung der Texte, die Bewusstmachung der Kräfte des »impliziten Lesers«, herausgestellt. Rund um diesbezügliche Überlegungen bildeten und pflegten sie ein Netzwerk, wobei sich dabei erprobte Verfahren der Peer Review mitunter als willkommenes Mittel zur Erweiterung des Netzwerks herausstellten. Auch der »Para-Akademiker« Julien McHardy, seit 2012 im Redaktionsteam des im gleichen Jahr gegründeten Verlags Mattering Press<\/a>, priorisierte das Knüpfen und Koordinieren von Beziehungen, das frühe Betreuen von Texten und deren Begutachtung im erweiterten Kollektiv. Verstanden als »intimes Beziehungsgeflecht« sei ein solcher Verlag nicht skalierbar, dürfe aufgrund verlagsübergreifender Infrastruktursynergien auch wieder verblühen und setze anstatt auf ein Geschäftsmodell (sowieso meist mehr Marketinghirngespinst als praxisleitender Fahrplan) auf Liebe. Für das auf »gemeinsame Infrastrukturen« hinauslaufende Bündeln der Kräfte stand die von Andreas Kirchner vorgestellte ScholarLed-Initiative, die die Open Access Verlage Mattering Press, meson press, Open Book Publishers, Open Humanities Press und punctum books als non-profit, non-hierarchische und non-kompetitive Verlagskollaboration<\/a> 2018 ins Leben riefen. Der 2015 von Andreas Kirchner mitinitiierte und heute fest in den Medienwissenschaften verankerte Verlag meson press habe ScholarLed mitaufgebaut und profitiert seither entscheidend vom Netzwerk. Einen wirklich überzeugenden Umgang mit Professionalisierungsforderungen und hohen, längst nicht immer entlohnten Arbeitsbelastungen gälte es dabei allerdings noch zu finden. Im zweiten Themenblock unter dem Titel »Gestaltung« blickte Jan Wenzel auf die knapp 20-jährige Geschichte des Leipziger Verlags Spector Books<\/a> zurück, den er bekanntlich mit Anne König und Markus Dreßen leitet. Jan Wenzel brachte zum einen die wichtige Frage der Distribution ins Spiel: Spector hatte sich 2012 entschieden, seine jährlich 50 Titel offensiv auf dem primären Buchmarkt zu platzieren und dafür professionelle, internationale Vertriebsnetze zu kultivieren. Zum anderen bekräftigte er mit zwei Auszügen aus seinen »12 Aufgaben des Verlegers<\/a>« die soziale Seite der alles andere als konfliktfreien Verlagsarbeit. Abschliessend plädierte der in Berlin lebende Grafiker Florian Lamm, Mitgründer von Lamm & Kirch<\/a>, für non-lineare Arbeitsprozesse, für ein ständiges Hin und Her, das Schreibende und Gestaltende in frühen Stadien der Buchproduktion zusammenbringt. Wir erhielten Einblick in das von ihm mitentwickelte Kollaborationstool KNOW<\/a> der ETH Zürich, ein Whiteboard im Browser, auf dem Bilder, Texte und andere Dateien jenseits linearer Datenstrukturen platziert und geteilt werden können – in der Hoffnung, dass sich gerade das Nicht-Geordnete als ein Prinzip erweisen könne, Neues (auch Bücher) zu schaffen. *** Eines machte diese Anregung zu einem vertieften Austausch zwischen Grafiker*innen, Verleger*innen und Autor*innen also klar: »Selbermachen« heisst nicht »alleine machen«, erst recht nicht, wenn es ums Bücher machen in Verlagen geht. Was zu zählen scheint, ist das »Kollektiv«, seine »Politiken und Ethiken der Zusammenarbeit«, die behutsame und beharrliche Rollenkoordination im »Ensemble«. In all dem äussert sich die Bereitschaft auch die inhaltliche Arbeit an Büchern nicht allein einzelnen Autor*innen zu überlassen – oder anders ausgedrückt: die Offenheit (und auch das Bedürfnis) letzterer, mit gestalterischem und editorischem Wissen in Dialog zu treten. Beim Selbermachen wird besser sichtbar, was es alles zu machen gibt und welche Spielräume sich dabei eröffnen, die Dinge anders zu tun. Vielleicht wäre es nun aber interessant, etwas länger bei den Fragen zu verweilen, wo die Geisteswissenschaften solche Spielräume tendenziell erkennen und wem sie bei der Reflexion darüber folglich eine Stimme geben. Kreist der Ruf nach mehr Bibliodiversität vorwiegend um jene Figuren, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts als freie »Kreative« Prestigegewinne verzeichnen konnten: die Verleger*innen und Grafiker*innen (oder Hybride davon)? Was könnte man lernen, wenn man auch den (laut Julien McHardy oftmals sehr progressiven) Bibliothekar*innen mehr Sichtbarkeit und Einflussmöglichkeiten gewährt? Über welche Handlungsoptionen würden Buchdrucker*innen oder Programmierer*innen berichten, die sich mit Aufbau, Bedienung und Wartung der mehrfach angetönten »Infrastrukturen« beschäftigen? Wo werden alle diese Figuren auch in alternativen Verlagsprojekten mit nicht<\/i> selbst gemachten Tools konfrontiert und gegebenenfalls limitiert? Inwiefern werden solche Abhängigkeiten vonseiten der Verlage bewusst oder unbewusst verschleiert? Wie hängt dies wiederum mit (geisteswissenschaftlichen) Vorstellungen davon zusammen, was »Technik« ist und was »Techniker*innen« tun? Schliesslich scheint mir die vom Wissenschaftshistoriker Mathias Grote im Publikum aufgeworfene Frage wichtig, ob und wie Kleinverlage schon bestehende, aber unter den Spielregeln der Grossen leidende Publikationsreihen in ihre Kollektive aufnehmen und so gleichsam befreien könnten. Auch für die Kunsthistorikerin Beate Fricke, Mitgründerin und Mitherausgeberin der Open Access Zeitschrift 21-inquiries<\/a>,<\/i> war dies eine entscheidende Frage, sollte es doch (»anstatt Eulen nach Athen zu tragen«) gerade auch darum gehen, eine grössere, bereits etablierte Community von den Vorteilen der diversen alternativen Verlagsinitiativen zu überzeugen. Jedenfalls steigert ihr Versprechen, dass genau diese Frage an der zweiten cache-Tagung in Zürich<\/a> behandelt werde, die Vorfreude darauf."}]}]},{"blog_dataid":"43","blog_title":"Kritik","blog_date":"2020-10-15","blog_author":"Siegfried Zielinski","blog_leadtext":" Kritik benötigt definierte Punkte, von denen aus sie formuliert werden kann. Diese Punkte sind keine Standpunkte, weil sie beweglich sein müssen... ","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"43","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"110","referencetext":"Zbigniew Brzeziński: Between Two Ages – America’s Role in the Technetronic Era<\/i>, New York: Viking (1970), http:\/\/www.scribd.com\/doc\/2520536\/Zbigniew-Brzezinski-Between-Two-Ages<\/a>, S. 10.","referenceposition":"1"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"43","blog_listelementid":"105","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"43","replicheadline":"Kritik","replictext":"1. Kritik benötigt definierte Punkte, von denen aus sie formuliert werden kann. Diese Punkte sind keine Standpunkte, weil sie beweglich sein müssen. Sie können nicht innerhalb des Zentrums des Systems liegen, das kritisch reflektiert wird. Sie haben ihre Orte an der Peripherie, in den Nischen, den Marginalien des Systems. Sie springen nach draußen und bewegen sich von dort wieder durch das kritisierte System hindurch.
2. Kritik setzt das Denken eines Horizonts voraus. Dieser Horizont ist nicht mit den Begrenzungen der Sachsysteme identisch, die der Kritik unterzogen werden. Horizontdenken<\/i> und Nachvorneträumen<\/i> sind miteinander verknüpft in der Tätigkeit der Projektion.
3. Will das Entwerfen, das Gestalten über die Reparatur des Vorhandenen hinausgehen, müssen die Subjekte dieser Tätigkeiten alternative Wirklichkeiten nicht nur denken, sondern auch machen können. Als mediales Paradigma bedeutet Projektion die Erfindung einer Realität, die nicht identisch ist mit derjenigen, die außerhalb des Medialen, z.B. des Kinos erfahrbar ist. Projektion stellt eine imaginäre Realität her und öffnet sich somit prinzipiell zur Utopie.
4. Die Ideen, die dem materialistischen Medienmodell Hans Magnus Enzensbergers zu Grunde lagen, waren ca. ein halbes Jahrhundert alt, als er sie formulierte. Sie entstammten weder den Wissenschaften noch der Technik. Sie wurden von Poet*innen, Künstler*innen, Grenzüberschreiter*innen, Denker*innen von Möglichkeitsräumen entwickelt. Bertolt Brecht, Walter Benjamin, Claude Cahun, Germaine Dulac, Robert Musil oder Dziga Vertov, Aleksej Kručënych und Arsenij Avraamov sind nur einige der bekanntesten Protagonisten und Protagonistinnen des eigensinnigen und radikalen Denkens von Möglichkeitsräumen als Alternative zum Realitätsprinzip.
5. In den frühen Konstellationen von Massenmedien, die sich zwischen den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts entfaltet haben, stritten zwei Konzepte heftig miteinander. Die einen hielten das Eigentum an den Produktions- und Distributionsmitteln für die einzig effektive Lösung einer souveränen und emanzipatorischen Medienarbeit. Die anderen sahen in der Mitbestimmung und dem Marsch durch die Institutionen der etablierten Medieninstitutionen die einzig adäquate, weil nach ihrer Auffassung realistische Strategie. Der Charakter der Medien hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts stark verändert. Die Grundsatzfrage ist nach wie vor die gleiche. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als wären die Sender nun in den Händen der Produzierenden, Spielenden und Dienstleistenden.
6. Positionen wie die Neil Postmans Wir amüsieren uns zu Tode<\/i> bedienten in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre die populären Kanäle und Volkshochschulen mit kulturpessimistischer Weichware in schicker postmoderner Verpackung. Sie waren indessen für die kritische Intelligenzia im westlichen Europa völlig uninteressant. Horst Holzers Gescheiterte Aufklärung? Politik, Ökonomie und Kommunikation in der BRD<\/i> (1971) oder Franz Dröges »WoB«, Wissen ohne Bewusstsein <\/i>(1972) – Katherine Hayles‘ berühmtes Begriffsspiel »cognition without consciousness« ist eine wörtliche Übersetzung – waren Herausforderungen, die wir lieber annahmen.
7. Bevor die französischen (Post-)Strukturalist*innen die Deutungshoheit über kulturelle Fragen übernahmen, waren es vor allem drei intellektuelle Bandenbildungen, die die Kultur der Kritik entwickeln halfen: der britische Kulturalismus (Richard Hoggarth, Raymond Williams, Stuart Hall u.a.), aus dem die Cultural Studies <\/i>hervorgingen, die französische Apparatus-Theorie, die sowohl die Ideologie-Kritik Louis Althussers als auch die Psychoanalyse Jacques Lacans beinhaltete (Jean-Louis Baudry, Jean-Louis Comolli, Marcelin Pleynet und später Laura Mulvey) und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Diese Banden waren nicht nur untereinander hochgradig kompatibel, sie hatten auch starke Anschlüsse an die neuen historischen, literarischen und psychoanalytisch-philosophischen Meisterdenker, die die Debatten um 1980 stark bestimmten (Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze & Félix Guattari).
8. Dialektisch-materialistisch formulierte, marxistische Positionen neigten dazu, in der Kritik der Politischen Ökonomie und den sozialen Klassenverhältnissen die Aprioris<\/i> jedweder Kritik zu sehen. Nach der Verabschiedung des souveränen Subjekts war das für die Denker*innen von Sprache und Struktur als den neuen Determinanten nicht akzeptabel. Bedauerlicherweise konterten sie mit anderen Aprioris. In Deutschland (und mittlerweile als Exportschlager auf dem weltweiten Theoriemarkt) setzte sich vor allem die Kittler-Schule mit ihrem technischen <\/i>Apriori durch. In Radikalisierung einer These Friedrich Nietzsches besagt dieses Apriori, dass die technischen Werkzeuge unsere Texte nicht nur mit<\/i>schreiben, sondern dass die Maschinen die eigentlichen Autoren sind. Medienkritik wurde wesentlich Maschinenkritik. Wobei die erstrebte neue Philologie der Maschinen wesentlich Projektion blieb. Denker*innen der Interdependenzen hatten in den 1980er und 1990er Jahren wenig Chancen.
9. WECHSELWIRKUNGEN zu untersuchen und sich entfalten zu lassen, war ein Anliegen, das weit über die Beziehungen zwischen Natur- und Technikwissenschaften einerseits und den Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits hinausging. Die Verknüpfung von Theorie & Praxis als interdependente Einheit intellektueller Identität und gestalterischer Tätigkeit war ein Feld, auf dem die Idee der Projektion<\/i> konkret gemacht werden konnte. Die vielen alternativen Zeitschriften, Radiosender, Videogruppen, Galerien und Verlage, die seit den 1970er Jahren entstanden, waren hervorragende Experimentierfelder für das Überführen der Kritik in konstruktive poietische Praxis.
10. Zwei Veröffentlichungen\/Ereignisse befeuerten den kritischen Diskurs mit neuen Materialien. Beide sind heute bereits vergessen, vielleicht, weil sie die Geschichte von den Neuen Medien<\/i> rasch als Mythos entlarven:
* Zbigniew Brzeziński, Direktor des Forschungsinstituts für kommunistische Angelegenheiten an der New Yorker Columbia University, prägte 1969 mit der Technetronic Era <\/i>einen strategischen Neologismus. »The post-industrial society is becoming a technetronic<\/i> society: a society that is shaped culturally, psychologically, socially and economically by the impact of technology and electronics – particularly in the area of computers and communications.«1<\/sup> Mit der Zusammenführung von Technologie und Elektronik bezeichnete Brzeziński einen Paradigmenwechsel in der Geopolitik. Auf dem Weg vom Zeitalter der industriellen Produktion hin zum Zeitalter der elektronischen Kommunikationstechnologien entstehe eine »globale«, ja, »planetarische« Gemeinschaft vernetzter kollektiver Intelligenzen.
* 1974 setzt die Regierung der Bundesrepublik Deutschland eine Expertenkommission ein, um die Struktur der gegenwärtigen und künftig möglichen technischen Kommunikationsverhältnisse untersuchen zu lassen. Abgekürzt nannte sich die mächtige Gruppe KtK, Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationswesens. Anfang 1976 veröffentlichte sie ihr Resultat, ein aus insgesamt neun Bänden bestehendes Konvolut. Es übt in die Begrifflichkeit der neuen vernetzten, digitalen Medien ein und zeichnet mit einer obszönen Spreizung die Orientierungslinie für die Entwicklung markant vor. »Wirtschaftlich vernünftig und gesellschaftlich wünschenswert« sei der vorgesehene »Ausbau des Telekommunikationssystems der Bundesrepublik Deutschland«. Das Vernünftige und das Wünschenswerte in eine ständige Balance zu bringen, wird in den folgenden Jahrzehnten zum zentralen Diskursfeld von Medienpolitik werden.
11. Das größte Geschenk, aus dem auch unsere Kritiklust und Kritikfähigkeit entstanden, war die unbegrenzte Freiheit des Studiums, der Lehre und der Forschung, die wir zumindest im Westen Berlins erfuhren. Geopolitisch war Berlin durch die Mauer extrem eingeengt und im Inneren geteilt. Aber die Stadt bot sich für die lernenden Intellektuellen wie ein offener Campus an, durch den man sich frei bewegen und die unterschiedlichsten Wissensbedürfnisse zwischen Natur- und Ingenieurswissenschaft, Kunst, Politik und Philosophie befriedigen konnte: Philosophische Hermeneutik, Soziologie und Historische Anthropologie an der Freien Universität, Technikgeschichte und -philosophie, Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität, Ton- und Bildkünste an der Hochschule der Künste (heute Universität der Künste, UdK) und für die erzieherisch und sozialpolitisch Ambitionierten die Pädagogische Hochschule (PH). Das war ein Paradies, in dem auch Pflanzen wie TUNIX gedeihen konnten. Ich denke, dass das Foucault-Tribunal<\/i> im Februar 1998 an der Berliner Volksbühne mit der Ausrufung eines Lehrstuhls für Wahnsinn den Höhepunkt und zugleich das Ende der Bewegungen der Kritik bedeutete.
","replicauthor":"Siegfried Zielinski, Berlin","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Zielinski_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Bildungskrise","chapterid":"20","partid":"9","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"40","blog_title":"Volkskultur als ›widerständige‹ Ressource","blog_date":"2020-10-05","blog_author":"Johannes Müske","blog_leadtext":"In den 1970er Jah­ren konn­te man sich wun­dern, was im Land übe­rall pas­sier­te – ›man‹, das waren nicht nur Pres­se oder staat­li­che Akteur*innen, son­dern auch die Volks­kun­de, das Fach, das die All­tags­kul­tur der ›klei­nen Leu­te‹ erforsch­te und sich gera­de zur eth­no­gra­fi­schen All­tags­kul­tur­wis­sen­schaft ent­wi­ckel­te...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"40","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"153","referencetext":"Interview des Verfassers mit Roland Burkhart, Dreyeckland, am 21. Mai 2019 in Freiburg.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"154","referencetext":"Z.B. Hermann Bausinger (Hg.): Dialekt als Sprachbarriere? Ergebnisbericht einer Tagung zur alemannischen Dialektforschung<\/i>, Tübingen: TVV (1973).","referenceposition":"2"},{"referenceid":"155","referencetext":"Meinrad Schwörer: »Alemannische Rede gegen das AKW Wyhl und gegen das Bleichemiewerk CWM in Marckolsheim und für die badisch elsässische Zusammenarbeit am 20. 9. 1974«,
https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hnrixvu1EX4<\/a> (Transkription formaldeutsch).","referenceposition":"3"},{"referenceid":"156","referencetext":"Johannes Müske: »Kampf ums Paradies: Bürgerschaftlicher Protest und Herstellung von politischer Konkurrenz in einer Mittelstadt (Konstanz, 1970er\/80er Jahre)«, in: Karin Bürkert, Alexander Engel, Timo Heimerdinger, Markus Tauschek, Tobias Werron (Hg.): Auf den Spuren der Konkurrenz: Kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven<\/i>, Münster, New York: Waxmann (2019) (= Freiburger Studien zur Kulturanthropologie, Bd. 2), S. 247–267.","referenceposition":"4"},{"referenceid":"157","referencetext":"Barbara Boock: »Regionale Identität als Widerstand: Lieder aus den Auseinandersetzungen um das Kernkraftwerk in Wyhl«, in: Eckhard John (Hg.): Volkslied – Hymne – politisches Lied: Populäre Lieder in Baden-Württemberg<\/i>, Münster, New York: Waxmann (2003) (= Volksliedstudien, Bd. 3), S. 112–139.","referenceposition":"5"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"40","blog_listelementid":"103","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"51","replicheadline":"Volkskultur als ›widerständige‹ Ressource","replictext":"In den 1970er Jahren konnte man sich wundern, was im Land überall passierte – ›man‹, das waren nicht nur Presse oder staatliche Akteur*innen, sondern auch die Volkskunde, das Fach, das die Alltagskultur der ›kleinen Leute‹ erforschte und sich gerade zur ethnografischen Alltagskulturwissenschaft entwickelte. Untersuchungen über ›Heimat‹ oder ›Volkskultur‹ hatten die Spinnstube als Thema längst abgelöst. Aber war das Volkskulturelle nicht das Konservative in der Kultur, und waren die Kernkraftgegner*innen nicht eigentlich progressiv? So einfach sind die Grenzen nicht zu ziehen, und erst recht damals wollte man sie schon eher einreißen, wie hier genauer betrachtet werden soll. Roland »Buki« Burkhart, Aktivist, ausgebildeter Soziologe, und bis heute Liedermacher, gab im Interview einen anderen Zugang: Die Rückbesinnung auf die Volkskultur war so wichtig, weil Dialekt, Lieder und historische Rekurse auf die Bauernkriege eine Ressource der gemeinsamen Identität bildeten, gegen die ›Oberen‹, innerhalb einer grenzüberschreitenden Region und für eine gemeinsame kraftvolle Antwort auf empfundenes Unrecht.1<\/sup>
Der gemeinsame alemannische Dialekt dies- und jenseits des Rheins war vielleicht das beste Erkennungs- und Abgrenzungszeichen.2<\/sup> Gegen die Hochsprache der technokratischen Eliten und ihre kühle Sprache der Macht setzten die Protestierenden ihr Gegenwissen – aber im Dialekt. Dessen Renaissance war ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Region, einer Gruppe, einer historischen Verantwortung für die Heimat: klare, einfache Worte gegen den Nebel aus komplizierten Fachtermini. Was im Gewand des Ländlich-Unbedarften herkam, war eine durchaus reflektierte Praxis, die die Sprache zur Barriere und zum Code machte, die eine Verbindung herstellte zwischen der Region, den Sprechenden und ihrem Kampf. Dies tritt heute klar zutage in den für die Nachwelt überlieferten Dokumenten, etwa in einer Rede des Naturschützers Meinrad Schwörer in alemannischer Sprache: »[…] Wir sehen wieder einmal, dass wir zusammengehören, und mit nichts anderem bringt man das besser zum Ausdruck, als mit unserer eigenen Sprache, eine Sprache, die sie in Paris nicht verstehen, die sie in Bonn nicht verstehen, […] aber die wir aus dem alemannischen Raum alle verstehen.«3<\/sup>
Das Alemannische vereinte die Protestierenden über soziale Grenzen – im Ziel, die Heimat zu schützen fanden sich politisch eher links orientierte Aktivist*innen genauso wie konservative Landwirte, die erstmals Alternativen zur CDU suchten –, aber auch über Ländergrenzen hinweg. Natürlich verstand man in Paris und Bonn die Anliegen der Proteste gegen die Gefahren der Atomkraft und der Bleichemie, doch wollte man sie auch hören? Der Oberrhein war aus der Sicht der politischen Zentren weit weg, und sowieso: Konnte die Umwelt nicht warten, jetzt wo der europäische Montan- und Wirtschaftsraum aufgebaut werden sollte? Das sah man vor Ort anders, und der alemannische Dialekt wurde zum Werkzeug, die Gemeinsamkeiten von Südbaden, dem Elsass und rheinaufwärts bis in die Nordschweiz zu betonen und die Bürgerinitiativen länderübergreifend zu vereinigen (Internationales Komitee der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen, gegr. 1974). Die badische Bevölkerung half beim Platzbesetzen im elsässischen Marckolsheim gegen ein deutsches Bleichemiewerk, die Elsässer*innen unterstützten die badische Seite bei den Protesten gegen das Kernkraftwerk bei Wyhl; reger Austausch bestand auch mit Kaiseraugst. Die Wiederentdeckung der gemeinsamen Sprache beiderseits des Rheins war ein frühes ›Grassroots-Europäisierungsprojekt‹ – aber eines, das mit Sicherheit ganz anders verlaufen ist, als die Eisen- und Montanunion sich das vorstellte.
Die Profite, das wusste man, wären abgeflossen, aber die möglichen Umweltschäden wären geblieben. Doch alles Argumentieren und Protestieren wäre wohl wenig erfolgreich gewesen ohne ein mediales Begleitprogramm, das aus Aktivist*innen legitime politische Wettbewerber*innen machte.4<\/sup> Piratenradio, Protestsongs und bildpolitische Rekurse auf die Bauernkriege gingen Hand in Hand. Volkslieder und traditionals<\/i>, mit neuen Texten versehen und rasch auf Flugblätter kopiert, luden zum Singen in den Freundschaftshäusern und auf den Demos ein.5<\/sup> In ihrer Bildästhetik stellten sich die Proteste in die Tradition der sozialen Erhebungen Anfang des 16. Jahrhunderts und erinnerten an diese Aufstände des einfachen Volkes gegen feudale Ungerechtigkeiten. Dies war nicht nur geschichtspolitisch clever, sondern auch medientechnisch – schließlich handelte es sich bei den Flugschriften der frühen Neuzeit auch schon um das populäre Medium des Volkes. Das Selbstgemachte, Raue und eben nicht Hochglänzende war nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Form Gegenprogramm. Volkskultur kann hochpolitisch sein, sonst würden keine Trachtengruppen an politischen Anlässen auftreten. Die Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er und 80er Jahre sind eine Frucht der Bildungsexpansion; die enorme Artikulationsfähigkeit und ausführliche archivarische Selbstdokumentation der Ereignisse zeigen dies. Man begann, mehr Demokratie zu wagen und baute eigenes Wissen und alternative Medien auf, um eigene Argumente zu verbreiten. Spaß durfte das alles auch machen, doch ist nicht zu vergessen, dass einige Protestierende einen schweren persönlichen Preis zahlten: Jobverlust oder gar Arbeitsverbote, langwierige und teure Rechtsstreite konnten durch solidarische Aktionen nicht vollständig aufgefangen werden. Die Auseinandersetzungen der politischen Akteur*innen von damals erinnern uns heute daran, dass Politik nie alternativlos ist, aber auch daran, dass es nie eine simple Alternative auf die komplexe gesellschaftliche Frage gibt, wie ›wir‹ leben wollen.
","replicauthor":"Johannes Müske, Freiburg i. B.","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Mueske_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Rückbesinnung","chapterid":"12","partid":"2","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"38","blog_title":"Bocklosigkeit","blog_date":"2020-10-02","blog_author":"Michael Hagner","blog_leadtext":"1979, als nicht nur ein Jahr­zehnt der Des­il­lu­sio­nie­run­gen, son­dern auch die edi­ti­on suhr­kamp<\/i> nach sech­zehn erfolg­rei­chen Jah­ren und 1000 Bän­den in ihrer her­kömm­li­chen Form an ein Ende kam...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"38","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"117","referencetext":"Erika Runge: »Kindheit«, in: Jürgen Habermas (Hg.): Stichworte zur »Geistigen Situation der Zeit«<\/i>, Bd. 2, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1979), S. 581–594; Heinrich Vormweg: »Lob der Veränderung«, in: ebd., S. 595–611.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"118","referencetext":"Dazu nach wie vor erhellend: Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur: Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1994). ","referenceposition":"2"},{"referenceid":"119","referencetext":"Karl Markus Michel: »Der Grundwortschatz des wissenschaftlichen Gesamtarbeiters seit der szientifischen Wende«, in: Jürgen Habermas (Hg.): Stichworte zur »Geistigen Situation der Zeit«<\/i>, Bd. 2, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1979), S. 817–841, hier S. 817.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"120","referencetext":"Karl Markus Michel: »Der Grundwortschatz des wissenschaftlichen Gesamtarbeiters seit der szientifischen Wende«, in: Jürgen Habermas (Hg.): Stichworte zur »Geistigen Situation der Zeit«<\/i>, Bd. 2, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1979), S. 817–841, hier S. 823.","referenceposition":"4"},{"referenceid":"121","referencetext":"»Bocklosigkeit als Zeichen von Intelligenz« (o.V.), Spiegel online<\/i> (30. 07. 1999),
https:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/emotionen-bocklosigkeit-als-zeichen-von-intelligenz-a-33467.html<\/a>. ","referenceposition":"5"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"38","blog_listelementid":"102","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"45","replicheadline":"Bocklosigkeit","replictext":"1979, als nicht nur ein Jahrzehnt der Desillusionierungen, sondern auch die edition suhrkamp<\/i> nach sechzehn erfolgreichen Jahren und 1000 Bänden in ihrer herkömmlichen Form an ein Ende kam, verabschiedete sich die fast schon legendäre Buchreihe mit einer Standortbestimmung, die zwei umfangreiche Bände in Anspruch nahm: Stichworte zur »Geistigen Situation der Zeit«<\/i>, herausgegeben von Jürgen Habermas. Die Anspielung auf Karl Jaspers’ berühmtes Buch von 1931 war gewollt; auch jetzt ging es darum, die großen Tendenzen der Zeit zu beleuchten, wenn auch mehr in kaleidoskopartiger Streuung als in panoramatischer Übersicht. In dem Wissen, dass mit Band 1000 etwas zu Ende ging – das Motto der edition suhrkamp Neue Folge <\/i>lautete: mehr zeitgenössische Literatur und weniger Politik –, bildete Habermas ein gutes Dutzend Stichworte, unter denen die insgesamt 32 Beiträge versammelt wurden. Und die waren noch einmal im strengen theoretischen Grau (Gesellschaft, Politik und Nation) gehalten, ergänzt um einige auflockernde Farbtupfer (Kultur und Geisteswissenschaften).
Nach Medien oder gar technischen Medien sucht man auf den fast 900 Seiten vergeblich, und anstatt von Bildungskrise<\/i> ist von Bildungsprozessen<\/i> die Rede. Damit waren vor allem anderen die Befreiungen aus der Umklammerung des Nationalsozialismus gemeint, der die Kindheitserfahrungen bestimmt hatte: bei Erika Runge (<\/i>Bottroper Protokolle<\/i>) als Auseinandersetzung mit der Mutter und dem Vater, der schon im Ersten Weltkrieg beide Beine verloren hatte, was ihn nicht davon abhielt, Ende der fünfziger Jahre für die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen zu plädieren; bei Heinrich Vormweg als Aufstiegsgeschichte vom Jungen aus dem Arbeitermilieu, der das Ende des Kriegs als siebzehnjähriger Flakhelfer erlebt hatte, zum angesehenen Literatur- und Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung<\/i>.1<\/sup> Gut zehn Jahre nach 1968 erwiesen sich zwei etablierte Figuren der Linken als auf- und abgeklärte Intellektuelle, ohne utopischen Überschwang, aber mit einem erfolgreichen Bildungsprozess im Rücken. Der in Deutschland notorisch krisenbehaftete Begriff der Bildung schien sich für einmal zum Guten zu wenden: nicht mehr als Feier des weltabgewandten, kulturkritischen, autonomen Subjekts,2<\/sup> sondern als Möglichkeit zur Emanzipation, die die Verschränkung persönlicher und politischer Belange in Rechnung stellte. Wenn die Bundesrepublik trotz der »tönernen Füße« (Habermas), auf denen sie noch stand, gewisse Anzeichen von Reife vorzuweisen hatte, dann in der erwachsenen Sensibilität ihrer Intellektuellen.
Man könnte vermuten, dass die Diagnostik zur geistigen Situation der Zeit unter dem Stichwort Bildung keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden hätte, wenn sich nicht am Ende des zweiten Bandes etwas Neues ankündigen würde. Unvermutet und wie als Kontrast zum Vorangegangenen werden noch einmal ganz andere Stichworte ins Feld geführt, die von A wie Abbilden bis Z wie Zwischenzeitlich einen »Grundwortschatz des wissenschaftlichen Gesamtarbeiters seit der szientifischen Wende« enthalten, den Karl Markus Michel listig als »kleine Forscher-Fibel« für Anfänger darstellte. Nach den abgeschlossenen Bildungsprozessen also ein kleines Bildungsdramolett, das »den Schülern den Weg zur Meisterschaft weisen« sollte.3<\/sup> Wie sehr sich die Zeiten sich im Umbruch befanden, wird in dem Lemma »Bocklosigkeit« deutlich, zu dem Michel vermerkt: »Campussprachlicher Ausdruck für mangelnde Motivation zum wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem bei Studenten. Ein wissenschaftssprachliches Äquivalent wäre z.B. ›motivationale Dysfunktionalität der kognitiven Disposition bei studentischen Populationsanteilen hinsichtlich sozialstruktureller Statuszuweisungen und Verhaltenserwartungen an den akademischen Nachwuchs‹.«4<\/sup>
Was der hellhörige Michel hier am Wickel hatte, war mitnichten nur die Befindlichkeit einiger Langzeitstudenten, die zu viele Seminare über Marx und Freud mitgemacht hatten. Alsbald migrierte der Begriff aus den Ecken und Nischen des Campus in die sozialwissenschaftliche Forschung, um mit einer kleinen begrifflichen Mutation den Habitus einer ganzen Null-Bock-Generation<\/i> zu fassen. Demnach gehörten die Bocklosen zu den Geburtsjahrgängen zwischen 1955 und 1965 und fluteten seit Mitte der siebziger Jahre die Universitäten. Mit Numerus clausus und Massenuniversität, unsicheren Berufsaussichten und ökologischen Megabaustellen konfrontiert, hatte diese Generation längst vor Tschernobyl Utopie gegen Pessimismus eingetauscht, lebte konsum- und umweltbewusst, war vor dem Fernseher und mit Popmusik aufgewachsen und hatte dabei womöglich vergessen, erwachsen zu werden. Theorie war noch eine Option, fand aber vor allem unter der wärmenden Bettdecke der Ästhetisierung statt.
Man könnte sagen, dass sich die Bocklosigkeit genau zwischen der politischen Desillusionierung der Achtundsechziger und den technischen Medien sowie ihren Apologeten und Apokalyptikern einnistete. Nicht mehr so recht Seminar und noch nicht so recht PC, vielleicht mit einem Hang zu Hedonismus und Harmlosigkeit, aber gewiss nicht heroisch und hierarchiegläubig. Kein Wunder, dass die beflissenen Kritiker von Bildungskrise redeten. Nur ist zu beachten, dass es sich bei der Generation Bocklos nicht um eine aufgepfropfte Etikettierung soziologischer Begrifflichkeit handelte, sondern um eine Selbstbeschreibung, die gleichermaßen kritische Distanz zur nie weg gewesenen Restauration suchte wie zu 1968. Sollte diese neue Generation mit ihren Kritikern in ein Gespräch über den Niedergang der Bildung verwickelt gewesen sein, so konnten sie gelassen feststellen: Ihr nennt es Bildungskrise, wir nennen es Bocklosigkeit<\/i>. Und darunter verstanden sie kein alarmierendes Symptom, sondern eine Tugend.
Auch wenn dann alles nicht so locker weitergehen konnte wie in den achtziger Jahren, ist die Zusammengehörigkeit von Bildung und Krise unter den Bedingungen technischer Medien nie schöner gestrickt worden als im Muster der Bocklosigkeit. Mitten in der Cyber-Euphorie der späten neunziger Jahre war ein enthusiastischer Student der Informatik und Psychologie der Überzeugung, Bocklosigkeit auch noch programmieren zu können: »Man sagt auch, daß Agenten oder Roboter dann wirklich intelligent sind, wenn sie sagen können: ›Nein, da hab ich jetzt keinen Bock drauf.‹ Das ist eigentlich das Ziel, auf das die Forschungen zur Künstlichen Intelligenz hinauslaufen.«5<\/sup> Bartleby 2.0. Darauf warten wir 21 Jahre später immer noch.
","replicauthor":"Michael Hagner, Zürich","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Hagner_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Bildungskrise","chapterid":"20","partid":"9","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"37","blog_title":"Rückbesinnung als Gegen|Wissen?","blog_date":"2020-09-30","blog_author":"Stefanie Samida","blog_leadtext":"Ganz Kind der 1970er und 1980er Jah­re dach­te ich an Hel­mut Kohl und sei­ne »geis­tig-mora­li­sche Wen­de«, die Fern­seh­se­rie Die Schwar­z­wald­k­li­nik<\/i> (ZDF, 1984–1988), die Neue Deut­sche Wel­le<\/i> und den C64 ...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"37","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"28","referencetext":"Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität: Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung<\/i>, Berlin: Suhrkamp (2017), S. 10.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"29","referencetext":"Siehe beispielsweise
http:\/\/steampunker.de\/home\/<\/a> und https:\/\/www.aetherman.com\/<\/a>.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"30","referencetext":"Erhard Stölting: »Nostalgie. Kreative Effekte eines problematischen Gefühls«, in: Sybille Frank, Jochen Schwenk (Hg.): Turn Over: Cultural Turns in der Soziologie<\/i>, Frankfurt am Main, New York: Campus (2010), S. 215–234, hierS. 228.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"31","referencetext":"Siehe Rückbesinnung \/ Urerfahrung.","referenceposition":"4"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"37","blog_listelementid":"101","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"25","replicheadline":"Rückbesinnung als Gegen|Wissen?","replictext":" Beim Lesen des Kapitels hatte ich unwillkürlich ganz verschiedene Rückbesinnungsmomente. Einerseits – ganz Kind der 1970er und 1980er Jahre – dachte ich an Helmut Kohl und seine »geistig-moralische Wende«, die Fernsehserie Die Schwarzwaldklinik<\/i> (ZDF, 1984–1988), die Neue Deutsche Welle<\/i> und den C64, aber auch an die großen Fernsehshows für die ganze Familie wie Dalli Dalli<\/i> mit Hans Rosenthal und seinem »Sie sind der Meinung, das war …«, Wim Thoelkes Der große Preis<\/i> und natürlich Wetten, dass..? <\/i>mit Frank Elstner – alles übrigens Sendungen des als bürgerlich-konservativ geltenden Zweiten Deutschen Fernsehens. Gehören diese Repräsentationen einer gewissen biedermeierlichen Behaglichkeit der alten<\/i> Bundesrepublik nun zum Wissen – im Sinne eines Fundaments – des Gegenwissens oder sind sie gar ein Gegen-Gegenwissen?
Andererseits stellten sich auch ganz aktuelle Bezüge ein: angefangen bei der Renaissance der Do-It-Yourself-Kultur über Phänomene wie die Paleo-Diät und die Sharing Economy<\/i>, über (soziale und politische) Bewegungen des zivilen Ungehorsams zu industriellen Großprojekten wie Stuttgart 21, der Erweiterung des Braunkohletagebaus im Hambacher Forst, zum Schutz des Klimas wie Fridays for Future bis hin zu Horst Seehofers umgangssprachlich zum »Heimatministerium« umbenannten Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und dem Buch Die Erfindung der Kreativität<\/i> des Soziologen Andreas Reckwitz. Lassen sich diese Beispiele, so fragte ich mich, nicht wahlweise als Rückbesinnungspraktiken und -formen sanften Wissens, von Urerfahrung sowie von Heimat und Volk deuten? Spiegeln sich hier nicht auch Deutungs- und Machtkämpfe um Wissen und Gegenwissen?
Wie schon um das Jahr 1980 herum stoßen wir auch heute auf verschiedene Formen und Ausprägungen von Rückbesinnung. Einst wie jetzt geht es um alternatives Wissen, Urerfahrungen und Erlebnisse sowie Debatten um Heimat und Identität, und damit verbundene Verwebungen; der (Rück-)Bezug auf Vergangenheit spielt hierbei eine tragende Rolle. Das zeigt sich meines Erachtens besonders eindrücklich im weiten Feld geschichts- und populärkultureller Praktiken, zu denen beispielsweise auch der sogenannte »Steampunk« zählt. In dieser Subkultur – übrigens in den 1980er Jahren aus einer literarischen Strömung (als Gegenwissen?) entstanden – wird moderne und futuristische Technik mit der Mode des Viktorianischen Zeitalters verknüpft. Altes Design und modernste, bisweilen zukünftige Technik treffen hier aufeinander und gehen durch die anachronistische Kombination von Ungleichzeitigem eine ungewöhnliche Symbiose ein. Diese retro-futuristische Rückbesinnung ist Ausdruck einer produktiven und kreativen Praxis. Es geht um das, was Reckwitz als »sinnlich-affektive Erregung durch das produzierte Neue« beschrieben hat.1<\/sup> Denn der Reiz am Steampunk liegt nicht nur in der kreativen Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch in der Ästhetisierung materieller Kultur über das Selbermachen und Experimentieren sowie im Austausch mit anderen über dieses Selbermachen und das Selbstgemachte. Dabei greifen die Steampunks auf Alltagsdinge und Güter des täglichen Konsums zurück und setzen sie kunstvoll zusammen. Aus (einstmals) moderner Massenware werden nicht selten »beseelte« Einzelstücke.2<\/sup> Der Steampunk – als Teil sowohl der Recyclingkultur als auch Do-It-Yourself-Kultur – schafft also im kreativ-subversiven Rückgriff auf die Vergangenheit und im Vorgriff auf eine imaginierte Zukunft über die von ihm produzierten Dinge Gegen|Wissen.
Bisher war hier – und in den Textelementen dieses Kapitels – nur von Rückbesinnung die Rede. Doch es gibt einen Begriff, der ganz Ähnliches ausdrückt: Nostalgie. Sie besitzt allerdings keinen guten Leumund – anders als ihre untadelige Schwester. Denn während die Nostalgie üblicherweise negativ konnotiert wird und vor allem der Kulturkritik als restaurativ gilt, erscheint das Rückbesinnen als reflexiver und kritischer Prozess. Das erstaunt, denn es gibt durchaus enge Begriffsbeziehungen. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache<\/i> listet das Wort »nostalgisch« als eine der typischen Verbindungen zu »Rückbesinnung« auf. Und semantisch sind die Überschneidungen ohnehin augenfällig, beide Begriffe verweisen auf eine wie auch immer geartete Sehnsucht nach Vergangenheit. Der Soziologe Erhard Stölting hat sich vor einigen Jahren für eine Rehabilitation des Begriffs »Nostalgie« eingesetzt. Nostalgie, so Stölting, lasse sich als »produktive Phantasie verstehen, die – gegen ihre ausdrückliche Intention – Neues schafft«.3<\/sup> So besehen ist es dann nicht mehr weit zu dem, was auch in einigen der vorliegenden Textelemente immer wieder anklingt: Die »vorwärtsdrängende Experimentierfreude«4<\/sup> der Gegenakteur*innen benötigt die kreativ-widerständige und bisweilen spielerische Auseinandersetzung mit Vergangenheit oder anders gesagt: das nostalgische Moment. Kurz: Ohne Rückbesinnung kein Gegen|Wissen!
","replicauthor":"Stefanie Samida, Heidelberg","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Samida_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Rückbesinnung","chapterid":"12","partid":"2","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"35","blog_title":"Workshop: Selbermachen, Zürich","blog_date":"2020-09-28","blog_author":"Niki Rhyner","blog_leadtext":"Am 23.10.2020 findet in Zürich der zweite Teil des Workshopduos statt, das sich dem »Selbermachen« in der gegenwärtigen (wissenschaftlichen) Publikationslandschaft widmet.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"35","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"35","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"35","blog_listelementid":"99","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"»Journals selber machen«: Wie weiter mit akademischen Journals – angesichts monopolisierender Großverlage und Open-Access-Gebühren für Autor*innen? Welche Motivationen und Bedürfnisse führen zu (Neu-)Gründungen, heute und gestern?Podium: Beate Fricke (
21-inquiries<\/a>), Estelle Blaschke (transbordeur<\/a>), Philipp Messner (isotype<\/a>); Tina Asmussen (traverse<\/a> \/ intercomverlag<\/a>).Moderation: cache-Team (Nils Güttler, Niki Rhyner, Max Stadler).Wann: Freitag, 23.10.2020, 16–18 Uhr.Wo: Die Präsenzveranstaltung ist wegen der aktuellen Covid-Situation nicht möglich. Deshalb findet der Workshop online statt. ZOOM (ab 15:45 Uhr offen):https:\/\/ethz.zoom.us\/j\/93466798559?pwd=ei8weTJqSkZkNnRINFhsY0lkQ3BUQT09<\/a>Meeting-ID: 934 6679 8559 Passwort: 650374 Wir freuen uns über Ihre Teilnahme!"}]}]},{"blog_dataid":"36","blog_title":"Flucht oder konkrete Utopie?","blog_date":"2020-09-28","blog_author":"Anne Kwaschik","blog_leadtext":"Paris, im Nach­mai des Jah­res 1971: Stu­den­ten kri­ti­sie­ren in einem Gespräch mit Michel Fou­cault die Unver­bind­lich­keit der vor­herr­schen­den Under­ground-Ideo­lo­gie. Liegt die Ursa­che dafür im Ver­lust von Uto­pi­en?","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"38","referencetext":"Michel Foucault: »Jenseits von Gut und Böse«, in: ders.: Schriften in vier Bänden: Dits et Écrits<\/i>, Bd. II, 1970-1975, Frankfurt am Main: Suhrkamp (2002), S. 273-288, hier S. 286.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"39","referencetext":"Siehe Rückbesinnung \/ Urerfahrung: Robert Jungk: Der Jahrtausendmensch<\/i>, München: Bertelsmann (1973), S. 127. ","referenceposition":"2"},{"referenceid":"40","referencetext":"Siehe Rückbesinnung \/ Sanftes Wissen: Walter Hollstein: Die Gegengesellschaft: Alternative Lebensformen<\/i>, Bonn: Verlag neue Gesellschaft (1979), S. 124f.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"41","referencetext":"Karl Marx: »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke<\/i>, Bd. 8,S. 115–123, Berlin\/DDR: Dietz (1972), hier: S. 122.","referenceposition":"4"},{"referenceid":"42","referencetext":"Walter Benjamin: »Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts: Fourier oder die Passagen«, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften<\/i>, 7 Bde., Bd. V, 1, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1982), S. 45–47, hier: S. 47.","referenceposition":"5"},{"referenceid":"43","referencetext":"Siehe Rückbesinnung \/ Urerfahrung: Harald Glätzer: Landkommunen in der BRD: Flucht oder konkrete Utopie?<\/i>, Bielefeld: AJZ (1978), S. 9.","referenceposition":"6"},{"referenceid":"44","referencetext":"C’est demain la veille<\/i>, Paris: Editions du Seuil (1973).","referenceposition":"7"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"36","blog_listelementid":"100","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"29","replicheadline":"Flucht oder konkrete Utopie?","replictext":" Paris, im Nachmai des Jahres 1971: Studenten kritisieren in einem Gespräch mit Michel Foucault die Unverbindlichkeit der vorherrschenden Underground-Ideologie. Liegt die Ursache dafür im Verlust von Utopien? Foucault ist skeptisch: Gegen die Utopie, die er im 19. Jahrhundert verortet, setzt er für die 1968er Jahre das Experiment: »Ich möchte der Utopie lieber das Experiment entgegensetzen.« Darin zeichne sich die zukünftige Gesellschaft ab, »in Experimenten wie den Drogen, der Sexualität, den Wohngemeinschaften, einem anderen Bewusstsein, einer anderen Art von Individualität«.1<\/sup>
Utopie, Flucht oder Rückzug – das sind etablierte Interpretations- und Selbstbeschreibungsmuster von gesellschaftlichen Alternativprojekten, die mit Blick auf ihre Geschichte und ihre Funktionen mit mehr Gewinn als soziale Experimente verstanden werden könnten. Die Figur des ›Zurück‹ geht dabei in ihrer Bedeutung weit über den Verweis auf Landleben und traditionelle Landwirtschaft in der Bundesrepublik der 1970er Jahre hinaus. Sie deutet auf die Isolierung einer experimentellen Situation von äußeren Einflüssen hin, wie hypothetisch ihre Kontrollierbarkeit letztlich auch bleiben mag.2<\/sup> Und sie reiht die Initiativen der 1970er Jahre in die Geschichte einer längeren Dauer ein.
Diese Geschichte sozialer Experimente ist geprägt von der Diskursmacht des Utopieverdikts, wie es bis heute die Sicht auf die in der Nachfolge von Robert Owen und Charles Fourier zwischen den 1820er und 1860er Jahren entstandenen kooperativen Siedlungskommunen verstellt. In vielen ihrer Ansprüche ähneln diese Wohnprojekte den »sanften technischen Gesellschaften«, die Walter Hollstein 1979 den »harten technischen Gesellschaften« gegenüberstellte.3<\/sup> Nicht zuletzt waren auch sie Laboratorien von Gesellschaftswissen, in denen alltagserfahrungs-basiert alternatives Wissen von moderner Vergesellschaftung entstehen sollte.
Aber schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Karl Marx in der Analyse der Klassenkämpfe in Frankreich dekretiert, dass sich »hinter dem Rücken der Gesellschaft, auf Privatweise« soziale Widersprüche nicht lösen ließen.4<\/sup> Und mit der Erfindung des »wissenschaftlichen Sozialismus« galt das Gesamtprojekt alternativer Sozialismen als »utopisch«. Knapper formulierte Walter Benjamin seinen Vorwurf an die Fourieristischen Kommunen: »Regression«. Der Rückzug auf traditionelle (hier ästhetische) Formen könne keine Reaktion auf das »Auftreten der Maschinen« sein.5<\/sup>
Warum, so wäre grundsätzlich und historisierend zu fragen, sollte die Schaffung experimenteller Räume in einer Gesellschaft, die als selbstreflexive Formen von Gegengesellschaft funktionieren, eine Flucht sein? Warum ein Rückzug im Sinn romantischer Projekte, der aus der Gesellschaft hinaus- und in die Vergangenheit hineinführt, und nicht eine Station auf dem Weg in eine neue Zukunft?
Wenn alternative Formen des Lebens, Wohnens und Arbeitens Alltag »in verändertes Handeln« einbeziehen, entstehen »Werkstätten einer neuen Gesellschaft«.6<\/sup> Das mag zunächst wie eine Abwendung vom Realitätsprinzip aussehen. Aber selbst die Grundidee, dass die Kälte kapitalistischer Widersprüche sich in der Intimität eines sich selbst konstituierenden Kollektivs aufhebt und so neue Erfahrungsräume geschaffen werden, artikuliert doch den Willen zur Praxis.
Für die frühsozialistischen Begründerinnen und Begründer von Landkommunen stand außer Frage, dass ihre kooperativen Siedlungsgemeinschaften den Kern einer neuen Gesellschaft inmitten der alten Gesellschaft legten. Die Gegenüberstellung des bundesrepublikanischen Aktivisten Harald Glätzer »Flucht oder konkrete Utopie« hätten sie nicht akzeptiert. Die Bewegung des ›Zurück‹ nicht für sich in Anspruch genommen. Kein Rückzug, kein Desertieren – der Bezugsrahmen war die Zukunft in der Gegenwart.
Es ist dieses Noch-Nicht im Bis-Jetzt, das die Erfahrungssituation in gesellschaftlichen Umbruchphasen kennzeichnet, in der sich die Zeithorizonte verschränken und Zukunft als ein experimenteller Gestaltungs- und Reflexionsraum in die Gegenwart hineinragt. Auf den Punkt gebracht wird sie für die 1968er Jahre im Titel des berühmten französischen Bands mit Actuel<\/i>-Interviews, der Foucaults Gespräch mit den Studenten enthält: »C’est demain la veille.«7<\/sup>
","replicauthor":"Anne Kwaschik, Konstanz","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Kwaschik_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Rückbesinnung","chapterid":"12","partid":"2","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"34","blog_title":"Workshop: Selbermachen, Berlin","blog_date":"2020-09-27","blog_author":"Niki Rhyner","blog_leadtext":"Am 09.10.2020 findet in Berlin der erste von zwei Workshops statt, die sich dem »Selbermachen« in der gegenwärtigen (wissenschaftlichen) Publikationslandschaft widmen.","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"3","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"34","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"34","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"34","blog_listelementid":"98","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"»Verlage selber machen«: In den letzten Jahren entstanden verschiedene neue Initiativen im Verlagsbereich, die der Zusammenarbeit von Grafiker*innen, Autor*innen und Verleger*innen wieder mehr Gewicht geben und die für die Entwicklung von cache wichtige Bezugspunkte waren. Im Bereich der Geisteswissenschaften trug auch die OA-Debatte dazu bei, Verlage »anders« denken zu wollen (z.B. die »ScholarLed«-Initiative). Welche Erfahrungen sind gemacht worden? Was machen Kleinverlage anders als Großverlage? Welche neue Verlags- und Vertriebsnetzwerke sollen entstehen?Podium: Julien McHardy (
mattering press<\/a>); Andreas Kirchner (meson press<\/a>), Florian Lamm (Lamm & Kirch<\/a>), Anna Echterhölter und Rebekka Ladewig (ilinx<\/a>), Jan Wenzel (Spector Books<\/a>).Moderation: cache-Team (Nils Güttler, Niki Rhyner, Max Stadler).Wann: Freitag, 09.10.2020, 16-18 Uhr.Wo: Die Präsenzveranstaltung ist wegen der aktuellen Covid-Situation nicht möglich. Deshalb findet der Workshop online statt. ZOOM (ab 15:45 Uhr offen)https:\/\/ethz.zoom.us\/j\/93534533702?pwd=UmRyeElQTjFKUURReFVjYUtIRzRjdz09<\/a>Meeting-ID: 935 3453 3702 Passwort: 067150Wir freuen uns über Ihre Teilnahme und bitten um Anmeldung: niki.rhyner@wiss.gess.ethz.ch<\/a>"}]},{"blog_dataid":"34","blog_listelementid":"104","blog_listtype":"2","blog_listposition":"1","data":[{"blog_imageid":"19","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/präsentation.001.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":""}]}]},{"blog_dataid":"33","blog_title":"Alte Lieder","blog_date":"2020-09-25","blog_author":"Janosch Steuwer","blog_leadtext":"Burg Wal­deck im Huns­rück. Mit­te der 1960er Jah­re: Musi­ker*innen und Sän­ger*innen aus ver­schie­de­nen Län­dern tref­fen sich zu den ers­ten Frei­luft­fes­ti­vals der Bun­des­re­pu­b­lik. Im Gepäck haben sie fran­zö­si­sche Chan­sons, ame­ri­ka­ni­sche Folk­songs, jid­di­sche Lie­der ...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"33","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"149","referencetext":"Helmut Golwitzer: Geleitwort, in: Hein und Oss Köhler: Rotgraue Raben: Vom Volkslied zum Folksong<\/i>, Heidenheim: Südmarkverlag (1969), S. 8–10, hier S. 10.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"150","referencetext":"Franz-Josef Degenhardt: »Die alten Lieder (1968)«, in: ders.: Die Lieder<\/i>, Berlin: Eulenspiegel (2006), S. 71, online: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aTZurNWePMM<\/a>. ","referenceposition":"2"},{"referenceid":"151","referencetext":"Martin Sabrow: »Die Krise der Erinnerungskultur«, in: Merkur<\/i> 835 (12\/2018), S. 92­–99, hier S. 93, 96.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"152","referencetext":"So Alexander Gauland in seinen Reden beim »Kyffhäusertreffen« der AfD-Gruppierung »Der Flügel« am2. September 2017 (https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=RCb4KWtzLyo<\/a>) sowie beim Bundeskongress der »Jungen Alternative« am 2. Juni 2018 (https:\/\/www.afdbundestag.de\/wortlaut-der-umstrittenen-passage-der-rede-von-alexander-gauland<\/a>). ","referenceposition":"4"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"33","blog_listelementid":"97","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"50","replicheadline":"Alte Lieder","replictext":"Burg Waldeck im Hunsrück. Mitte der 1960er Jahre: Musiker*innen und Sänger*innen aus verschiedenen Ländern treffen sich zu den ersten Freiluftfestivals der Bundesrepublik. Im Gepäck haben sie französische Chansons, amerikanische Folksongs, jiddische Lieder und andere internationale Folklore sowie eine Frage: »Wo sind eure Lieder, eure alten Lieder?« Wenn »Kubaner, Vietnamesen, Italiener bei internationalen Treffen den Mund auftun«, beschrieb ein Teilnehmer die Konzerte auf Burg Waldeck, sitze »die junge Linke [...] stumm dabei«. »Die Deutschen singen nicht mehr, nicht mehr kollektiv«. Sie kennen »nur noch den alten Wehrmachtskram«.1<\/sup> »Tot sind uns’re Lieder«, sang Franz-Josef Degenhardt 1968 in einem leisen, traurigen Lied die Antwort auf diese Frage: »Lehrer haben sie zerbissen \/ Kurzbehoste sie verklampft \/ Braune Horden tot geschrien \/ Stiefel in den Dreck gestampft«.2<\/sup> Die Vergangenheit ist ein großes Datengrab. Aus ihm ist nur verfügbar, was in regelmäßigem Gebrauch ist. Anderes muss erst geladen, in den Zwischenspeicher gelegt werden. Dass es im westdeutschen cache an Baustoffen für den eigenen Traum einer freieren Gesellschaft mangelte, zeigte sich um 1968 nicht nur an den Volksliedern. Wo alternative Bewegungen in Frankreich, Großbritannien und Italien, in Schweden und den USA selbstbewusst auf das eigene Repertoire populärer Traditionen zurückgriffen, suchte die deutsche »Gegengesellschaft« den reset<\/i>: Ihr alternatives Leben war nicht nur gegen die gegenwärtig herrschenden Machtstrukturen, Ökonomien und Wissensordnungen zu entwerfen, sondern stets auch gegen den »Alp« der deutschen Geschichte. Refresh your cache<\/i>! Der Zwischenspeicher sollte neu beschrieben werden. Benötigt wurde ein anderes Verhältnis zur deutschen Geschichte, das deren Schrecken offen thematisierte, das aber auch eine andere Tradition jenseits von Weltkriegen, Obrigkeitsglaube, Ausbeutung und Völkermorden freilegen konnte, in die sich die »Gegengesellschaft« zu stellen vermochte. Lieder- und Filmemacher*innen, Schriftsteller*innen, »Barfußhistoriker*innen« und politische Aktivist*innen zogen los und entdeckten in der Vergangenheit zahllose »Gegengeschichten«: in Bauernaufständen und Hungerrevolten, in der Revolution 1848, in Fabriken und den Elendsquartieren der Großstädte, bei Wegelagerern und Rebellen. Und auch im Nationalsozialismus fanden sich bei den »kleinen Leuten« Geschichten von Widerstand und Alterität – vom alltäglichen Kampf gegen die Zumutungen aus den »Kommandohöhen« der Politik, in denen sich das eigene Projekt eines alternativen Lebens in der Vergangenheit wiederfinden ließ. Diese Geschichten entwarfen eine deutsche Vergangenheit, in der nicht nur »alte Lieder« einen neuen, progressiven Sinn erhalten konnten, sondern das ganze historisch kontaminierte Feld von »Volk« und »Heimat«. Aufs Engste verbanden sich dabei neue Vergangenheitsdeutungen, politische Absichten des alternativen Milieus und romantische Hoffnungen auf ein konfliktfreies Miteinander von Alt und Jung, von Stadt und Land – etwa in der Lindenballade<\/i>, die von der leidvollen Geschichte des darin besungenen Dorfplatzes ebenso erzählt wie von dessen Wiederbelebung durch »junge Leute« und Bauern, die in einer gemeinsamen Aktion gegen das Raketensilo am Dorfrand mündet. Doch an ihr zeigt sich auch die innere Widersprüchlichkeit dieser Rückbesinnung: Im Sinne einer Gegengeschichte mussten »die Nazis« in diesen Erzählungen stets die anderen bleiben. Im Lied stoßen sie von draußen in das Dorf und tyrannisieren dessen Bewohner*innen, die sich allenfalls durch geschickte Propaganda – konkret: die Instrumentalisierung der »alten Lieder« – haben täuschen lassen. Tatsächlich brachte das Graben in den dunklen Bereichen deutscher Vergangenheit aber ganz anderes zu Tage: vielfältige Formen des »Mitmachens« der »kleinen Leute«. Im Blick auf das Leben »unterm Hakenkreuz« fand sich weit weniger Konflikt zwischen Herrschaft und Gesellschaft als erhofft. Dafür ein Ausmaß gesellschaftlicher Mobilisierung, angesichts dessen es angezeigt war, auch eigene Wissensbestände und Überzeugungen auf ihre Verbindungen zu Gewaltverbrechen und Völkermord zu befragen. Was für die »Spatendiagnose« und Gerhardt Preuschen gilt, das gilt auch insgesamt: Die verdrängten und vergessenen Wissensbestände, die das alternative Milieu hervorholte, die Gegengeschichten, in dessen Tradition es sich sah, sind nicht das Gegenüber des Nationalsozialismus. Die hoffnungsvolle Suche in der Vergangenheit legte nicht Unschuld frei, sondern kehrt sich um. Anstatt Begriffe wie »Volk« und »Heimat« aus der Verflechtung mit den Nationalsozialismus zu lösen und der Rechten zu entreißen, schuf die kritische Rückbesinnung nur noch weitere Zweifel: am Lob von »Gemeinschaft«, »Natürlichkeit« und »Erfahrung« etwas, das auch der Nationalsozialismus sang, oder am antimodernistischen Grundton der Gegenüberüberstellung von »harter« und »sanfter« Gesellschaft. Von der alternativen Rückbesinnung sind so nicht die Gegengeschichten dauerhaft im deutschen Zwischenspeicher hängengeblieben. Es ist vielmehr die »Norm der andauernden kritischen Auseinandersetzung« mit der deutschen Vergangenheit, mit der die ehemals alternative »Wissenschaftskritik« schließlich zum »erinnerungskulturellen Konsens« des frühen 21. Jahrhunderts wurde.3<\/sup> Die Frage nach den »alten Liedern«, nach Momenten deutscher Vergangenheit, an die sich anknüpfen ließe, ist damit weiterhin offen. Lauthals stellt sie derzeit die neue »Alternative für Deutschland«, wenn sie die »großen Epochen deutscher Geschichte« vor 1933 preist und damit glaubt »Hitler und die Nazis« als »falsche Vergangenheit«, als »Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte« beiseite räumen zu können.4<\/sup> Doch diese Frage ist keine für Rechte und Revanchist*innen und ihre ganz anderen Gegengeschichten. In der Klage über den Tod der »alten Lieder«, der Franz-Josef Degenhardt am Beginn der alternativen Rückbesinnung auf die Vergangenheit Text und Melodie gab, ist noch heute ein Stachel gerade für die kritische Beschäftigung mit der deutschen Geschichte hörbar: Verlieren wir durch die Norm kritischer Aufarbeitung ein zweites Mal, was durch den Nationalsozialismus verloren ist? Und ließe sich nicht eine andere Haltung zur deutschen Vergangenheit finden – eine Haltung jenseits der Opposition von Distanzierung durch kritische Aufarbeitung oder Einverleibung durch Gegengeschichten verschiedenster Art?","replicauthor":"Janosch Steuwer, Zürich","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Steuwer_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Rückbesinnung","chapterid":"12","partid":"2","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"32","blog_title":"Asterix im Hüttendorf","blog_date":"2020-09-23","blog_author":"Valentin Groebner","blog_leadtext":"Immer dann, wenn im 20. Jahr­hun­dert vom Dorf als idea­ler Lebens­form die Rede ist, herrscht Krieg, Kri­se, Bedro­hung der eige­nen Lebens­form...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"32","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"21","referencetext":"Das Dorf ist männlich: In allen Asterix-Alben von Goscinny und Uderzo erscheinen Frauen nur in kleinen Nebenrollen.","referenceposition":"1"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"32","blog_listelementid":"96","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"21","replicheadline":"Asterix im Hüttendorf","replictext":" Immer dann, wenn im 20. Jahrhundert vom Dorf als idealer Lebensform die Rede ist, herrscht Krieg, Krise, Bedrohung der eigenen Lebensform – und wenn nicht in der Wirklichkeit, dann zumindest in den Köpfen. So auch in jenem vermeintlich rebellischen, fiktiven Dorf, das seit den 1960er Jahren, in deutscher Übersetzung seit den 1970er Jahren in der Massenkultur das Dorf als mythischen Ort streitlustiger, eigensinniger Gemeinschaft fest verankert hat. In Asterix der Gallier<\/i> von René Goscinny, gezeichnet von Albert Uderzo, ist ganz Gallien von den Römern besetzt. Nur ein einziges abgelegenes Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Seine Bewohner verteidigen ihre lokalen Eigenarten erfolgreich gegen die Römer, die für Uniformisierung und bürokratische Macht stehen – mit Hilfe eines Zaubertranks nach einem geheimen Rezept.1<\/sup>
Das Dorf ist seither kein Ort, sondern ein geträumter innerer Zustand, ein Bilderbogen zur kollektiven Selbstidentifikation: So ursprünglich, naturverbunden und echt sind wir eigentlich selber – wenn man uns nur ließe. Auch der Widerstand gegen die Startbahn West in den 1980er Jahren hat zu diesem Bildmaterial gegriffen. Asterix im Hüttendorf<\/i>, eine Montage aus Bildern verschiedener Asterix-Bände mit neu geschriebenen deutschen Texten zum Widerstand gegen den Flughafen Frankfurt am Main, und lustvoller Gewalt gegen die Polizei (in römischen Uniformen), erschien als anonymer Nachdruck von 1982 an. Es wurde ein alternativer Verkaufsschlager, bis Goscinny und Uderzo Urheberrechtsklagen anstrengten.
Jedes solche Dorf ist mythischer Ursprung und anheimelnd miniaturisiertes Spiegelbild des Eigenen in einem Selbst: Widerstand gegen Auswärtiges und Unechtes sei möglich, wenn man sich nur auf die eigenen Wurzeln besinne. »Dörflich-kleinstädtische Landstruktur am Rande der Großstadt« beschwor ein Artikel von 1981 in der Zeitschrift radikal<\/i> den Widerstand gegen die Frankfurter Startbahn. Die erschien in der großstädtischen Stadtinsel Westberlin. Deswegen auch die Magie des nächsten Satzes: »Wald und nicht Stadt«. Es gehe darum, eine »Dorfgemeinschaft zu formen«, schrieb der selbsternannte Dorfchronist Horst Karasek im selben Jahr.
Ob den Autoren die ambivalenten Untertöne dieses Konzeptes bewusst waren? Asterix der Gallier<\/i> erschien 1959, auf dem Höhepunkt des Algerienkrieges. Weder dort noch in einem der dutzenden Fortsetzungsbände kommt auch nur ein einziger Araber vor. Die unangenehmen Seiten des Lebens im Dorf – nachzulesen etwa im Klassiker des amerikanischen Anthropologen Laurence Wylie, Ein Dorf in der Vaucluse<\/i>, erschienen 1957 (1968 in französischer, 1974 in deutscher Übersetzung) – wollte niemand thematisieren.
Dörfer sind nur dann idyllische Orte, wenn man sie wieder verlassen kann. Wahrscheinlich sind sie – komplett neu gebaut – deswegen seither zur bevorzugten Erscheinungsform einer ganz anderen Industrie des Urtümlichen geworden. Der Tourismus hat die alternativen Lebensformen der 1980er Jahre beerbt und inszeniert den Traum vom ursprünglichen authentischen Leben heute in seiner reinsten Form: als Feriendorf.
<\/i>","replicauthor":"Valentin Groebner, Luzern","replicpdf":"","chaptername":"Dorf","chapterid":"14","partid":"2","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"31","blog_title":"Globales Bewusstsein","blog_date":"2020-09-21","blog_author":"Lucas M. Mueller","blog_leadtext":"Der neue Welt­geist, der Kampf für eine bes­se­re<\/i> Welt, rea­li­sier­te sich for­tan im Indi­vi­du­um: ein Indi­vi­du­um, das Wis­sen und Gegen­wis­sen sowie Exper­ti­sen und Gegen­ex­per­ti­sen navi­gie­ren kön­nen muss­te...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"31","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"111","referencetext":"Ulrich Beck: Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1986), S. 63.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"112","referencetext":"Sön­ke Kun­kel: »Zwi­schen Glo­ba­li­sie­rung, Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen und ›glo­bal gover­nan­ce‹: Eine kur­ze Geschich­te des Nord-Süd-Kon­f­likts in den 1960er und 1970er Jah­ren«, in: Vier­tel­jahrs­hef­te für Zeit­ge­schich­te<\/i> 60\/4 (2012). S. 555–577. ","referenceposition":"2"},{"referenceid":"113","referencetext":"Lucas M. Muel­ler: »Risk on the Nego­tia­ti­on Tab­le: Mal­nu­tri­ti­on, Toxi­ci­ty, and Post­co­lo­nial Deve­lop­ment«, in: Ange­la N. H. Crea­ger, Jean-Paul Gau­dil­liè­re (Hg.): Risk on the Tab­le<\/i>, New York: Berg­hahn (= Environ­ment in Histo­ry: Inter­na­tio­nal Per­spec­ti­ves), im Erschei­nen. ","referenceposition":"3"},{"referenceid":"114","referencetext":"Tehi­la Sas­son: »Mil­king the Third World? Humani­ta­ria­nism, Capi­ta­lism, and the Moral Eco­no­my of the Nest­lé Boy­cott«, in: Ame­ri­can His­to­ri­cal Review<\/i> 121\/4 (2016), S. 1196–1224. ","referenceposition":"4"},{"referenceid":"115","referencetext":"Peter van Dam: »The Limits of a Suc­cess Sto­ry: Fair Tra­de and the Histo­ry of Post­co­lo­nial Glo­ba­liza­ti­on«, in: Com­pa­ra­tiv<\/i> 25\/1 (2015), S. 62–77.","referenceposition":"5"},{"referenceid":"116","referencetext":"Fran­cis Fuku­ya­ma: »The End of Histo­ry?«, in: The Natio­nal Inte­rest<\/i> 16 (1989), S. 3–18. ","referenceposition":"6"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"31","blog_listelementid":"95","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"44","replicheadline":"Globales Bewusstsein","replictext":"In den 1980er Jahren konsolidierte sich ein neues globales Bewusstsein, das nach und nach den Mainstream eroberte – weg vom Klassenkampf, weg vom Kalten Krieg und dem Kampf um die Dritte Welt, hin zur Risikogesellschaft. Der Soziologe Ulrich Beck konstatierte im Jahr 1986 die Entstehung dieser neuen Gesellschaftsordnung. Konflikte um die Verteilung von Risiken prägten demnach diese neue »reflexive Moderne«, nicht der Klassenkampf um Ressourcen wie zuvor in der Industrialisierung. In der klassischen Moderne hatte die Industrie nämlich Pestizide und andere Zusatzstoffe zur Produktionserhöhung entwickelt, die ihren Weg als Giftstoffe in Umwelt und Nahrung fanden und jetzt als Risiken bewältigt werden mussten. Becks Buch rückte bewusstseinsbasierte Definitionskämpfe etwa um Art und Ausmaß der Verbreitung dieser Giftstoffe ins Zentrum der Analyse. Das Buch wurde schnell zu einem Bestseller und Klassiker der Sozialtheorie. Während Beck »die Utopie einer Weltgesellschaft«1<\/sup> näher rücken sah, um diese globalen Risiken zu bekämpfen, hatten Helmut Kohl, Margaret Thatcher und Ronald Reagan ihrerseits begonnen, Volkswirtschaften umzukrempeln, Gewerkschaften zu zerschlagen und die »Gesellschaft« an sich in Frage zu stellen. Der neue Weltgeist, der Kampf für eine bessere<\/i> Welt, realisierte sich fortan im Individuum: ein Individuum, das Wissen und Gegenwissen sowie Expertisen und Gegenexpertisen navigieren können musste. Die neue Welt, die Beck beschrieb, glich dennoch der alten in ihrer klaren Unterteilung in arme und reiche Länder. Risiken würden in den armen globalen Süden ausgelagert, wo der fortwährende Kampf gegen das materielle Elend die Risiken unsichtbar machen würde. Durch den Import kostengünstig produzierter Güter fanden sie ihren Weg zurück in westliche Mägen. Die Geschichte etwa des Nahrungsmittelgiftes Aflatoxin zeigt, dass Expert*innen in den 1960er und 1970er Jahren Risiko und Hunger durchaus zusammendachten – und über die Grenzen zwischen armer und reicher Welt hinweg bewerteten. Politiker*innen und Ökonom*innen der »Dritten Welt« stellten das globale ökonomische System, das die früheren Kolonialmächte und Industrieländer bevorteilte, zunehmend in Frage. Sie forderten eine Neue Weltwirtschaftsordnung (New International Economic Order, NIEO).2<\/sup> Die Frage nach dem Risiko von Aflatoxin-kontaminierten Exportgütern aus Indien und Afrika verdrängte zunehmend diese Forderung nach stabilen Rohstoffpreisen und Marktzugang.3<\/sup> So gesehen war der Risikodiskurs nicht zuletzt eine politische Strategie zur Umgehung der globalen Verteilungskämpfe im Zuge der Dekolonisation. In den frühen achtziger Jahren wurde die Neue Weltwirtschaftsordnung endgültig von Ronald Reagan ausgebremst. Die Frage nach einer global gerechteren Wirtschaftsordnung verschwand in den 1980er Jahren allerdings nicht. Mehr Menschen denn je wurden sich der neuen Macht in den globalen Beziehungen bewusst, die aus ihren Konsum- und Ernährungsentscheidungen hervorging. Aktivist*innen, die sich häufig auf Wissen und Gegenwissen beriefen, sahen in diesen Entscheidungen eine Möglichkeit, die Geschicke der Welt zum Besseren zu lenken. Ein Großkonzern spürte die neue Macht des Konsums besonders früh und heftig. Der multinationale Lebensmittelkonzern Nestlé, beschaulich an den Ufern des Genfersees gelegen, sah sich zwischen 1977 und 1984 mit einem weltweiten Boykott konfrontiert.4<\/sup> Leah Margulies und andere Aktivist*innen der Infant Formula Action Coalition beschuldigten Nestlé, Muttermilchersatzstoffe aggressiv an Mütter in der Dritten Welt zu vermarkten. Mütter würden dazu gebracht, ihre Kinder statt mit der Brust mit der Flasche zu ernähren, was in der Folge zu einer erhöhten Säuglingssterblichkeit führen würde. Die Boykottkampagne mobilisierte Konsument*innen in Nordamerika und Europa als Weltbürger*innen. Sie konnten mit ihren Konsumentscheidungen die Macht der Großkonzerne einschränken. Mütter in der Dritten Welt wurden dabei allerdings als zu ungebildet und zu uninformiert dargestellt, um die Werbestrategie des Großkonzerns zu durchschauen. Während im Westen Babyflaschen einen Fortschritt in den Markt- und Geschlechterbeziehungen darstellten konnten, sollten Mütter in der Dritten Welt in ihren kulturellen Unterschieden und Traditionen vor der Macht der Konzerne beschützt werden. Die Nestlé-Boykottkampagne verband Konsumerismus und Humanitarismus, auch auf Werte von »1968« aufbauend, zu einem neuen populären Bewusstsein westlicher Konsument*innen für die »arme Welt«. Der Nestlé-Boykott war erfolgreich und endete 1984 mit der Zustimmung Nestlés zu ethischen Richtlinien. Diese Praxis des Einkaufens und Handelns nach den rechtlich nicht verbindlichen Richtlinien eines ethischen Kapitalismus wurde auf immer mehr Bereiche ausgeweitet. In den späten 1980er Jahren begann eine niederländische Entwicklungshilfeorganisation mit dem Label »Max Havelaar« Fair-Trade-Produkte zu zertifizieren.5<\/sup> Das Label fußte zum Teil auf einer Initiative indigener Bauern und Bäuerinnen in Oaxaca, Mexiko, die seit 1983 mit niederländischen Aktivist*innen daran gearbeitet hatten. Die Verkaufszahlen von Fair-Trade-Produkten, die durch den Zertifizierungsprozess standardisiert und weiter zugänglich wurden, stiegen. Das Jahrzehnt endete mit Francis Fukuyamas Behauptung vom »Ende der Geschichte«.6<\/sup> Ob der Liberalismus tatsächlich den Kalten Krieg und Kampf der Ideen gewann, sei dahingestellt. Das neue globale Bewusstsein, das sich mit Nestlé-Boykott und Fair Trade im Mainstream manifestierte, räumte jedenfalls dem Individuum als Konsumentin oder Konsumenten, geschult durch Wissen und Gegenwissen, mehr Raum ein – einen Raum, der denn auch von vielen Menschen genutzt wurde. Zugleich verschleierte der Kampf um das Bewusstsein von Risiken und fairen Konsum den sozialen und ökonomischen Sprengstoff, der die weltweiten Wirtschaftsbeziehungen bis heute durchzieht – und der auch dazu führte, dass die Geschichte im Jahr 1989 eben nicht endete. ","replicauthor":"Lucas M. Mueller, Genf","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Mueller_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Bewusstsein","chapterid":"9","partid":"5","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"30","blog_title":"Cycling as thinking","blog_date":"2020-09-15","blog_author":"Tiina Männistö-Funk","blog_leadtext":"In the 1970s, the bicycle experienced a resurgence, not only as a means of transport, but also as a means of alternative thinking about the environment, planning, and society...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"30","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referencetext":"Eeva Kilpi: Kesä ja keski-ikäinen nainen<\/i>, Helsinki: WSOY (1970), p. 86, translation by Tiina Männistö-Funk.","referenceid":"16","referenceposition":"1"},{"referencetext":"Ruth Oldenziel & Adri A. Albert de la Bruhèze: »Europe: A Century of Urban Cycling«, in: Ruth Oldenziel, Martin Emanuel, Adri A. Albert de la Bruhèze, Frank Veraart (eds.): Cycling Cities: The European Experience: One Hundred Years of Policy and Practice<\/i>,<\/i> Eindhoven: Foundation for the History of Technology (2016), p. 7–13.","referenceid":"17","referenceposition":"2"},{"referencetext":"Nicholas Oddy: »Cycling’s Dark Age? The Period 1900–1920 in Cycling History«, in: Rob van der Plas (ed.): Cycle History 15: Proceedings of the 15th International Cycling History Conference<\/i>, San Francisco: Van der Plas Publications\/Cycle Publishing (2005), p. 79–86.","referenceid":"18","referenceposition":"3"},{"referencetext":"Dave Horton: »Environmentalism and the Bicycle«, in: Environmental Politics<\/i> 15\/1 (2006), p. 41–58.","referenceid":"19","referenceposition":"4"},{"referencetext":"Jane Bennett: Vibrant Matter: A Political Ecology of Things, <\/i>Durham: Duke University Press (2010).","referenceid":"20","referenceposition":"5"},{"referencetext":"Marco te Brömmelstroet, Anna Nikolaeva, Meredith Glaser, Morten Skou Nicolaisen, Carmen Chan: » Travelling Together Alone and Alone Together: Mobility and Potential Exposure to Diversity«, in: Applied Mobilities<\/i> 2\/1 (2017), p. 1–15.","referenceid":"21","referenceposition":"6"},{"referencetext":"Glen Norcliffe: Critical Geographies of Cycling. History, Political Economy and Culture, <\/i>Farnham: Ashgate (2015), p. 236–242.","referenceid":"23","referenceposition":"7"},{"referencetext":"Anne-Katrin Ebert: »Liberating Technologies? Of Bicycles, Balance and the ›New Woman’ in the 1890s«, in: Icon<\/i> 16 (2010), p. 25–52.","referenceid":"22","referenceposition":"8"},{"referencetext":"Melody Hoffmann: Bike Lanes are White Lanes: Bicycle Advocacy and Urban Planning, <\/i>Lincoln: University of Nebraska Press (2016); Mimi Sheller, »Mobility Justice and the Velomobile Commons in Urban America«, in: Martin Emanuel, Frank Schipper, Ruth Oldenziel (eds.): A U-Turn to the Future: <\/em>Sustainable Urban Mobility since 1850. <\/i>New York: Berghahn (2020), p. 285–304.","referenceid":"24","referenceposition":"9"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"30","blog_listelementid":"94","blog_listtype":"2","blog_listposition":"0","data":[{"blog_imageid":"18","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/Matti Koivumäki pyörämielenosoitus 15.9.1971.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Matti Koivumäki (1971), Helsinki City Museum, N137610, CC BY 4.0."}]},{"blog_dataid":"30","blog_listelementid":"93","blog_listtype":"1","blog_listposition":"1","data":[{"blog_texttext":"»This was true honesty; no exploitation was needed, nor combustion engines; no noise was caused, nor stink; the bicycle was one of the most important inventions of mankind, but also one of the most honourable«.1<\/sup> In a short story by the Finnish author Eeva Kilpi, published in 1970, a divorced woman is spending the summer alone in an old cottage. Themes of loneliness and togetherness parallel the main character’s thoughts on nature, its destruction and the possibilities for preserving it. While riding her bicycle home from the grocery store, she remarks how cycling places her on the bottom of the hierarchy on the road but also gives her a certain peace and moral superiority compared to the cars rushing by at top speed.Kilpi was not alone in her thoughts: In the 1970s, the bicycle experienced a resurgence, not only as a means of transport, but also as a means of alternative thinking about the environment, planning, and society. It became a vehicle of opposition and distinction for the environmental and countercultural movements in Europe. There were local bicycle demonstrations in many places, including Stockholm, where demonstrations with hundreds of cyclists occurred regularly from the 1970 onwards. Across the Netherlands, massive demonstrations were organised, beginning in 1972, under the banner of »Stop de Kindermoord« (Stop the Murder of Children) that demanded safer cycling routes. In West Berlin, the first ›Sternfahrt‹ (a feeder ride that takes on the appearance of a star as cyclists ride towards a central meeting point from different directions) was organised in 1977; today, it is one of the largest annual bicycle demonstrations in the world. In Copenhagen, a large demonstration demanded better cycling conditions in 1979. A 1982 bicycle demonstration in East Berlin gave new visibility to the environmental movement in the German Democratic Republic.One of the earliest bicycle demonstrations in Finland – the one in the picture – was organized by Enemmistö (The Majority), a traffic policy association, on 15 September 1971. Participants protested against new traffic regulations that would make cycling on city streets more difficult. In the photograph, the cyclists are indeed the majority on the street, although hard-pressed for space. Almost echoing Eeva Kilpi’s words, the sign on the foremost bicycle reads »A bicycle does not cause noise«. Further back, one of the cyclists is wearing a gas mask. These props signal the demonstration’s stand not only in favour of the bicycle, but also against the environmental effects of automobility.Only two decades earlier, cyclists had actually predominated on the road. Before its sharp decline in the 1960s, the bicycle – alongside walking – was the most common means of individual transportation in postwar Europe. In urban areas, it was in particular, although not exclusively, the vehicle of the working class. Simultaneously, city and traffic planners across the continent were restructuring urban areas as high modernist car cities, using a newly-defined scientific planning approach that predicted motorised traffic flows.2<\/sup> These modernist planners saw no future for bicycle traffic in the cities and chose to actively ignore it. During the most active phase of this restructuring, public protests were uncommon, although by the late 1960s, more educated and politically active young urban dwellers began to voice their critiques of the car and car cities. At that time, cycling started to increase again, although ridership never reached the numbers seen during the mid-century. Nicholas Oddy has remarked that the era of most widespread cycling has left the least literary traces: Cycling was actively discussed in media when it was a middle-class fashion in the late nineteenth century, but fell off the radar when it became a common form of transport in the early twentieth century.3<\/sup> Almost a century later, middle-class bicycle protests gained more visibility than the widespread working-class cycling of preceding decades.According to the sociologist Dave Horton, the case of the bicycle and the environmentalist movement demonstrates »how ›ordinary‹ materialities can contribute to the development and performance of antagonistic cultural and political identities«.4<\/sup> Going a step further, one could argue that such materialities contribute to the formation of antagonistic ideas by acting as co-thinkers that open up different perspectives. Like in Kilpi’s text and the photograph of the demonstration in Helsinki, sensory knowledge appears as a central component of cycling: one’s own body and the surrounding environment are immediate participants in the mobility of bicycling. This knowledge is in direct conflict with the modernist ideal of the efficient city, where the streets are to be corridors of transit, not places to experience.In order to highlight the swarm of different material agencies working together, political theorist Jane Bennett uses the example of a bicycle ridden on a gravel road: The human rider acutely senses the drive of other agencies – the bicycle and the road – and adapts to them.5<\/sup> The cyclist’s senses are open to interactions and connections with their environment, not shielded in the same way as car travellers’. With the help of their immediate sensory exposure, they negotiate their way through traffic while also creating a cognitive map of the city.6<\/sup> As a marginalised mode of travel in many environments, cycling can also impart the experience of being in a vulnerable minority – an experience that Eeva Kilpi describes as being the lowest in the hierarchy of the road and that the geographer Glen Norcliffe has thematised by calling the bicycle »the orphan of the street«.7<\/sup> The bicycle is however also a flexible vehicle that can take advantage of narrow, winding and improvised routes; it can be pushed or carried over obstacles if necessary. It thus enables what Michel de Certeau has called the tactics of the weak in a city shaped by the prevailing order.We can make sense of the bicycle demonstrations of the 1970s as attempts at making the urban knowledge of cyclists seen and heard, drawing attention not only to the bodily and sensory experiences of noise and smell, but also the entire process of self-propelled movement. While the 1970s environmental movement is most associated with educated young adults, other groups, in parallel, also cycled. In the demonstration picture from 1971, we see cyclists who look like university students and young professionals, as well as school children and an older man in working-class attire, his bicycle bearing a small sign with the name of the association Enemmistö.Compared to a passenger car, the bicycle is a different co-thinker, a different mode of moving and thinking. In Kilpi’s text and the signs of the demonstrators, it also appears as a better, less harmful alternative to the car. However, the bicycle – like all technology – is not inherently »good«. The narratives of the bicycle emancipating women in the late nineteenth century and solving the environmental problems of the twenty-first century might be immensely popular, but they are also one-sided.8<\/sup> These narratives most often concentrate on white, middle-class cyclists in specific urban areas, thereby obscuring systems of oppression. For example, in many US cities, the recent rise in bicycle advocacy within urban planning has been connected to the gentrification of Black, immigrant and working-class neighbourhoods.9<\/sup> Thus, if we want to perceive cycling as thinking, we will also need to consider whose bicycle-thinking has been deemed important enough to be given space in the city and in the media."}]}]},{"blog_dataid":"29","blog_title":"female imagery","blog_date":"2020-09-03","blog_author":"Julia Pelta Feldman","blog_leadtext":"Fema­le ima­ge­ry <\/i>besch­reibt die Idee, dass Kunst von Frau­en, ob abstrakt oder nicht, zu bestimm­ten for­ma­len Eigen­schaf­ten nei­gen könn­te – etwa run­den Gestal­ten, Pas­tell­far­ben, nega­ti­vem Raum oder – wie im Fall Han­nah Wil­kes – labia­len For­men... ","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"29","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"178","referencetext":"Amy Sillman, Deep Six: »A Pink Strip«, in: Heresies #1: Feminism, Art and Politics<\/i> 1\/1 (1977), S. 81. Lippard wollte die Zeitschrift ursprünglich Pink<\/i> nennen.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"179","referencetext":"Miriam Shapiro, Judy Chicago: »Female Imagery«, in: Womanspace<\/i> 1\/3, (August 1973), S. 11–14, hier S. 14. Alle Übersetzungen sind von der Autorin.
","referenceposition":"1"},{"referenceid":"180","referencetext":"Kelly C. Baum: »Earthkeeping, Earthshaking«, in: Emily Eliza Scott, Kirsten Swenson (Hg.): Critical Landscapes: Art, Space, Politics<\/i>, Berkeley: University of California Press (2015), S. 110–121, hier S. 110–111.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"181","referencetext":"Cindy Nemser: »The Women Artists’ Movement«, in: The Feminist Art Journal<\/i>, 2\/4 (1973), S. 8–10, hier S. 8.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"182","referencetext":"Cindy: »a talk with Judy Chicago«, in: Lavender Woman<\/i> 4\/4, (August 1975), S. 11. ","referenceposition":"3"},{"referenceid":"183","referencetext":"Lucy R. Lippard: »A Note on the Politics and Aesthetics of a Women’s Show«, in: Women Choose Women<\/i>, New York: The New York Cultural Center (1973), S. 6–7, hier S. 7. ","referenceposition":"4"},{"referenceid":"184","referencetext":"Patricia Mainardi: »Feminine Sensibility: An Analysis«, in: The Feminist Art Journal<\/i> 1\/2 (1972), S. 9, 22, hier S. 22. ","referenceposition":"5"},{"referenceid":"185","referencetext":"Arlene Raven: »Women’s Art: The Development of a Theoretical Perspective«, in: Womanspace<\/i>, 1\/1 (1973), S. 14–20, hier S. 14. ","referenceposition":"6"},{"referenceid":"186","referencetext":"Lucy R. Lippard: »Sweeping Exchanges: The Contribution of Feminism to the Art of the 1970s«, in: Art Journal<\/i> 40, Nr. 1\/2 (1980), S. 362–365, hier S. 362. ","referenceposition":"7"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"29","blog_listelementid":"92","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"55","replicheadline":"female imagery","replictext":" Female imagery <\/i>beschreibt die Idee, dass Kunst von Frauen, ob abstrakt oder nicht, zu bestimmten formalen Eigenschaften neigen könnte – etwa runden Gestalten, Pastellfarben, negativem Raum oder – wie im Fall Hannah Wilkes – labialen Formen. Sie wurde 1973 von Judy Chicago und Miriam Shapiro postuliert, und von Künstlerinnen in den USA der 1970er Jahre leidenschaftlich diskutiert. Amy Sillman beispielsweise machte sich 1977 in der ersten Ausgabe von Heresies<\/i> über die Vorstellung lustig, ein Kunstwerk hätte ein erkennbares Geschlecht. In ihrem Comic »A Pink Strip« reagieren zwei Frauen auf eine Skulptur. Eine meint: »Die Räume sind Tunnel! Wie persönlich!« – während die andere schwärmt: »Mir gefallen die durchdringenden Ebenen, die harten und universellen Kanten. Eine echte Kritik des Objekts an sich; der MUTIGE vertikale Schub... EINE ECHTE FRAUENKUNST!«1<\/sup>
Heute wird das Konzept sowohl von Kunsthistorikerinnen als auch Künstlerinnen als rückständig abgelehnt. In den 1970er Jahren aber theorisierten viele Feministinnen eine vermeintliche weibliche Bildsprache nicht als frauenfeindliches Klischee, sondern als wirksames Mittel gegen Ungleichheit.
In ihrem Artikel »Female Imagery«, der im Womanspace Journal <\/i>veröffentlicht wurde, einem jener vielen neugegründeten feministischen Kunstmagazine des Jahrzehnts, äußern Chicago und Shapiro ihr Ziel, den männlichen Künstler als universelles Subjekt durch eine spezifisch weibliche, von den persönlichen Erfahrungen von Frauen geprägte Kunst zu verdrängen: »Es ist unsere Hoffnung, dass eine weibliche Wahrnehmung der Realität, so wie sie nun langsam beginnt beschrieben zu werden, unsere Sprache bereichern, unsere Wahrnehmungen erweitern und unsere Menschlichkeit vergrößern wird.«2<\/sup>
Während Hannah Wilkes ironische Haltung und ihre Verwendung von Abstraktion ihren Ruf sowohl als seriöse Künstlerin als auch Feministin zementierten, war die Rezeption jener anderen Vormütter Chicago und Shapiro ambivalenter. Deren Vorstellung einer »weiblichen Bildsprache« widerspricht aktueller linker Politik, einschließlich meiner eigenen, auf unangenehme Weise. Die Kunsthistorikerin Kelly Baum drückte 2015 die heute vorherrschende Sicht so aus: »Weil er den Begriffen ›feministisch‹ und ›weiblich‹ ausweicht, Politik und Biologie gleichsetzt und sowohl Ungleichheit als auch Sexualität naturalisiert«, diene der Glaube an eine weibliche Bildsprache »letztlich einer konservativen Agenda und bekräftigt viele der patriarchalischen Stereotypen, gegen die Feministinnen lange und bitter gekämpft haben«.3<\/sup> Baums Haltung stimmt mit den Argumenten von Feministinnen der 1970er Jahre wie Cindy Nemser überein, die sich heftig gegen »biologisch begründete und stereotypisierte Annahmen darüber« wandten, »wie Kunst von Frauen aussehen sollte: zart, sinnlich, exquisit, erdig, blass, und neuerdings auch gebärmutterzentriert«.4 <\/sup>Female imagery <\/i>sei also als Hilfsmittel der Frauenemanzipation kontraproduktiv.
Die Ablehnung des Essenzialismus, die Baum und Nemser ausdrücken, ist heute ein unverzichtbarer Teil jenes Feminismus, der Geschlecht von Biologie trennen will. Trotzdem übergeht ihre Kritik die damit ursprünglich verbundenen politischen Ziele und verkennt Nuancen. Selbst Chicago ist vorsichtig, wenn es um die Frage der Ursprünge der female imagery<\/i> geht: »Vielleicht haben wir tatsächlich eine eigene Art uns auszudrücken, die anders ist, die biologisch begründet und kulturell verstärkt oder kulturell geprägt sein könnte. Ich weiß nicht, woher das kommt.«5<\/sup> Lucy Lippard schrieb für den Katalog von Women Choose Women<\/i> (1973), einer demokratisch organisierten feministischen Ausstellung: »Es bleibt die überwältigende Tatsache, dass die Erfahrung einer Frau in dieser Gesellschaft einfach nicht wie die eines Mannes ist, und wenn sich dieser Faktor in der Kunst der Frauen nicht zeigt, kann das nur daran liegen, dass er unterdrückt wurde.«6<\/sup>
Manche Frauen lehnten jede Vorstellung von geschlechtsspezifischer Kunst ab und leugneten einen Zusammenhang zwischen ihrer Weiblichkeit und ihrem Werk. Feministinnen erwiderten, dass die so genannte »geschlechtslose« Kunst tatsächlich eine männliche sei. Faith Ringgold bezog die Stellung der Frau auf die der schwarzen Diaspora und vertrat die Ansicht, »Frauen werden sich vielleicht vollständig in die männliche Kultur assimilieren oder sie werden beginnen, ihre eigene Kultur anzuerkennen, sie zu verändern, zu modifizieren, zu befreien; und aus dieser neuen, nicht unterdrückten weiblichen Kultur muss notwendigerweise eine neue, nicht unterdrückte weibliche Kunst entstehen.«7 <\/sup>Arlene Raven stimmte der Dringlichkeit dieser zweiten Option zu: »Wenn wir die Bestätigung durch ein männlich orientiertes System suchen, erhalten wir sie in den Währungen dieses Systems statt zu unseren eigenen Bedingungen.«8<\/sup> Es ging also darum, eine eigene Kultur zu entwickeln, wie immer sie auch aussehen mag.
Für manche hatte die »weibliche Kunst« ein noch umfangreicheres politisches Potenzial. Lippard meinte, sie könne die Legitimität des herrschenden Kunstsystems in Frage stellen. »Der größte Beitrag des Feminismus zur Zukunft der Kunst war wahrscheinlich gerade sein fehlender Beitrag zur Moderne«, schrieb sie 1980 rückblickend. »Feministische Methoden und Theorien boten stattdessen eine gesellschaftlich bewusste Alternative zur zunehmend mechanischen ›Evolution‹ der Kunst, die nur die Kunst als Gegenstand hat«.9<\/sup> Das Persönliche ist wieder politisch: Für einige Künstlerinnen und Künstler der 1970er Jahre – und nicht nur für Feministinnen – war eine persönliche, körperliche, »weibliche« Kunst eine Möglichkeit, einem erstarrten Kunstsystem zu entkommen und neue Bedeutungssysteme und neue Betrachter*innen zu finden.
","replicauthor":"Julia Pelta Feldman, Berlin","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Pelta Feldman_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Prick Art","chapterid":"11","partid":"9","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"28","blog_title":"Unerledigte Anliegen","blog_date":"2020-09-01","blog_author":"Birgit Nemec","blog_leadtext":"Bom­ben und Spreng­sät­ze wer­den ange­bracht, Dräh­te gewi­ckelt, Gasfla­schen befüllt und Wecker zu Zünd­zeit­ver­zö­ge­rern umge­baut. Wenn von Alarm im Zusam­men­hang mit Femi­nis­mus, Sexua­li­tät und repro­duk­ti­ver Gesund­heit in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts berich­tet wird, geht es häu­fig um Anschlä­ge und ille­ga­le Ban­den im Unter­grund...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"28","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"136","referencetext":"Ulrike Meinhof: »Aufklärung über eigenes Denken« (unveröffentlichtes Manuskript von 1962), in: Der Spiegel<\/i> 33 (2016), S. 120–122, hier S. 120.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"137","referencetext":"Brot und Rosen: Frauenhandbuch Nr. 1: Abtreibung Verhütungsmittel<\/i>, Berlin 1972, S. 73–74.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"138","referencetext":"Imgard Nippert: »History of Prenatal Diagnosis in the Federal Republic of Germany«, in: Margaret Reid (Hg.):The Diffusion of Four Prenatal Screening Tests Across Europe<\/i>, London: King’s Fund (1991), S. 49–69, hier S. 63. ","referenceposition":"3"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"28","blog_listelementid":"91","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"48","replicheadline":"Unerledigte Anliegen","replictext":"Bomben und Sprengsätze werden angebracht, Drähte gewickelt, Gasflaschen befüllt und Wecker zu Zündzeitverzögerern umgebaut. Wenn von Alarm im Zusammenhang mit Feminismus, Sexualität und reproduktiver Gesundheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts berichtet wird, geht es häufig um Anschläge und illegale Banden im Untergrund. Ziele waren vermutete institutionelle »Verfilzungen« von Industrie, Forschung und Staat. Also richteten sich die Angriffe gegen sogenannte Technologieparks, westdeutsche Elite-Forschungseinrichtungen und Konzerne, aber auch gegen klinische Einrichtungen, an denen Menschen Unterstützung in der Familienplanung suchen, insbesondere in den Ballungszentren im Ruhrpott und der Rhein-Neckar-Region. Dabei hatte es Notsignale auch in anderer Form gegeben. Einige Frauen hatten in inszenierten Tribunalen vor sexistischen Praktiken ihrer Gynäkologen gewarnt oder in Zelten im öffentlichen Raum menstruiert, um die Passant*innen in Unruhe zu versetzen. Sie hatten Specula günstig hergestellt und Manuale zur Selbstuntersuchung verteilt, um neue Räume zu erobern und zu schaffen: Innenräume des Körpers sowie Außenräume, »Frauenräume« in Buchläden, Zeitschriftenredaktionen, Kinderläden und besprühte Hausfassaden. Auch an diesen Aktionsfronten wurde, in weniger gewalttätiger Weise, der Versuch unternommen, Gegen-Wissen und Gegenöffentlichkeit herzustellen, Abläufe zu stören, Absprachen offen zu legen. Dabei ging es inhaltlich zumeist um ein Wiederaufgreifen früherer, unerledigter Anliegen.
Es ist allerdings auffällig, dass »Alarm« in Kämpfen um sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung dieser Zeit zumeist als Gegenbegriff in Verwendung war. Von »Alarm um die Abtreibung« sprachen um 1980 die konservativen Lebensschützer unter den wissenschaftlichen Autoritäten. Gynäkologen und Politiker schlugen »Alarm«, wenn es darum ging, den Lebenswandel von Schwangeren zu bewerten. Versuche der Aneignung und Umdeutung durch betroffene Frauen stellten eher die Ausnahme dar. Ist diese begriffliche Codierung als Indiz für ein Dispositiv zu werten, in dem Gegenwissen nur mit äußerster Hartnäckigkeit Verbreitung finden konnte?
Auf rechtlichem Wege scheiterten Aktivistinnen jedenfalls bei dem Versuch, mit ihren Beobachtungen aufzurütteln: 1980 gegen den Pharma-Riesen Schering, der die teratogene Wirkung seiner hormonellen Schwangerschaftstests mit der Dosierung der »Pille danach« erfolgreich bestritt (während in den USA hohe Entschädigungszahlungen erfolgten); 1970 gegen Grünenthal, als im deutschen Thalidomid-Prozess eine Teilhabe kritischer sozialer Bewegungen zurückgewiesen wurde. Verdrehte Rollen von Tätern und Opfern hatten unter anderem Ulrike Meinhof 1962 dazu angeregt darüber zu schreiben, in welchem Deutschland sie gerne alt werden wolle: jedenfalls nicht in einem Land, das nur über falschen Alarm spreche, »über fremde Mütter, die ihre durch Contergan verkrüppelten Babys töten«.1<\/sup>
Es wäre verkürzt, gewalttätige Alarmsignale im Bereich der reproduktiven Gesundheit alleine auf Contergan als verpasste Chance zurückzuführen. Schließlich ging es um eine Reihe unerledigter Anliegen. »Aus welchen Gründen bringen die Illustriertenmacher alle paar Wochen ein nacktes Mädchen auf die Titelseite, die mit einer Spritze im Arsch oder einem Feigenblatt vor der Vagina für ein noch befreienderes Mittel wirbt? Ob und wie sich Frauen befreien, kann nicht von Ärzten und nicht von Chemikalien entschieden werden«,2<\/sup> beschwor eine kleine Gruppe Berliner Frauen 1972 in ihrem Frauenhandbuch Nr. 1 <\/i>den Widerstand gegen gesellschaftliche Machtstrukturen, insbesondere gegen die Kooperation von Großindustrie, Kirche und ärztlicher Standesorganisation.
Ob dem Autorinnenkollektiv, das sich wenig später auflöste, bewusst war, wie zielsicher sie eine Reihe jener Ambivalenzen der sogenannten sexuellen Revolution benannten, die uns in der Forschung bis heute beschäftigen? Ein Jahr zuvor hatte das lebendige Bostoner Women’s Health Collective mit Our Bodies Ourselves<\/i> diese insbesondere im Zusammenhang mit race, inclusion<\/i> und diversity<\/i> in der Gleichstellung der Frau benannt. Das erste Coverbild, ein Schwarzweißfoto von zwei Frauen, die ein handgeschriebenes »Women Unite«-Poster tragen und dabei Diversität höchstens in Hinblick auf ihr Alter repräsentierten, wurde nach jahrzehntelanger Debatte durch ein Cover mit über fünfzig Farbporträts von Frauen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und Nationalität ersetzt. In Westdeutschland beriefen sich feministische Warnsignale auf Unerledigtes einer anderen politischen und wirtschaftlichen Vergangenheit, die am juristischen Umgang mit der Abtreibungsfrage detonierten (im wörtlichen Sinn 1975 im Verfassungsgerichtshof). Im Kern ginge es aber darum, dass man der Kirche ihre moralische Rolle in der NS-Diktatur nicht verziehen hatte; der Ärzteschaft das Schweigen über ihre verhängnisvolle Gutachter-Rolle; dem Staat und der Industrie ihre Komplizenschaft in der verfehlten Aufarbeitung von Verletzungen des Patient*innen- und Verbraucher*innenschutzes.
Für viele Zeitgenoss*innen war es bereits kurze Zeit später schwer einzuordnen, »contradictory«,3<\/sup> wie es eine Humangenetikerin 1991 für ein internationales Publikum formulierte, warum der bewaffnete Alarm der Frauen sich nicht nur gegen prügelnde Ehemänner und rechtliche Paragrafen, sondern insbesondere gegen die heimische Großindustrie mit ihrer Gen- und Züchtungsforschung gerichtet hatte. Oder warum Anleitungen zum schonenden Schwangerschaftsabbruch mit Anschlägen auf die Instanzen zu dessen medizinischer Indikation einhergingen. Unerledigte Anliegen zirkulierten in unterschiedlichen Formen und an verschiedenen Aktionsfronten, allerdings offenbar in einer Weise, in der Gegenwissen nur allenfalls kurzfristig und punktuell Ambivalenzen offenlegen, verstören und Prozesse der Aushandlung anregen konnte.
","replicauthor":"Birgit Nemec, Heidelberg","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Nemec_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Alarm","chapterid":"29","partid":"11","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"27","blog_title":"Filmische Spurensicherung in der Urner Bergwelt","blog_date":"2020-08-25","blog_author":"Brigitta Bernet","blog_leadtext":"Als sich Murer 1972 nach Uri auf­macht, weil er sich ent­schie­den hat, einen Doku­men­tar­film über das All­tags­le­ben der »Berg­ler« zu dre­hen, folgt er einer­seits einem eth­no­lo­gisch-volks­kund­li­chen Skript. Sein Film ist eine »Not­fil­mung«, die eine von der Indu­s­trie­ge­sell­schaft zum Ster­ben ver­ur­teil­te Lebens­welt kurz vor ihrem Ver­schwin­den fest­zu­hal­ten sucht...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"27","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"27","blog_listelementid":"90","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"34","replicheadline":"Filmische Spurensicherung in der Urner Bergwelt","replictext":"Fredi M. Murers Dokumentarfilm Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind<\/i> (Schweiz, 1974) folgt dem Alltag von Bergbauern und Bergbäuerinnen in drei Tälern des Kanton Uri. In drei Sätzen entfaltet der Film das Bild eines entbehrungsreichen und von harter Arbeit geprägten Lebens, das durch den Wechsel der Jahreszeiten, das Wetter und die herbe Natur bestimmt ist. Zunächst nur mit einem Tonband, später auch mit der Kamera ausgestattet, näherte Murer sich seinen Darsteller*innen. Unter Verzicht auf eine Kommentarstimme lässt er die Beteiligten selbst sprechen. Die Kamera geht nie in die Totale, sondern folgt den Protagonist*innen auf Augenhöhe durch einen Alltag, in dem Rituale und Gewohnheiten auf eine archaische Tiefenkultur durchblicken lassen.

margin-left:15pt<\/a>\">Von Alaska nach Uri<\/div> Nichts in Murers frühen Filmen deutete darauf hin, dass er sich als Dreißigjähriger den Bergbauern und -bäuerinnen seiner engeren Heimat zuwenden wird. Sein Frühwerk war Teil einer experimentell-subversiven städtischen Jugendkultur. Im Kanton Uri aufgewachsen, war Murer der drohenden Herrenschneiderlehre schon im Alter von siebzehn Jahren nach Zürich an die dortige Schule für Gestaltung entflohen. Später siedelte er nach London über. Hier erreicht ihn 1970, mitten in den Vorbereitungen zu einer Dokumentation über eine Inuit-Siedlung in Alaska, die Nachricht vom Tod seines Vaters. Im Bergdorf Bristen, wohin er zur Beerdigung reist, findet Murer eine exotische Welt vor. Unter den Trauergästen sind viele Bergbauern und -bäuerinnen, die aus einer gleichsam vorindustriellen Lebenswelt zu kommen scheinen, die nicht nach den Regeln der westlichen Rationalität funktioniert. Der Landarzt des Ortes schenkt Murer zum Abschied das Buch Goldenener Ring über Uri<\/i> (1942) von Eduard Renner: eine Sammlung von Urner Sagen und Legenden. Zurück in London vertieft sich der Filmemacher staunend in das Buch. Die geplante Expedition nach Alaska fällt ins Wasser.

margin-left:15pt<\/a>\">Gegen die Bilderwelt des Kalten Kriegs<\/div>Als sich Murer 1972 nach Uri aufmacht, weil er sich entschieden hat, einen Dokumentarfilm über das Alltagsleben der »Bergler« zu drehen, folgt er einerseits einem ethnologisch-volkskundlichen Skript. Sein Film ist eine »Notfilmung«, die eine von der Industriegesellschaft zum Sterben verurteilte Lebenswelt kurz vor ihrem Verschwinden festzuhalten sucht. Das Versinken des Dorfes Göschenenalp in den Fluten eines 1960 fertig gestellten Stausees ist im Film ein Sinnbild für die Gefährdung einer ganzen Kultur, die durch Zivilisation und Hochtechnologie vom Untergang bedroht ist. Murer will aber auch einen politischen Film drehen. Er will sich einmischen in die schweizerische Bilderwelt des Kalten Kriegs mit ihren Bergpanoramas und Sonnenaufgängen auf der Alp, indem er diese Bilder mit dem modernen Alltag von Autoverkehr, Strassentunneln und Stauwerken konfrontiert. Die porträtierte Welt ist gerade nicht<\/i> jene beschaulich-stabile Idylle, welche die Filmtradition der Geistigen Landesverteidigung vom Bauernstand entworfen hatte, sondern hochgradig mobil und dynamisch, gerade auch weil sie einem archaischen Zeit- und Sinnregime folgt, das einen Gegensatz zum Takt der modernen Maschinen markiert. Ihre Protagonist*innen sind keine Modernisierungsgewinner*innen. Nur wenige Kilometer von den Städten entfernt, erinnert ihr Alltag an Slum und Dritte Welt. Und doch bleibt Murer nicht beim soziologischen Thesenfilm stehen. Markant ist der Gegensatz zu Kurt Gloor, dessen Film Die Landschaftsgärtner<\/i> (1969) ebenfalls in den Urner Bergen spielt und ebenso die staatliche Bevormundung der Bergbauern anprangert, aber keinem der »sprachlosen Menschen« jemals das Wort erteilt. Stattdessen spricht eine Soziologenstimme. Murers Empörung über die überheblichen Methoden seiner Kollegen bestärkte ihn im Entschluss, einen Film auf Augenhöhe mit den Berglern und nicht von oben herab über sie drehen zu wollen.

margin-left:15pt<\/a>\">Der goldene Ring<\/div> Murers Urner Bergfilm, der die Probleme eines innerschweizerischen Entwicklungsgebietes in Selbsterklärungen der Betroffenen darstellt, orientiert sich an der mündlichen Kultur der Sagen, Lieder und Mythen. Wie er im Rückblick betont, hat ihm Eduard Renners Sagenbuch die Augen für das elementar Menschliche der Bergler geöffnet, die ihm früher so exotisch und irrational vorkamen wie Inuits und Indianer. Dank Renner sieht Murer Zusammenhänge zwischen der magisch ausgetragenen Existenznot im Hochgebirge und der zumeist künstlich verdrängten Existenzangst in den anonymen Weltstädten. Natürlich steht dieses Sensorium nicht allein im Raum. Filmisch ist es in Italien (etwa bei Ermanno Olmi oder Pier Paolo Pasolini) deutlicher als in der Schweiz. Als Teil dieser Strömung erschöpft sich Murers Anliegen nicht darin, die armselige Realität hinter den Mythen zu enthüllen und diese zu zertrümmern. Vielmehr ist sein Film – neben vielem anderen – auch eine Suche nach den verwischten Spuren eines alten Wissens und nach einer wahren Tradition. Die Grundvorstellung ist der magische »Ring«, der die Welt – das Dorf, die Familie, die Alp – zusammenhält. Durch den schmalen Spalt des Alltags lässt Murer uns in die urzeitliche Tiefenschicht eines mythisch-magischen Weltbildes blicken, das vom Wirtschafts- und Wertewandel der Moderne schon größtenteils verschüttet wurde. Mit lyrischer Kraft bricht es im gelebten Alltag hervor: bei der Pflege des Viehs, bei der Vereidigung der Alphirten im Rathaus von Altdorf oder in der wahrscheinlich schönsten Filmszene, dem Alpsegen beim Einnachten auf der höchsten Staffel. Während die Mutter in der Hütte die Kinder zu Bett bringt, ruft draußen der Vater den Schutz des Allmächtigen und seiner Heiligen an: »Hier auf dieser Alp ist ein goldener Ring.« Dem Filmemacher ist die Gefährdung dieses traditionellen Gemeinschaftssinns natürlich bewusst und er unterdrückt die Trauer darüber nicht. Trotzdem ist Wir Bergler in den Bergen<\/i> kein sentimentaler, sondern ein utopischer Film, denn es gelingt Murer, aus den Relikten und Fragmenten dieser schwindenden Lebenswelt den »Ring« auf seine – filmische – Weise wieder herzustellen. Zum Schluss versammelt er die Einwohner*innen eines Dorfes um die Kamera: in einem Ring, als Beschwörung von Solidarität, auf einer gefährdeten, aber noch immer tauglichen Grundlage.

","replicauthor":"Brigitta Bernet, Zürich","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Bernet_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Alltag","chapterid":"2","partid":"2","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"26","blog_title":"Über die verschiedenen Tonlagen des Weltendes","blog_date":"2020-08-20","blog_author":"Robert Leucht","blog_leadtext":"Als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler fällt mir bei der Durch­sicht die­ser Mate­ria­li­en vor allem ein bestimm­ter Ton­fall auf. Vie­le der Quel­len, ob sie nun um den Atom­krieg, das Ozon­loch oder das Walds­ter­ben krei­sen, evo­zie­ren War­nun­gen, pro­tes­tie­ren und ver­set­zen Leser*innen in Unru­he...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"26","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"95","referencetext":"Reinhart Koselleck: »Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹«, in: ders.: Begriffsgeschichten: Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache,<\/i> Frankfurt am Main: Suhrkamp (2010 [1986]), S. 203–217, hier S. 213.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"96","referencetext":"Ein wieder anderes Register erkenne ich in Witzen über den Weltuntergang, wie es innerhalb der Materialsammlung bei Geiersturzflug<\/i> (1983) hörbar wird (S. V\/2). Aber auch der damalige US-Präsident, Ronald Reagan, hat sich in diesem komisch-apokalyptischen Register bewegt: »My fellow Americans, I’m pleased to tell you today that I’ve signed legislation that will outlaw Russia forever. We begin bombing in five minutes.« So Reagan am 11. August 1984. Vgl.
https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2014\/aug\/14\/ronald-reagan-bombing-russia-joke-archive-1984<\/a>.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"97","referencetext":"Christoph Ransmayr: Strahlender Untergang: Ein Entwässerungsprojekt oder Die Entdeckung des Wesentlichen<\/i>, Frankfurt am Main: S. Fischer (2000 [1982]), hier S. 35, Vers 6.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"98","referencetext":"Christoph Ransmayr: Strahlender Untergang: Ein Entwässerungsprojekt oder Die Entdeckung des Wesentlichen<\/i>, Frankfurt am Main: S. Fischer (2000 [1982]), hier S. 57, Vers 8.","referenceposition":"4"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"26","blog_listelementid":"89","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"38","replicheadline":"Über die verschiedenen Tonlagen des Weltendes","replictext":"
margin-left:15pt<\/a>\">»Es gehört zur Endlichkeit aller Menschen, daß sie ihre jeweils eigene Lage für wichtiger ansehen und ernster nehmen, als alle vorangegangenen Lagen es gewesen seien. Aber man sollte sich davor hüten – gerade im Hinblick auf die Lehre vom Jüngsten Gericht –, diese überzogene Selbsteinschätzung der Menschen nur als perspektivischen Irrtum abzutun. Gerade wenn es darauf ankommt, auch nur das Überleben zu sichern, könnte es sein, daß sich viele Entscheidungen als Letztentscheidungen herausstellen.«1<\/sup><\/div> Leser*innen aus dem Jahr 2020 lässt dieses Zitat vielleicht an ihre aktuelle Lage denken; an die Zeit, als Europa eines der Epizentren einer tödlichen Pandemie bildet. Die Rede von »Entscheidungen als Letztentscheidungen« und davon »Überleben zu sichern« ist im Frühling dieses Jahres unerwartet gegenwärtig. Das vorangestellte Zitat, einem kurzen Text Reinhart Kosellecks entnommen, datiert jedoch aus dem Jahr 1986 und damit aus eben jenem Jahrzehnt, aus dem auch die meisten Materialien stammen, die das Kapitel Apokalypse<\/i> von cache 01:<\/i> Gegen<\/i>|<\/i>Wissen<\/i> versammelt. Als Literaturwissenschaftler fällt mir bei der Durchsicht dieser Materialien vor allem ein bestimmter Tonfall auf. Viele der Quellen, ob sie nun um den Atomkrieg, das Ozonloch oder das Waldsterben kreisen, evozieren Warnungen, protestieren und versetzen Leser*innen in Unruhe. Sie wollen, so mein Eindruck, mit sprachlich-visuellen Mitteln eine drohende Katastrophe abwenden. Mit Koselleck gesprochen sind sie von einem unmittelbaren Engagement geprägt, »das Überleben zu sichern« und Entscheidungen der politisch Mächtigen als »Letztentscheidungen« zu enthüllen.In den 1980er Jahren, in denen diese Quellen publiziert wurden, ist die Apokalypse noch in einer ganz anderen Tonlage präsent. Christoph Ransmayrs erzählerisches Debüt Strahlender Untergang<\/i> (1982) zeigt, dass neben der überwiegend alarmierenden Diktion der in Gegen|Wissen<\/i> versammelten Materialien, und neben dem analysierenden Ton von Kosellecks Studie zur »apokalyptischen Zeitverkürzung« Reflexionen zur Apokalypse zeitgleich auch in poetischen Registern evoziert wurden. Hierfür beispielhaft heißt es bei Ransmayr:2<\/sup>
margin-left:15pt<\/a>\">»Was liegt näher, als eine Existenz, die ihren Anfang unter der Sonne nahm, auch unter der Sonne wieder verschwinden zu lassen? Was liegt näher, als ein wäßriges Wesen, das sich den Blick auf das Wesentliche mit Gerümpel verstellt, unter Entzug aller Ablenkung zu entwässern, damit es wenigstens im raschen Verlauf seines Untergangs zum erstenmal Ich<\/i> sagen kann? Ich, und dann nichts mehr Das Projekt der Neuen Wissenschaft, geehrte Herren, die organisierte Form des Verschwindens, stellt alles her, was herzustellen ist, und bringt, was sich herstellt, zum raschen Verschwinden«3<\/sup><\/div> In Versen und einem freien Metrum gehalten, berichtet hier ein nicht näher bestimmter Vertreter der »Neuen Wissenschaften« von dem Vorhaben, den Untergang der Menschheit geordnet herbeiführen. Abweichend von so vielen Erzählungen vom Weltende, in denen dieses – ausgelöst durch einen Zufall oder menschlichen Fehler – schlagartig hereinbricht, soll es in Strahlender Untergang<\/i> schrittweise, im Rahmen einer kontrollierten wissenschaftlichen Versuchsanordnung herbeigeführt werden. Zu lesen ist Ransmayrs Projekt vielleicht als eine Wissenschaftskritik: in dem Sinne, dass es den Wunsch der Wissenschaften nach einer Kontrolle über die Natur ins Absurde übersteigert. Ich möchte Strahlenden Untergang<\/i> aber zumindest auch als ein erzählerisches Experiment nehmen; als einen Text, der mit literarischen Mitteln erforscht, wie sich der Moment der Apokalypse erzählen lässt. Wie könnte es sich anfühlen, wenn das Weltende über jeden Einzelnen von uns hereinbricht?
margin-left:15pt<\/a>\"><\/div>
margin-left:15pt<\/a>\">»Jetzt bin ichdie hypertone Entwässerung,ich bin der Anstieg des Hämatokrits, ich bin die Verkleinerung des Volumens aller Zellen, die Verringerung der Sauerstofftransportkapazität, die Konzentration der Natriumlösung und des Chlorids, ich bin die rasend gesteigerte Herzfrequenz, die Weitstellung aller Gefäße, die Eindickung des Bluts und die osmotische Konzentrationsverschiedenheit im Gehirn. Ich bin der Zusammenbruch der Thermoregulation, ich bin der allesumfassende Verlust. Ich konzentriere mich in allem und werde weniger.«4<\/sup><\/div> Vor der Folie der in dem Kapitel Apokalypse<\/i> zusammengetragenen Materialien ist auffällig, dass der Weltuntergang hier stilistisch eine völlig andere Temperatur bekommt. Ransmayrs Entscheidung für die (auch in den 1980er Jahren) unmoderne Form der Verserzählung zielt darauf ab, sich von den politisch-agitatorischen Redeweisen dieser Jahre abzugrenzen. Er entrückt die Apokalypse aus allen zeitpolitischen Debatten und lässt sie zu einem Probierstein der Erzählkunst werden. Egal wie man das Gelingen dieses narrativen Experiments bewerten möchte, sein Vorhandensein allein erhärtet, dass die Herausgeber*innen ein dominantes Diskursmuster der 1980er Jahre freilegen, das zeitgleich über verschiedene Bereiche – Wissenschaft, Kunst, Hi-Lo sowie disparate ästhetische Register – hinweg hörbar bleibt. Literaturgeschichtlich betrachtet rückt ausgehend von Strahlender Untergang<\/i> ein ganzes Cluster literarischer Werke in den Blick, deren Dreh- und Angelpunkt die Apokalypse ist. Nicht zufällig ist Ransmayrs Motto einer der schillerndsten apokalyptischen Erzählungen nach 1945 entnommen, Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow<\/i> (1973), die eben nicht nur Ransmayr inspirierte, sondern auch Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten<\/i> (1995), in dem sich wiederum entfernte Echos auf die Umweltschutzbewegung der 1980er Jahre vernehmen lassen. Die Geschichte der literarischen Versuche, das Weltende darzustellen, ließe sich problemlos weitererzählen.","replicauthor":"Robert Leucht, Lausanne","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Leucht_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Apokalypse","chapterid":"15","partid":"2","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"25","blog_title":"Symbiose","blog_date":"2020-08-18","blog_author":"Hans-Jörg Rheinberger","blog_leadtext":"1990 ver­öf­f­ent­lich­te Michel Ser­res sein Welt-Mani­fest unter dem Titel Le Con­t­rat natu­rel<\/i>.1<\/sup> Man kann es lesen als die Apo­theo­se der ers­ten gro­ßen poli­ti­schen Umwelt­be­we­gung, die in den 1970er und 1980er Jah­ren ganz Euro­pa erfass­te...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"25","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"32","referencetext":"Michel Serres: Le Contrat naturel<\/i>, Paris: François Bourin (1990).","referenceposition":"1"},{"referenceid":"33","referencetext":"Michel Serres: Le Contrat naturel<\/i>, Paris: François Bourin (1990), S. 67.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"34","referencetext":"Michel Serres: Le Contrat naturel<\/i>, Paris: François Bourin (1990), S. 67.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"35","referencetext":"Michel Serres: Le Contrat naturel<\/i>, Paris: François Bourin (1990), S. 34.","referenceposition":"4"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"25","blog_listelementid":"88","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"26","replicheadline":"Symbiose","replictext":" 1990 veröffentlichte Michel Serres sein Welt-Manifest unter dem Titel Le Contrat naturel<\/i>.1<\/sup> Man kann es lesen als die Apotheose der ersten großen politischen Umweltbewegung, die in den 1970er und 1980er Jahren ganz Europa erfasste. Und es steht zugleich am Anfang dessen, was wir heute als die Anthropozän-Bewegung wahrnehmen. In den zentralen Passagen des Buches vergleicht Serres den Naturvertrag mit einem »Vertrag der Symbiose: der Symbiont achtet das Recht des Wirtes, während der Parasit – unser gegenwärtiger Zustand – denjenigen zum Tode verurteilt, den er ausbeutet, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er sich damit am Ende selbst dazu verdammt, unterzugehen. Der Parasit nimmt alles und gibt nichts; der Wirt gibt alles und bekommt nichts. Das Recht der Beherrschung und des Eigentums reduziert sich auf den Parasitismus. Im Gegensatz dazu definiert sich das Recht der Symbiose durch Gegenseitigkeit: So viel wie die Natur dem Menschen gibt, so viel muss er ihr zurückgeben, die nun zum Rechtssubjekt geworden ist.«2<\/sup>
Symbiose ist dabei nicht zu verstehen als der Inbegriff eines geselligen Zusammenlebens. Sie ist hier vielmehr der Kampfbegriff für die Gestaltung eines neuen Zeitalters, das auf einer menschheitsgeschichtlich entscheidenden Passage beruht: der »Passage vom Lokalen zum Globalen«.3<\/sup> Serres zufolge verdankt die Menschheit diese Passage der Konstruktion »jener Artefakte, die mindestens in einer ihrer Dimensionen – Zeit, Raum, Geschwindigkeit, Energie – auf der Stufe des Globus stehen«.4<\/sup> Dazu zählen etwa der nukleare Abfall (Zeit), das Internet (Raum), die Satelliten (Geschwindigkeit) und die Atombombe (Energie). Sie machen ein Welt-Handeln erforderlich, mit dem sich die Menschheit in dieser Form noch nie konfrontiert sah. Ebenfalls auf der Stufe des Globus stand und steht – und ist hier hinzuzufügen – der Holocaust.
Mit diesen Welt-Dingen ist die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg groß geworden. An ihnen hat sie sich abgearbeitet, vor ihnen hat sie sich versteckt – in jene »Netzwerke des guten, kleinen Lebens«, die in Gegen|Wissen<\/i> zur Sprache kommen. Einer neuen Generation wird ein solches Verstecken nicht mehr gelingen.
Es ergibt sich daraus ein Paradox. Sowohl die Rückzugsformen ins kleine, lokale Leben als auch die Projektionen einer neuen, globalen Welt-Ordnung berufen sich auf einen Begriff, dessen Prägung zwar auf das späte 19. Jahrhundert zurückgeht – er findet sich erstmals bei dem Flechtenforscher Heinrich Anton de Bary (1831–1888) –, ein Begriff, der aber seine evolutionsbiologische Adelung erst durch die von Lynn Margulis (1938–2011) vorangetriebene evolutionäre Endosymbionten-Theorie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts fand. So wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Charles Darwins Evolutionstheorie die Stichworte für weitreichende soziale Phantasmen lieferte – Konkurrenz und Überleben des Stärkeren – so ist es ein Jahrhundert später wieder ein Begriff aus der Biologie, der mobilisiert wird, um ein Unbehagen an einer Kultur zu artikulieren, die bis heute nicht aufgehört hat, sich vom Erbe des 19. Jahrhunderts zu lösen.
Bleibt als Frage: Warum diese begrifflichen Anleihen? Als wäre nicht die menschliche Lebenswirklichkeit aus einem Stoff gemacht, der sich weder unter die Physik noch unter die Biologie subsumieren lässt? Sapere aude<\/i>, bildet eigene Begriffe, möchte man all den selbsternannten Biologisten philosophischer und anthropologischer Couleur entgegenrufen, die gegenwärtig in diesen trüben Wassern fischen. Michel Serres ist sich dieser Falle sehr wohl bewusst gewesen: Er hat zugleich den Versuch unternommen, mit einer begrifflichen Inversion (Naturvertrag)<\/i> auf das Dilemma aufmerksam zu machen, dem hier nicht zu entkommen ist, und das konzeptuell den entgegengesetzten Weg beschreitet. Er bedient sich nicht nur eines biologischen – Symbiose –, sondern zugleich eines eminent sozial konnotierten Begriffs – Vertrag –, um ein neues Naturverhältnis zu begründen.
","replicauthor":"Hans-Jörg Rheinberger, Berlin","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Rheinberger_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Symbiosen","chapterid":"19","partid":"9","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"21","blog_title":"Crisi della ragione","blog_date":"2020-08-12","blog_author":"Onur Erdur","blog_leadtext":"Zum Stich­wort »Kri­se der Ver­nunft« mel­det sich prompt der ita­lie­ni­sche Schrift­s­tel­ler und Tau­send­sas­sa Umber­to Eco aus dem cache. Pas­sen­derwei­se heißt sein Arti­kel, der 1985 in der Zeit­schrift Mer­kur<\/i> erschi­en...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"21","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"122","referencetext":"Umberto Eco: »Über die Krise der Krise der Vernunft«, in: Merkur<\/i> 39\/436 (1985), S. 530–535.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"123","referencetext":"Umberto Eco: »Über die Krise der Krise der Vernunft«, in: Merkur<\/i> 39\/436 (1985), S. 530–535, hier S. 530.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"124","referencetext":"Umberto Eco: »Über die Krise der Krise der Vernunft«, in: Merkur<\/i> 39\/436 (1985), S. 530–535, hier S. 530.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"125","referencetext":"Aldo Gargani (Hg.): Crisi della ragione<\/i>, Turin: Einaudi (1979).","referenceposition":"4"},{"referenceid":"126","referencetext":"Umberto Eco: »Über die Krise der Krise der Vernunft«, in: Merkur<\/i> 39\/436 (1985), S. 530–535, hier S. 530. ","referenceposition":"5"},{"referenceid":"127","referencetext":"Umberto Eco: »Über die Krise der Krise der Vernunft«, in: Merkur<\/i> 39\/436 (1985), S. 530–535, hier S. 530–531.","referenceposition":"6"},{"referenceid":"128","referencetext":"Umberto Eco: »Über die Krise der Krise der Vernunft«, in: Merkur<\/i> 39\/436 (1985), S. 530–535, hier S. 531.","referenceposition":"7"},{"referenceid":"129","referencetext":"Umberto Eco: »Über die Krise der Krise der Vernunft«, in: Merkur<\/i> 39\/436 (1985), S. 530–535, hier S. 531. ","referenceposition":"8"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"21","blog_listelementid":"85","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"46","replicheadline":"Crisi della ragione","replictext":"Zum Stichwort »Krise der Vernunft« meldet sich prompt der italienische Schriftsteller und Tausendsassa Umberto Eco aus dem cache. Passenderweise heißt sein Artikel, der 1985 in der Zeitschrift Merkur<\/i> erschien, »Über die Krise der Krise der Vernunft«.1<\/sup> Es handelt sich bei dem Text um eine mehr oder weniger ernste Auseinandersetzung mit dem sehr ernst gemeinten zeitgenössischen Befund, »dass die Vernunft heute nicht mehr in der Lage sei, die Welt, in der wir leben, zu erklären, und dass wir dafür auf andere Instrumente zurückgreifen müssten«.2<\/sup> Bei der Lektüre wird schnell klar: Eco hatte seine Probleme mit diesem Krisenbefund, der damals in Zeitschriften und Feuilletons seine Bahnen zog, und er reagierte darauf mit dem für ihn so charakteristischen Humor. Hier eine Kostprobe: Weil bedauerlicherweise nicht näher angegeben werde, welche anderen Instrumente in Frage kämen, sei es einem selbst überlassen, die Lücke zu füllen und »an das Gefühl zu denken, den Rausch, die Poesie, das mystische Schweigen, einen Öffner für Sardinendosen, den Hochsprung, den Sex oder intravenöse Injektionen von Geheimtinte. Noch bedauerlicher ist, dass zwar jedes dieser Instrumente der Vernunft gegenübergestellt werden könnte, aber jede dieser Oppositionen eine unterschiedliche Definition von Vernunft implizieren würde.«3<\/sup>
Leider findet sich bei Eco selbst kein Vorgeschmack darauf, wie man sich die alternative Rationalität eines Sardinendosenöffners vorzustellen hat. Stattdessen knüpft er sich das Buch vor, das die ganze Debatte in Italien ausgelöst hat und auch passenderweise Crisi della ragione<\/i> heißt.4<\/sup> Das von Aldo Gargani herausgegebene Buch entpuppt sich bei näherer Betrachtung als relativ vernünftig. Es spricht bloß von den Krisen eines »klassisch« genannten Modells von Vernunft, was auch immer dieses »klassisch« bezeichnen mag. Die vorgeschlagenen Alternativen – darunter auch Carlos Ginzburgs hypothetisches Verfahren qua Indizien, das sich der deduktiven Vernunft entgegenstellt – bewegen sich immer noch auf dem Terrain des Rationalen und Vernünftigen. Ein Grund zur Freude für Eco. Er findet im Buch durchaus brauchbare »Definitionen einer nicht-klassischen, rationalen Einstellung, die es uns ermöglichen, uns in der Realität zu bewegen, ohne die Aufgaben der Vernunft ans Delirium oder die Leichtathletik zu delegieren«. Es gehe nicht darum, die Vernunft zu morden, sondern darum, die falschen Argumente unschädlich zu machen und den Begriff der Vernunft von dem der Wahrheit zu unterscheiden. »Aber diese ehrenwerte Arbeit nennt sich nicht Hymne an die Krise. Sie nennt sich, seit Kant, ›Kritik‹. Bestimmung der Grenzen.«5<\/sup>
Also Kritik anstatt Krise. Nachdem dies ganz im Sinne Kants richtiggestellt ist, folgt die Zerstörung der Krise. Die »Krise der Vernunft« ist für Eco nämlich ein einziger »sprachlicher Krampf« (da muss man ihm wirklich zustimmen), der dazu nötigt, nicht so sehr die Vernunft zu definieren, sondern vielmehr den Begriff von Krise. Der inflationäre und wahllose Gebrauch des Krisenbegriffs ist für ihn »ein Fall von verlegerischem Krampf«. Die Krise verkaufte sich gut, und sie kam zu Ecos Zeiten auch selten allein: »Krise der Religion, des Marxismus, der Abbildtheorie, des Zeichens, der Philosophie, der Ethik, der Freudschen Psychoanalyse, der Existenz und des Subjekts (ich übergehe andere Krisen, von denen ich nichts verstehe, auch wenn ich darunter zu leiden habe, wie die der Lira, des Wohnungsmarktes, der Familie, der Institutionen und des Erdöls).«6<\/sup> Was stemmt Eco dieser Pluralisierung der Krisen entgegen? Natürlich einen Witz. Hier Kostprobe Nr. 2: »Gott ist tot, der Marxismus steckt in der Krise, und auch mir geht es nicht besonders gut.«7<\/sup>
Eco rührt damit an etwas Grundsätzlichem: Lässt sich das Problem der Vernunft (so wie die Erdöl- oder Industriekrise usw.) mit einem ereignisbezogenen Krisenbegriff angemessen beschreiben? Gewiss gab es um 1980 Tendenzen in- und außerhalb der Wissenschaften, die darauf schließen lassen, »dass der Zeitgeist, das zeitgenössische Bewusstsein irgend etwas Neues mit ›Vernunft‹ im Schilde« führte (Siegfried Unseld). Sowohl die erwähnten neuen Wissensträger (Hexen, Kelt*innen, Schaman*innen, Hebammen, Ethnolog*innen, Gurus, Dalais, Indianer*innen, Neurechte usw.) als auch ihre entsprechenden Bewusstseinszustände (Magie, Rausch, Intuition, Sinnlichkeit, Irrationales, Gefühle) sind für diese Schlussfolgerung die besten Referenzen. Aber die »Vernunftkrise, ca. 1980« war eben keine Krise, weder im medizinischen noch im politischen Sinne des Wortes. Sie war weder »Fieber« noch ein »Ereignis«, mit dem entweder eine Änderung zum Besseren oder zum Schlechteren eintritt. Schon gar nicht war sie ein Moment für letzte Urteile. Wenn überhaupt, so war sie die longue durée<\/i> einer im Denken selbst angelegten Diskussion (z.B. die Grenzen des Denkens zu bestimmen). Mit Eco lässt sich resümieren: Wer in den Jahren 1980 die Krise der Vernunft und anderer intellektueller Aggregatzustände entdeckte, hatte offenbar bewundernswert ungenaue Vorstellungen von der Kontinuität dieser Diskussion. Auch für diese Ungenauigkeit hat Eco einen Witz parat, wenn er die Anekdote jenes Studenten anführt, der über Caesars Tod geprüft wird: »Wieso? Ist er tot? Ich wusste ja nicht mal, dass er krank war!«8<\/sup>
","replicauthor":"Onur Erdur, Berlin","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Erdur_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Krise der Vernunft","chapterid":"13","partid":"9","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"22","blog_title":"Magisches Denken","blog_date":"2020-08-12","blog_author":"Magaly Tornay","blog_leadtext":"Die Hexen und Scha­ma­nen sind zurück. Und mit ihnen die Zau­ber­trän­ke, magi­schen Pil­ze, Aya­hua­s­ca-Ret­reats, die Wild­nis und Wäl­der, die Mythen und Mär­chen, die Suche nach Trans­zen­denz oder immer­hin mind­ful­ness<\/i>...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"22","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"130","referencetext":"Mit Rupert Sheldrake, einem der »abtrünnigen Naturwissenschaftler« des Kapitels »Krise der Vernunft«.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"131","referencetext":"Peter Brügge: »›Kehrt wieder, Kelten, wir brauchen euch‹«, in: Der Spiegel<\/i> 38 (1984), S. 240–247, hier S. 247.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"132","referencetext":"»Durst nach Mythen« (o.V.), in: Der Spiegel<\/i> 40 (1982), S. 262.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"133","referencetext":"Flugschrift von Herbert Röttgen und Christiane Thurn, zit. in Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf: Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren<\/i>, Göttingen: Wallstein (2016) (= Geschichte der Gegenwart, Bd. 11), S. 315.","referenceposition":"4"},{"referenceid":"134","referencetext":"Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte 1960–1990<\/i>, München: C.H Beck (2015), S. 199–200. ","referenceposition":"5"},{"referenceid":"135","referencetext":"»10 Jahre Trikont«, zit. in Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf: Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren<\/i>, Göttingen: Wallstein (2016) (= Geschichte der Gegenwart, Bd. 11), S. 314. ","referenceposition":"6"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"22","blog_listelementid":"86","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"47","replicheadline":"Magisches Denken","replictext":"Die Hexen und Schamanen sind zurück. Und mit ihnen die Zaubertränke, magischen Pilze, Ayahuasca-Retreats, die Wildnis und Wälder, die Mythen und Märchen, die Suche nach Transzendenz oder immerhin mindfulness<\/i>. Eine Veranstaltung zum »Mysterium des Bewusstseins« lockte Anfang dieses Jahres mühelos über fünfhundert Interessierte nach Luzern, es wurde meditiert, über Neurowissenschaften und parapsychologische Grenzphänomene1<\/sup> diskutiert, und elegante Damen erkundigten sich in der Pause nach Möglichkeiten, an Psilocybin-Experimenten teilzunehmen. Die 1980er Jahre scheinen, in neuer Verpuppung, wieder en vogue<\/i> – zumindest ihre Sehnsucht, die Grenzgebiete des Wissens auszuloten. Die damit verbundenen Praktiken wirken heute jedoch harmloser, apolitischer und eng an eine zeitgenössische Idee des bewussten Konsums geknüpft. Mikrodosiert und in Spa-ähnlichen Settings vermischen sich Selbsterfahrung und Sinnsuche mit einer umfassenderen Arbeit am gesunden, ausbalancierten Selbst. Die Ästhetik hat sich gewandelt, und an die Stelle der Zivilisations- und Kapitalismuskritik ist eine Skepsis gegenüber Schulmedizin und industrialisierter Ernährung getreten.
Im Nebel des New Age, der seit den ausgehenden 1970er Jahren immer breitere Kreise der ehemaligen Neuen Linken erfasste, fanden Ideen und Faszinationen zusammen, die heute Ambivalenzen erzeugen: Emanzipatorisches und reaktionäres Denken verschwammen in grün-braunen Inszenierungen keltischer Prähistorie, das technisierte Discofieber mit seinem Strobolicht traf auf den esoterischen Körperrausch, und die Grenzen des Bewusstseins wurden in wilder Natur durchaus mittels synthetischer Stoffe aus dem Labor erkundet. Diese Kontraste konnten im fragmentierten Programm der esoterischen Antivernunft, von dem dieses Kapitel handelt, beinahe konfliktfrei nebeneinander laufen – wobei es laut Herbert Röttgen eben gerade darum ging, dass sich »in unserem Bewusstsein Verwirrung einstellt«.2<\/sup> Die Flucht vor der urbanen Betonwelt und revolutionären Kollektiven in individualisierte Lebensentwürfe, die den ruralen Rückzug in ferne Länder oder auf die Alm herbeifantasierten, ließe sich auch als Verlagsgeschichte schreiben. Das Programm des Münchner Verlagshauses Dianus-Trikont zieht sich denn auch als stiller Taktgeber durch das Kapitel. Es erlebte einen für die 1980er Jahre typischen Wandel: Entstanden aus der Dritte-Welt-Bewegung und der Neuen Linken, wandte es sich, als der »Schulterschluss mit den arbeitenden Massen« zu bröckeln begann, den »Ego-Trips einzelner Emanzipationsgruppen« zu, wie Der Spiegel<\/i> schrieb. Die esoterische Wende mündete schließlich in »Innenschau und Spiritualismus«;3<\/sup> Märchen, Magie, Mystik und Mythos wiesen den neuen Weg, der nicht nur von einer Pluralisierung der Themen geprägt war, sondern, unter anderem via Kelten, geradewegs zur »Heimat« führte. Explorationen des Archaisch-Fremden konnten auch in einer Suche nach dem Ursprünglich-Eigenen münden. So lautete das neue Verlagsmotto denn auch: »Wir sind konservativ geworden und revolutionär geblieben«.4<\/sup> Auch Merve plante damals für eine Nummer der TUMULT –<\/i> Zeitschrift für Verkehrswissenschaften<\/i> einen Waldspaziergang mit Ernst Jünger. Allerdings interessierte man sich offenbar nicht so sehr für den rechten, sondern für den kosmischen, den »Drogen-Jünger«.5<\/sup>
Das hier beschriebene Denken blieb im Kern auf ein Außerhalb angewiesen, das in Naturmetaphern gefasst wurde und im räumlichen und zeitlichen Anderswo lag. »Doch wo genau?«, fragt man sich unwillkürlich bei so viel Topografie und Territorialität. Im Wald, auf der Alm, bei den Kelten, in der Wildnis, im Lande des magischen Denkens? In »Dschinnistan«, einem Märchenreich, das zugleich weit weg und unmittelbar um uns herum liegt? Die Kritiker der Vernunft verorteten es zeitlich, in der keltischen Vorgeschichte, im kosmischen Jenseits der Bewusstseinsreisen und Trancen oder an den vergessenen, unwägbaren Rändern der Zivilisation, wo weder moderne Hochindustrie noch aufklärerische Rationalität hinreichten.
So passt es gut zu den sich verflüssigenden Ordnungen, dass auch Dianus-Trikont-Mitherausgeber Herbert Röttgen mit Naturmetaphern operierte: Sein Verlag sei ein »Wasserlandschaftsverlag«, durchzogen von »zahlreichen Strömen, die keineswegs alle in die gleiche Richtung fließen: bewaffnete Kampfflüsse, Indianderrinnsale, Männerbäche, Massenarbeitertümpel, ökologische Stauseen, Kinderquellen. [...] Wir einzelne schwimmen mit. [...] Einige von uns steigen auch hintereinander in mehrere Gewässer.«6<\/sup> Unter den Pflastersteinen lag nun, um 1980, vielleicht gar nicht mehr Sand, sondern flossen Bäche und wuchs Schimmel. Sous les pavés, le moisi<\/i>: das archaische Gegenwissen – ein Schimmelpilz, weder Pflanze noch Tier, der sogar Beton befällt.
","replicauthor":"Magaly Tornay, Zürich","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Tornay_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Krise der Vernunft","chapterid":"13","partid":"9","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"20","blog_title":"Das europäische Subjekt dekolonialisieren","blog_date":"2020-08-11","blog_author":"Rosa Eidelpes","blog_leadtext":"»Eth­no­lo­gie« war der Name für ein im wei­ten Sin­ne als anthro­po­lo­gisch<\/i> zu bezeich­nen­des Pro­jekt, näm­lich für ein Pro­jekt zur Selbst­be­f­rei­ung: Der Bef­rei­ung von den »ent­f­rem­de­ten« west­li­chen Welt- und Selbst­ver­hält­nis­sen und zur Inf­ra­ge­stel­lung der eige­nen Sub­jek­ti­vi­tät...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"20","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"46","referencetext":"Vgl. Hans-Jürgen Heinrichs: Erzählte Welt: Lesarten der Wirklichkeit in Geschichte, Kunst und Wissenschaft<\/i>, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (1996).","referenceposition":"1"},{"referenceid":"47","referencetext":"Vgl. Hans-Jürgen Heinrichs: Erzählte Welt: Lesarten der Wirklichkeit in Geschichte, Kunst und Wissenschaft<\/i>, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (1996), S. 16.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"48","referencetext":"Vgl. Herbert Marcuse: »Die neue Sensibilität«, in: ders.: Versuch über die Befreiung<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1969), S. 43–76.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"49","referencetext":"Dieter Haller: Die Suche nach dem Fremden: Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945–1990<\/i>, Frankfurt am Main: Campus (2012), S. 263.","referenceposition":"4"},{"referenceid":"50","referencetext":"Fritz Kramer: »Der Rand der akademischen Anthropologie: Ein Gespräch mit Fritz Kramer«, in: Trickster<\/i> 17 (1989), S. 56–72, hier S. 68.","referenceposition":"5"},{"referenceid":"51","referencetext":"Vgl. bspw. den Bericht von Andrea: »Göttingen 77«, in: Trickster<\/i> 1 (1978), S. 47–54, hier S. 48.","referenceposition":"6"},{"referenceid":"52","referencetext":"Hans Peter Duerr: »Über die Grenzen einer seriösen Völkerkunde oder: Können Hexen fliegen«, in: Unter dem Pflaster liegt der Strand<\/i> 3 (1975), in: ders.: Satyricon. Essays und Interviews<\/i>, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1985), S. 12–27, hier S. 17.","referenceposition":"7"},{"referenceid":"53","referencetext":"Ortrud Handke, Charlotte Rutz: »Unwissenschaftliches«, in: Ethnologen-Bulletin<\/i> 5 (1977), S. 46 –51, hier S. 48.","referenceposition":"8"},{"referenceid":"54","referencetext":"Ortrud Handke, Charlotte Rutz: »Unwissenschaftliches«, in: Ethnologen-Bulletin<\/i> 5 (1977), S. 46 –51, hier S. 49.","referenceposition":"9"},{"referenceid":"55","referencetext":"Vgl. in diesem Sinne bspw. Werner Petermann: »Nachträgliche Bemerkungen zu einigen der voranstehenden Texte«, in: mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">Prokrustes<\/i> 0 (1977), S. 29–30, hier S. 29.","referenceposition":"10"},{"referenceid":"56","referencetext":"Ulla Biernat: Ich bin nicht der erste Fremde hier: Zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945<\/i>, Würzburg: Königshausen & Neumann (2004) (= Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft), S. 106ff.","referenceposition":"11"},{"referenceid":"57","referencetext":"Fritz Kramer: Der rote Fes: Über Besessenheit und Kunst in Afrika<\/i>, Frankfurt am Main: Syndikat (1987), S. 236.","referenceposition":"12"},{"referenceid":"58","referencetext":"Vgl. Ulla Biernat: Ich bin nicht der erste Fremde hier: Zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945<\/i>, Würzburg: Könighausen & Neumann (2004), S. 107.","referenceposition":"13"},{"referenceid":"59","referencetext":"Dieselbe Stoßrichtung hat auch Hubert Fichtes literarisch-ethnografisches Großprojekt einer Geschichte der Empfindlichkeit<\/i>, vgl. Diedrich Diederichsen: »Sich entwickeln lassen: Durchlässigkeit statt Differenz«, in: ders., Anselm Franke, Haus der Kulturen der Welt (Hg.): Liebe und Ethnologie: Die koloniale Dialektik der Empfindlichkeit (nach Hubert Fichte)<\/i>, Berlin: Sternberg (2019), S. 18–23.","referenceposition":"14"},{"referenceid":"60","referencetext":"Vgl. Dieter Haller: Die Suche nach dem Fremden: Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945–1990<\/i>, Frankfurt am Main: Campus (2012),<\/i> S. 268ff.","referenceposition":"15"},{"referenceid":"61","referencetext":"Vgl. Leo Frobenius: Paideuma: Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre<\/i>, München: C.H. Beck (1921), S. 17.","referenceposition":"16"},{"referenceid":"62","referencetext":"Vgl. in diesem Sinne Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt: Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne<\/i>, Weilerswist: Velbrück (2006).","referenceposition":"17"},{"referenceid":"63","referencetext":"Vgl. Fritz Kramer: Der rote Fes. Über Besessenheit und Kunst in Afrika<\/i>, Frankfurt am Main: Syndikat (1987), S. 242.","referenceposition":"18"},{"referenceid":"64","referencetext":"Vgl. Gayatri Chakravorty Spivak: »Can the Subaltern Speak?« in: Cary Nelson, Lawrence Grossberg (Hg): Marxism and the Interpretation of Culture<\/i>, Chicago: University of Illinois Press (1988), S. 273–316.","referenceposition":"19"},{"referenceid":"65","referencetext":"Vgl. Ute Holl: »Postkoloniale Resonanzen«, in: Archiv für Mediengeschichte <\/i>11 (2011), S. 115–128.","referenceposition":"20"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"20","blog_listelementid":"84","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"32","replicheadline":"Das europäische Subjekt dekolonialisieren","replictext":"»Ich ist ein Skandal«, kritisiert der Ethnologe und Verleger Hans-Jürgen Heinrichs in seinem Essay Erzählte Welt<\/i> (1996), versklavt durch die »Systeme der Vernunft und Ratio, der Technik und Technologie«.1<\/sup> Sein Desiderat: Ein neues, <\/i>hybrides Subjektverständnis und ein Subjekt mit dem Willen, »über die Reflexion hinauszugehen, in die Dimension der Phantasie, des Entwurfs, der Vision vorzudringen und sich zu sensibilisieren für alle gedanklichen, emotionalen und physikalischen Veränderungen in der Welt«.2<\/sup>
Heinrichs bringt hier im Nachhinein den Zeitgeist der späten 1970er und frühen 1980er auf den Punkt, der ganz im Zeichen von Vernunft- und Wissenschaftskritik und der Suche nach einem Subjekt mit »neuer Sensibilität«3<\/sup> stand. Der kurzzeitige Erfolg seines 1980 gegründeten, auf unorthodoxe ethnologische Publikationen spezialisierten Qumran Verlags steht exemplarisch für die leitwissenschaftliche Rolle, die der Ethnologie dabei zukam: Mitte der 1970er Jahre stiegen in Deutschland, der Schweiz und in Österreich das Interesse und die Studierendenzahlen der bis dato kleinen Disziplin enorm.4<\/sup> Im studentischen Milieu und in der Nähe zur linken Alternativszene entstand eine ethnologische »Sub- bzw. Gegenkultur«,5<\/sup> die sich in »Ethnotreffs« organsierte und in selbstverlegten Zeitschriften im Fanzine-Stil der Pop- und Punkkultur sowie in den Publikationen linksalternativer Kleinstverlage wie Syndikat, Trikont und Heinrichs Qumran Verlag über die radikale, gesellschafts- und bewusstseinsverändernde Kraft einer »alternativen« Ethnologie reflektierte.6<\/sup> Die Entwürfe zu dieser »alternativen« Ethnologie trugen utopische Züge. Der Philosoph und Ethnologe Hans Peter Duerr, der mit seinem Buch Traumzeit: Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation<\/i> (1978) einen weit über die Fachgrenzen hinaus rezipierten Bestseller vorlegte, forderte eine neue Art des ethnologischen »Verstehens«, das »etwas ganz anderes [wäre] als Übersetzen, es wäre nicht die Zurückführung des Fremden auf ein Bekanntes [...], vielmehr das Ergebnis der Initiation in eine fremde Lebensform.«7<\/sup> Und im Züricher Ethnologen-Bulletin<\/i> von 1977 skizzieren die Studentinnen Ortrud (Handke) und Charlotte (Rutz) ihre Vision einer »alternativen« Ethnologie als »Wissenschaft vom Menschen für den Menschen« die »keinen Platz hat für sogenannte »wissenschaftliche Objektivität«.8<\/sup> Ortrud, Charlotte und viele andere Studierende versprachen sich von der Ethnologie nicht nur Antwort auf die »Frage, was wir wissen oder was wir wissen werden, sondern wie wir leben und wie wir leben werden«.9<\/sup> »Ethnologie« war der Name für ein im weiten Sinne als mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">anthropologisch<\/i> zu bezeichnendes Projekt, nämlich für ein Projekt zur Selbstbefreiung: Der Befreiung von den »entfremdeten« westlichen Welt- und Selbstverhältnissen und zur Infragestellung der eigenen Subjektivität.10<\/sup>
Utopisch aufgeladen wurde insbesondere die ethnografische Feldforschungsreise: So viel Zeit wie möglich im Feld zu verbringen und so nah wie möglich am Leben der studierten Gesellschaften teilzunehmen galt nicht nur zunehmend als Grundbedingung für die moderne ethnologische Arbeit, sondern auch als Chance für eine Grenzerfahrung, in deren Zuge die europäische Subjektivität und kulturelle Identität kritisch hinterfragt und aufgebrochen werden konnte.11<\/sup> In der Begegnung mit der fremden Kultur sollte der\/die Ethnolog*in einen Prozess der Selbst-Entfremdung durchlaufen in Form einer »Erfahrung des Irritiertseins, ja sogar des Überwältigt- und Ergriffenwerdens, die sehr genau den passiones<\/i> der afrikanischen Fremdbesessenen entspricht [...].«12<\/sup> Besessenheitskulte, schamanistische Praktiken und Trancerituale wurden zur zentralen Referenz bei der theoretischen Rekonfiguration des als eurozentrisch kritisierten, Hegelschen Modells der Subjektwerdung und zur Blaupause im Versuch einer neuen »dialektischen Verschränkung von Identität und Alterität«,13<\/sup> in der das Subjekt sich das fremde Gegenüber nicht mehr rationalisierend aneignete, sondern sich im Gegenteil selbst der fremden Wirklichkeit passiv aussetzte.14<\/sup>
Die Forderung nach einem in hohem Grade affizierbaren, rezeptiven und sensitiven ethnologischen Subjekt knüpfte an ältere »romantische« ethnologische Traditionen an,15<\/sup> insbesondere an Leo Frobenius‘ Stilisierung des Ethnologen zum Avantgardesubjekt mit gesteigerter Fähigkeit zum Sehen, Fühlen und Hören.16<\/sup> Sie ist darüber hinaus unschwer als Ausdruck eines kollektiven Begehrens lesbar, in der intellektuell und moralisch engen Nachkriegsgesellschaft die Grenzen eines als problematisch erlebten, europäischen Subjekts zu weiten und es in einer globalisierten Welt auf neue Art und Weise mit der Außenwelt in Verbindung zu bringen. Rückblickend scheint sich die ethnologische Flexibilisierung westlicher Subjektgrenzen in die neoliberalen Umstrukturierungen der Arbeitsmarkt- und Subjektpolitiken einzufügen.17<\/sup> Aber nicht alle Fluchtlinien des ethnologischen Experiments, sich durch Mimesis »an etwas an, das man nicht ist und auch nicht sein soll«18<\/sup> der dialektischen Arbeit am Subjekt zu entziehen, sind im Neoliberalismus aufgegangen. Die »alternative Ethnologie« muss sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, dass in der Umkehrung der Hegelschen Dialektik das Andere<\/i> – in Form der »fremden Kultur« – zur Quelle von Differenz stilisiert wurde19<\/sup> und die Versuche, das eurozentrische Subjektmodell zu dekolonialisieren<\/i>, letztlich doch der Sinnlichkeit20<\/sup> eben dieses Subjekts verhaften blieben.
","replicauthor":"Rosa Eidelpes, Wien","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Eidelpes_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Krise der Vernunft","chapterid":"13","partid":"9","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"17","blog_title":"Das Öko-Institut im transatlantischen Kontext","blog_date":"2020-08-04","blog_author":"Daniel Eggstein","blog_leadtext":"»Sue the bas­tards!«, rief Vic­tor J. Yan­na­co­ne den Demon­s­trant*innen auf einer Ver­an­stal­tung am 22. April 1970 an der Michi­gan Sta­te Uni­ver­si­ty im Rah­men des Earth Days zu, der ers­ten lan­des­wei­ten Pro­test­ak­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Umwelt­be­we­gung...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"17","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"99","referencetext":"Victor J. Yannacone: »Sue the Bastards«, in: Environmental Action (Hg.): mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">Earth Day – The Beginning: A Guide for Survival<\/i>, New York: Bantam Books (1970), S. 179–195.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"100","referencetext":"Vgl. Adam Rome: mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">The Genius of Earth Day: How a 1970 Teach-In Unexpectedly Made the First Green Generation<\/i>, New York: Hill and Wang (2013), S. 209f.; Robert Gottlieb: mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">Forcing the Spring: The Transformation of the American Environmental Movement<\/i>, Washington, D.C.: Island Press 1993, S. 170f. ","referenceposition":"2"},{"referenceid":"101","referencetext":"Vgl. Stephan Milder: »Between Grassroots Activism and Transnational Aspirations: Anti-Nuclear Protest from the Rhine Valley to the Bundestag, 1974–1998«, in: mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">Historical Social Research<\/i> 39\/1 (2014), S.191–211; Michael L. Hughes: »Civil Disobedience in Transnational Perspective: American and West German Anti-Nuclear-Power Protesters, 1975–1982«, mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">Historical Social Research<\/i> 39\/1 (2014), S. 236–253.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"102","referencetext":"Interview mit Rainer Beeretz (25. März 2019); Interview mit Siegfried de Witt (27. November 2019).","referenceposition":"4"},{"referenceid":"103","referencetext":"Franz J. Schmid: »Eine geballte Ladung von Fachwissen«, in: Stuttgarter Zeitung<\/i> (10. Februar 1977); Hanno Kühnen: »Läßt der Tiger zu viele Haare? «, in: Die Zeit<\/i> (11. Februar 1977). ","referenceposition":"5"},{"referenceid":"104","referencetext":"Aufruf zur Gründung des Öko-Instituts 1977, Archiv Soziale Bewegungen (ASB), 12.2.0 IV.","referenceposition":"6"},{"referenceid":"105","referencetext":"Natural Resources Defense Council Records, MS 1965, Box 8. Manuscripts and Archives, Yale University Library; Unterlagen zur Vorstandssitzung des Öko-Instituts, 5. November 1977, Archiv des Öko-Instituts, Nachlass von Hans-Georg Otto (1977–1980).","referenceposition":"7"},{"referenceid":"106","referencetext":"Öko-Institut Vorstandsprotokoll 15. Juli 1981, Archiv des Öko-Instituts, Nachlass von Hans-Georg Otto (1981).","referenceposition":"8"},{"referenceid":"107","referencetext":"Öko-Institut: Ziele-Projekte-Personen, Dezember 1978, Archiv des Öko-Instituts, Gründungsunterlagen(1977–1983). ","referenceposition":"9"},{"referenceid":"108","referencetext":"Amory B. Lovins: »Energy Strategy: The Road Not Taken? «, in: Foreign Affairs <\/i>1 (1976), S. 65–96; ders.: Soft Energy Paths: Towards a Durable Peace,<\/i> New York: Harper & Row (1979); International Project for Soft Energy Paths (IPSEP) David Ross Brower Papers, BANC MASS 79\/9 c 31\/7, Bancroft Library, University of California, Berkeley.","referenceposition":"10"},{"referenceid":"109","referencetext":"Peter Hennicke, Jeffrey P. Johnson, Stephan Kohler, Dieter Seifried: mso-bidi-font-style:normal<\/a>\">Die Energiewende ist möglich: Für eine neue Energiepolitik der Kommunen<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer (1985).","referenceposition":"11"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"17","blog_listelementid":"77","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"39","replicheadline":"Das Öko-Institut im transatlantischen Kontext","replictext":"»Sue the bastards!«, rief Victor J. Yannacone den Demonstrant*innen auf einer Veranstaltung am 22. April 1970 an der Michigan State University im Rahmen des Earth Days zu, der ersten landesweiten Protestaktion der amerikanischen Umweltbewegung. »Industry and government can ignore your protests, ignore your picket signs […]«, erläuterte der junge Anwalt weiter, »but no one in industry or government ignores […] a summons and complaint.«1<\/sup> Yannacone arbeitete für den Environmental Defense Fund (EDF), eine der zahlreichen amerikanischen Umweltorganisationen, die um 1970 herum entstanden und die mit der engen Zusammenarbeit zwischen Jurist*innen, Wissenschaftler*innen und Bürgerinitiativen eine neue Phase der Umweltbewegung eingeläutet hatten.2<\/sup> Umweltwissen und alternative Szenarien wurden so zu einer wichtigen Ressource des politischen Umweltschutzes und veränderten die Koordinaten der Umweltbewegung grundlegend. Mit der Gründung des Öko-Instituts in Freiburg setzte sich das Modell des wissenschaftsbasierten Umweltschutzes auch in Deutschland durch. Die Voraussetzungen hierfür bildeten die transatlantischen Kontakte, die sich in Folge der Proteste um das geplante Kernkraftwerk in Wyhl ergaben. Im Dreiländereck gelegen, hatte der Protest von Beginn an eine internationale Komponente und wurde spätestens seit der Besetzung des Bauplatzes 1975 auch in den USA aufmerksam verfolgt.3<\/sup> Die Integration der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen in die globalen Netzwerke der Anti-Atomkraftbewegung sollte sich insbesondere bei der Suche nach wissenschaftlicher Unterstützung als nützlich erweisen. Während die amerikanische Anti-Atomkraftbewegung bereits auf eine Reihe von wissenschaftlichen Experten zurückgreifen konnte, hatte sich die Suche nach kundigen Sachverständigen in Deutschland als sehr mühsam herausgestellt.4<\/sup> In den Wyhl-Prozessen war es den Anwält*innen der Bürgerinitiativen meist nur mithilfe amerikanischer Sachverständiger gelungen, den Atomwissenschaftler*innen der Gegenseite in den Verhandlungen auf Augenhöhe begegnen zu können.5<\/sup> Folglich waren es die rechtlichen Vertreter*innen der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen, die ausgehend von dieser Erfahrung auf eine wissenschaftliche Professionalisierung nach amerikanischem Vorbild drängten und erste Kontakte etablierten.6<\/sup> Das Ergebnis war ein reger, transatlantischer Erfahrungsaustausch über Organisationsmodelle, wissenschaftliche Konzepte, bis hin zu finanziellen Aufbauhilfen, welcher die Gründungsphase des Öko-Instituts prägte.7<\/sup> Daran schloss sich eine facettenreiche wissenschaftliche Kooperation an, die die Vermittlung von Sachverständigen und gemeinsame Buch- und Forschungsprojekte umfasste.8<\/sup> Als besonders lohnend erwies sich der transatlantische Wissenstransfer jedoch im Feld der alternativen Energieforschung. Der Impuls für die »Energiewende-Studie« des Öko-Instituts ging auf die Kooperation mit dem amerikanischen Physiker und Mitarbeiter des Umweltverbandes Friends of the Earth (FOE) Amory B. Lovins zurück.9<\/sup> Dieser hatte mit seinem Buch Soft Energy Paths <\/i>die globale Debatte über eine alternative Energieproduktion angestoßen und ein internationales wissenschaftliches Netzwerk aufgebaut.10<\/sup> Auch der Leitgedanke einer dezentralen und demokratisch gestalteten Energiewende »von unten«, mit dem das Öko-Institut 1985 die Energiestudie fortgesetzt hatte, profitierte von der transatlantischen Zusammenarbeit.11<\/sup> Die »Energiewende-Studie« und ihre Entstehungsgeschichte deuten nicht nur die Bedeutung des transatlantischen Wissenstransfers für die frühe Umweltforschung an, sondern sie sind auch ein Indikator dafür, in welcher Form die Professionalisierung des Gegenwissens die Gestalt der Umweltbewegung veränderte. Die alternativen Szenarien der ökologischen Forschungsinstitute verdrängten in den 1980er und 1990er Jahren schrittweise die apokalyptisch geprägten Krisenanalysen der Umweltproteste und zeigten den Weg einer ökologischen Modernisierung auf.","replicauthor":"Daniel Eggstein, Konstanz","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Eggstein_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Protest","chapterid":"21","partid":"11","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"19","blog_title":"Gegenwissen-Abend Cabaret Voltaire","blog_date":"2020-08-04","blog_author":"","blog_leadtext":"»Gegenwissen: Von der Wissenschaftskritik zu ›alternativen Fakten‹?« Am 6. März 2019 fand die Auftaktveranstaltung unseres Gegenwissen-Projekt im Cabaret Voltaire, Zürich, statt – im Rahmen einer Abendveranstaltung des Zentrums für Geschichte der Wissens (ZGW).","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"19","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"},{"blog_dataid":"19","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"19","blog_listelementid":"79","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"Im Mitschnitt sind zu hören:
- Einführungen von Monika Dommann und Max Stadler
- Gespräch: Cornelia Hesse-Honegger, Reinhard Keil und Roland Stulz, moderiert von Niki Rhyner und Fabian Grütter.
"}]},{"blog_dataid":"19","blog_listelementid":"80","blog_listtype":"4","blog_listposition":"1","data":[{"blog_listelementid":"80","blog_medialink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/20190306_WiG17_Gegenwissen.MP3","blog_mediatype":"3","blog_mediasource":"Mitschnitt der Auftaktveranstaltung unseres Gegenwissen-Projekt im Cabaret Voltaire, Zürich, 6. März 2019.","blog_mediasourceheight":"0"}]},{"blog_dataid":"19","blog_listelementid":"81","blog_listtype":"3","blog_listposition":"2","data":[{"blog_imageid":"15","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/ZGW__2 small.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":""}]},{"blog_dataid":"19","blog_listelementid":"83","blog_listtype":"3","blog_listposition":"3","data":[{"blog_imageid":"17","blog_imagelink":"https:\/\/cache.ch\/dataupload\/epilog-u4_22.jpg","blog_imageposition":"0","blog_imagesource":"Nas­ta­sia Lou­veau, Live-Zeich­nung Abend­ver­an­stal­tung »Gegen­wis­sen: Von der Wis­sen­schafts­kri­tik zu ›alter­na­ti­ven Fak­ten‹?«."}]}]},{"blog_dataid":"18","blog_title":"Vergangenheit als cache","blog_date":"2020-07-31","blog_author":"Caroline Arni","blog_leadtext":"Frau und Natur, eine gefähr­li­che Kop­p­lung, zuerst hat­ten die einen damit die Unf­rei­heit der Frau­en gerecht­fer­tigt, bevor ande­re darin ihre Frei­heit begrün­de­ten. Bes­ser also: kei­ne Natur, nir­gends...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"18","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"45","referencetext":"Filmmaterial zum Frauenstreik 1991 findet sich online unter:
www.sozialarchiv.ch<\/a>.","referenceposition":"1"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"18","blog_listelementid":"78","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"30","replicheadline":"Vergangenheit als cache","replictext":" Es gibt zum Frauenstreik von 1991 ein schönes Filmdokument. Eine erste Einblendung macht die Ansage (»Der Aufstand gilt dem Patriarchat«), die Videokamera zeichnet Aktivitäten auf, der Kommentar spricht von Ungleichheiten in der Schweiz, Diskriminierung auf der Welt, Frauen auf der Flucht und ihrer Vernutzung für »Experimente in der Gentechnologie«. Im Schlusskommentar heißt es: »Nur solidarisches Handeln hilft im Widerstand gegen diese Gewalt, gegen die von den Machthabenden betriebene Bevölkerungspolitik und Gentechnologie, gegen Diskriminierung und Rassismus.«1<\/sup> Ich habe mir den Film im Frühling 2019 mit meinen Studierenden angesehen. In der Diskussion fiel vor allen anderen diese Frage: »Was hat Gentechnologie mit Feminismus zu tun?« Schlagartig war die historische Distanz ausgemessen, die einen Seminarraum der Gegenwart und das Geschehen von 1991 voneinander trennt. So groß ist sie, dass ein damals selbstverständlicher Zusammenhang unverständlich geworden ist, verschlüsselt durch Jahrzehnte, in denen sich biotechnologische Verfahren mit dem Alltag und den Biografien – mehr oder weniger – verhäkelt haben. Jedenfalls werden sie kaum mehr als Gewalt an Frauen wahrgenommen. Jahre sind vergangen, in denen Dystopien so wenig wahr geworden sind wie Utopien (oder sich eines von beiden weiter vorbereitet hat?). 1991 ist das Wort »Gentechnologie« ein Schibboleth. Es weist die aus, die Versprechen zu machen wissen, und die, die darin ein Verhängnis entdecken. Letztere sagen »Gen« und sprechen von Dingen, die gespalten, Zusammenhängen, die zerrissen, Vorgängen, die zerteilt werden, bis Fragmente bleiben, die für das Ganze gehalten werden. »Natur auf die Summe der Teile bringen«, nennt es 1988 die Vorstellungsbroschüre Gen-Archiv. »Technologie« heißt Einbruch, heißt Schneiden, Öffnen, Eindringen, Einpflanzen, Manipulieren, heißt Bemächtigung. Die Verfahren und Produkte tragen Namen, manchmal Abkürzungen, man kann sie auswendig lernen, bald wissen alle, wovon die Rede ist: Pränatale Diagnostik, IVF, Fruchtwasserpunktion, Präimplantationsdiagnostik, Eizellenspende, ICSI, Norplant. Nicht alles hat mit Genen zu tun, vieles mit Hormonen. Nicht nur Männer führen die Instrumente, auch Frauen, das kompliziert die Analysen. Aber immer sind es die Körper der Frauen, von denen die Verfahren ausgehen oder in die sie münden. Weil es ohne sie nicht geht, oder weil es ohne sie gehen soll. Vielleicht hat das eine – die Technologien – mit dem anderen – den Frauen – tatsächlich nichts mehr zu tun. (Oder wird nur die Frage nicht mehr gestellt?) 1991 war Gentechnologie ein Schibboleth, heute wird präzisiert: hier Gen, dort assistierte Reproduktion. Letzteres hat nur mehr wenig zu tun mit der ausgepressten Gebärmutter, aus der Eier purzeln, kraft der Gewalt der Hände, die sich an sie legen. (Oder doch?) Und in den Handlungen, die Laborant*innen und Ärzt*innen vornehmen, gewissenhaft, auch wenn sie an anderes denken – den Streit von gestern, die Besorgung, die nicht vergessen werden darf, die Pläne für das Wochenende – verwirklicht sich nicht die Fantasie einer mutterlosen Kinderproduktion, keine prometheische Hybris, kein narzisstisches Selbstfortsetzungsfantasma. (Oder doch?) Was genau liegt im cache? Nichts ist zufällig dort hängengeblieben, verbleibt zwischen verbraucht und benötigt, einmal da gewesen und nicht verloren gegeben, bereit zur Aktualisierung, nicht zufällig jetzt. 1988, 1991, 2019: Ist Vergangenheit ein cache? Man kann es ja ausprobieren: Was hat »Gentechnologie« mit Frauen zu tun? Das hieß mal (siehe cache): auseinanderhalten und auf den Kopf stellen. Auseinanderhalten: Hier der Naturvorgang, dort der technische Eingriff, hier die Frau in Erwartung, dort die Hand an der Gebärmutter. Auf den Kopf stellen: Die Frauen sind nicht die Abweichung, das Nachgemachte, das zerbrochene Modell, sondern die natürliche Form, das Ursprüngliche, der Ausgangspunkt – ganz zuerst ist jeder Frau. Das konnte nicht unwidersprochen bleiben: Frau und Natur, eine gefährliche Kopplung, zuerst hatten die einen damit die Unfreiheit der Frauen gerechtfertigt, bevor andere darin ihre Freiheit begründeten. Besser also: keine Natur, nirgends. Auch keine Frauen mehr: Wenn es sie nicht gibt, können sie nicht unterdrückt, entrechtet, diskriminiert werden. Eine elegante Formel. Nicht alle waren überzeugt, manche hielten sie für eine Falle. Zum Beispiel Carole Pateman, 1988 (The Sexual Contract)<\/i>: Wenn Frauen als Frauen unterdrückt werden, können sie nur als Frauen befreit werden. Dazu muss von ihren Körpern gesprochen werden, wie sich Begehrlichkeiten auf sie richten, auf das, was sie vermögen. Und das Sprechen von der Natur? Wenn es nicht wäre, wofür es heute gehalten wird (»Biologisierung«, »Essenzialisierung«)? Wovon handelt die feministische Natur im cache? Unit 1: Gegen. Unit 2: Sinnlichkeit. Unit 3: Zusammenhänge. Unit 4: Unseriosität. Unit 5: Anfänge. Unit 6: Zweifel. Unit 7: Positivismus. Oder auch: das Wort ergreifen, Prozeduren analysieren, Effekte identifizieren, Anmaßungen denunzieren, Wissensbestände revolutionieren. Versuch einer Antwort: Im cache ist Natur eine Weise, von Situationen zu handeln, in die Frauen versetzt werden. Bereit zur Aktualisierung, nicht zufällig jetzt. ","replicauthor":"Caroline Arni, Basel","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Arni_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Feministische Natur","chapterid":"10","partid":"8","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"16","blog_title":"Bauen Wohnen Leben","blog_date":"2020-07-30","blog_author":"Christian Reiß","blog_leadtext":"Bau­bio­lo­gie – oder bes­ser »Bau­en und Bio­lo­gie« – war auch in einem ande­ren Milieu das The­ma der Stun­de...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"16","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"73","referencetext":"Frei Otto: »Bauen und Biologie«, in: ders.: Schriften und Reden, 1951-1983<\/i>, hg. von Berthold Burkhardt, Braunschweig: Vieweg (1984 [1976]), S. 175–187.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"75","referencetext":"Frei Otto: »Bauen und Biologie«, in: ders.: Schriften und Reden, 1951-1983<\/i>, hg. von Berthold Burkhardt, Braunschweig: Vieweg (1984 [1976]), S. 175–187, hier S. 175.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"76","referencetext":"Frei Otto: »Bauen und Biologie«, in: ders.: Schriften und Reden, 1951-1983<\/i>, hg. von Berthold Burkhardt, Braunschweig: Vieweg (1984 [1976]), S. 175–187, hier S. 185.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"77","referencetext":"Wolf von Möllendorff: Lebendiges Bauen<\/i>, Tübingen: Ernst Wasmuth (1953), S. 79.
","referenceposition":"4"},{"referenceid":"78","referencetext":"Wolf von Möllendorff: Lebendiges Bauen<\/i>, Tübingen: Ernst Wasmuth (1953), S. 7.","referenceposition":"5"},{"referenceid":"79","referencetext":"Hans Sedlmayr: Stadt ohne Landschaft: Salzburgs Schicksal morgen?<\/i>, Salzburg: Otto Müller (1970), S. 24.","referenceposition":"6"},{"referenceid":"80","referencetext":"Hans Sedlmayr: Die demolierte Schönheit: Ein Aufruf zur Rettung der Altstadt Salzburgs<\/i>, Salzburg: Otto Müller (1965), S. 40.","referenceposition":"7"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"16","blog_listelementid":"76","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"36","replicheadline":"Bauen Wohnen Leben","replictext":"Baubiologie – oder besser »Bauen und Biologie«1<\/sup> – war auch in einem anderen Milieu das Thema der Stunde.
margin-left:15pt<\/a>\">»Das Verhältnis Biologie und Bauen drängt aufgrund realer, praktischer Notwendigkeit zur Klärung. Das Umweltproblem war noch nie so lebensbedrohend.«2<\/sup><\/div>Das forderte 1976 der Stuttgarter Architekt Frei Otto. Als Konstrukteur der Zeltdächer im Münchner Olympiapark 1972 gilt er als Pionier biomorpher Bauweisen und ist einer der einflussreichsten Architekturtheoretiker der Bundesrepublik. Mit seiner Forschergruppe »Bauen und Biologie« an der TU Berlin und seinem Institut für leichte Flächentragwerke an der TU Stuttgart suchte er in der Natur nach Inspiration für neue Bauformen.
margin-left:15pt<\/a>\">»Die Architekten fragen nach der für den Menschen besten, friedlichen, aber anregenden Umwelt. Sie wissen die Antwort nicht. Sie fragen jeden, der sich damit beschäftigt und besonders den Biologen. Die Kontakte zwischen Biologie und dem Bauen sind eine unabdingbare Forderung unserer Zeit.«3<\/sup><\/div>Die Probleme und Anliegen scheinen also ähnlich gelagert wie in der Baubiologie. Die Struktur von Gebäuden und Siedlungen waren genauso in der Kritik wie das Baumaterial, der Beton. Und all das ist nicht neu. Bereits 1953 formulierte der Berliner Architekt Wolf von Möllendorff:
margin-left:15pt<\/a>\">»Das durchaus natürliche Bedürfnis des Menschen nach Licht, Luft und Sonne, das nicht unwesentlich zu einer neuen Lebenseinstellung beigetragen hat, ist – so gesehen – zur Grundlage einer neuen, gleichsam biologischen Bauauffassung geworden.«4<\/sup><\/div>»Lebendiges Bauen« bedeutete für ihn drei aufeinander bezogene Gedankenkreise:
margin-left:15pt<\/a>\">»Grundgedanke des ersten Kreises ist die Natur; in ihm ist das Verhalten des Bauwerks zur Umwelt festgelegt. Der Gedankenablauf des zweiten Kreises wird durch das Leben bestimmt, das in dem Hause Gestalt annehmen soll. Im Mittelpunkt des dritten Gedankenkreises steht der Mensch, nicht als Maß aller Dinge, sondern als Maß der Dinge, die er für sich schafft.«5<\/sup><\/div>Das Gefühl, dass etwas aus den Fugen geraten ist im Verhältnis zwischen dem Menschen und seinen natürlichen und künstlichen Umwelten, stellte sich aber auch andernorts ein. Der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, der nach seiner Emeritierung in München an die neu gegründete Universität Salzburg gewechselt war, macht 1970 die Ursache für die Probleme und damit auch den Gegner deutlich: die Rationalität der wissenschaftlich-technischen Welt.
margin-left:15pt<\/a>\">»Schon diese ›façon de parler‹ ist ein Symptom dafür, daß man zur Natur nur mehr ein ›sterilisiertes‹ Verhältnis hat. Sie wird nur in ihrer abstrakten städtebaulichen Funktion gesehen –, allenfalls noch in ihrer hygienischen Funktion, aber schon nicht mehr in ihrer biologischen, als ›Biotop‹ , als ›Umwelt‹, und gar nicht in ihren anthropologischen, tief menschlichen Werten, deren wohltätige Wirkungen freilich nicht in Ziffern und durch Computer zu erfassen sind.«6<\/sup><\/div>Er schließt hier an den gleichen Topos an wie Herbert Marcuse in seinem One-Dimensional Man<\/i> (1964) [dt. Der eindimensionale Mensch, <\/i>1967]. Allerdings mit einem deutlich anderen ideologischen Unterbau als der kritische Theoretiker und seine Leser*innen in der Neuen Linke. Sedlmayr tritt bereits vorher als Kritiker der Kunst der Moderne in Erscheinung. Als Vorreiter des Denkmalsschutzes ist sein Ziel die Bewahrung des Bestehenden – im konkreten Fall der historischen Altstadt Salzburgs. Die Arbeiten Ottos und Möllendorffs stehen zwar für Aufbruch und Neugestaltung, als Figuren einer Gegenkultur taugen aber auch sie nicht. Was die drei – und vermutlich auch die Schweizer Baubiologie – verbindet, ist ihr Verständnis von Biologie: Leben, Umwelt und Organismus. Diese Lesart war vor dem Zweiten Weltkrieg selbst als neue Wissenschaft gegen die alte, erstarrte Hegemonie angetreten – gegen die Mechanik und den Darwinismus des 19. Jahrhunderts. Mit der Lebensphilosophie und der Lebensreform, die Möllendorff als Referenz aufruft, bestehen enge Beziehungen. Und überall steht der Mensch radikal im Zentrum. Wie Sedlmayrs abschließender Appell in seiner Salzburgstreitschrift zeigt, findet dank medialer Vermittlung auch eine Annährung von Lebens- und Bauforschung auf Ebene des politischen Aktivismus statt:
margin-left:15pt<\/a>\">»Liebhaber des alten Salzburg in allen Ländern der Erde, vereinigt euch! Man hat den Ruf vernommen: Serengeti darf nicht sterben! Auch das alte Salzburg darf nicht sterben! Laßt Eure Stimme hören, damit es sich aufrafft und sich selbst rettet, bevor es zu spät ist! RETTET SALZBURG!«7<\/sup><\/div>","replicauthor":"Christian Reiß, Regensburg","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Bauen_wohnen_replik_text.pdf","chaptername":"Beton","chapterid":"17","partid":"8","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"15","blog_title":"»Do Artefacts Have Politics?«","blog_date":"2020-07-29","blog_author":"Monika Dommann","blog_leadtext":"Eine Tota­le auf die Wohn­in­sel Weber­müh­le<\/i>. Ganz in Beton gebaut natür­lich. Ein Citroën (ZH 315 281) fährt aus der Tief­ga­ra­ge und erreicht über die Buchegg­stras­se und die vier­s­pu­ri­ge Rosen­gar­ten­stras­se die 1972 eröff­ne­te Hard­brü­cke...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"15","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"22","referencetext":"Christian Schocher, Reisender Krieger<\/i>, Schweiz (1981).","referenceposition":"1"},{"referenceid":"23","referencetext":"Videoladen, Züri brännt<\/i>, Schweiz (1980).","referenceposition":"2"},{"referenceid":"24","referencetext":"Langdon Winner: »Do Artefacts Have Politics?«, in: Daedalus<\/i> 109 (1980), S. 121–136.","referenceposition":"3"},{"referenceid":"25","referencetext":"Bernward Joerges: »Do Politics Have Artefacts?«, in: Social Studies of Science<\/i> 29 (1999), S. 411–431. ","referenceposition":"4"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"15","blog_listelementid":"75","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"23","replicheadline":"»Do Artefacts Have Politics?«","replictext":" Eine Totale auf die Wohninsel Webermühle<\/i>. Ganz in Beton gebaut natürlich. Ein Citroën (ZH 315 281) fährt aus der Tiefgarage und erreicht über die Bucheggstrasse und die vierspurige Rosengartenstrasse die 1972 eröffnete Hardbrücke. Die Autofahrt geht weiter zur Autobahnraststätte Würenlos (im Volksmund »Fressbalken« genannt). Ein Mann mit dem handelsüblichen Koffer eines Handelsreisenden betritt den Brutalismus-Bau, der 1972 an der A1\/A3 eröffnet wurde. Vorbei an einem Werbeplakat für den Graubündner Ferienort Arosa und den Leuchtschildern des Sännebueb-Ladens betritt der Handelsreisende nach einer Rolltreppenfahrt den Beauty Shop Ryf (For Hair, For Beauty, For Me). Er öffnet seinen Parfüm-Verkaufskoffer und präsentiert das Eau de Cologne Blue Dream aus der neuen Linie. »Nicht besonders«, lautet das Urteil der Verkäuferin, nachdem sie den Duft mit der Nase getestet hat. Dies ist der Anfang des Films Reisender Krieger<\/i> von Christian Schocher, 1979 gedreht und 1981 im Kino zu sehen.1<\/sup> Auch die Kamera in Züri brännt<\/i>2<\/sup> fährt zu Beginn des Films die Bucheggstrasse und Rosengartenstrasse herunter und nimmt Kurs auf die Hardbrücke. Spätestens seit Reisender Krieger<\/i> und Züri brännt <\/i>haben Schweizer Filmemacher*innen nicht mehr auf die Rosengartenstrasse und die Hardbrücke als Unterlage für Kamerafahrten durch Schweizer Stadtlandschaften verzichten wollen. »Do Artefacts Have Politics?« fragte der amerikanische Technikphilosoph Langdon Winner in seinem besonders im Feld der Social Studies of Technology und der Urban Studies vielzitierten gleichnamigen Aufsatz.3<\/sup> Die Brücken des New Yorker Stadtplaners Robert Moses seien aus rassistischen Motiven vorsätzlich niedrig gebaut worden, um den Bussen des öffentlichen Verkehrs (und damit auch der schwarzen Unterschicht) den Zugang in den Naturpark Jones Beach State Park zu verwehren. Auch wenn Bernward Joerges diese Geschichte später als eine Großstadtlegende dekonstruiert hat, hat sie viele Soziolog*innen, Historiker*innen, Ethnolog*innen und Städteforscher*innen zu Studien inspiriert, welche das Verhältnis von Bauten und Infrastrukturen zur Politik ins Zentrum gerückt haben.4<\/sup> Winners »Do Artefacts Have Politics?« hätte insofern auch gut in die Beton-Trouvaillen, die in cache<\/i> präsentiert werden, gepasst, weil er einen Schlüsseltext für die Zuwendung zur Erforschung der Materialkultur seit den 1980er Jahren darstellt. Als Zeitzeugin waren mir einige Dokumente durchaus noch in der Erinnerung präsent: Züri brännt<\/i> hatte ich im katholischen Gymnasium in der Innerschweiz gesehen. Weil Werner »Swiss« Schweizer (ein Gründungsmitglied des Videoladens) ein paar Jahre früher das Gymnasium absolviert hatte, durfte er uns den Film zeigen. Dass ich anschliessend mit einem Pater zwecks Verarbeitung des Gesehenen über den Film sprechen musste, lag weniger an der Fahrt über die Hardbrücke oder an den gewaltsamen Strassenkämpfen, sondern an der Nacktdemo am Limmatquai, welche auch männliche Geschlechtsorgane ins gepixelte Videobild zoomte. Beschämt erinnere ich mich auch an meine temporäre Schwärmerei für die Kunst und Architektur von Friedensreich Hundertwasser. Ein farbiger Hundertwasser-Kalender schmückte die Wand meines Teenager-Zimmers (etwa zur selben Zeit, als ich Züri brännt<\/i> gesehen habe). Im Rückblick ist es für mich unverständlich, dass die Bäume (Hundertwasser) und die Videosignale (<\/i>Züri brännt<\/i>)<\/i> 1981 nahtlos zusammenliefen. Die Fundstücke in cache<\/i> sind keine Überreste, sondern eine Auswahl. Ich sehe sie eher als eine Edition denn als ein Archiv. Da wurde nicht geordnet, sondern von den Autor*innen kuratiert. Im Zentrum steht die Betonkritik als Stilmittel, als Rhetorik, als Ästhetik und als Ausgangspunkt zur Erforschung alternativer Lebensformen. Diese Ablagen im Zwischenspeicher sollten nun allerdings nicht als Monumente der Vergangenheit verklärt werden, sondern als Ausgangspunkte für die Formulierung neuer Forschungsfragen dienen. Sie könnten auch als Lehrstücke für die gegenwärtige Politik zu Rate gezogen werden. Es wäre beispielsweise zu erforschen, unter welchen sozio-technischen Bedingungen der Beton mitsamt der Brutalismus-Architektur inzwischen eine Neubewertung erfahren hat. Die von dem Abbruch bedrohten Relikte der Betonarchitektur (in den 1980er Jahren noch eine Utopie) gelten nun als rettungswürdige Bauten. Diese Neubewertung manifestierte sich etwa in der Ausstellung SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!<\/i>, die 2018 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main gezeigt wurde. Oder auch im Rahmen der Facebookgruppe The Brutalism Appreciation Society<\/i>. Auch die Hardbrücke, umstritten wie die Brücken des Robert Moses und Unterlage für so viele Kamerafahrten im Schweizer Film, ist inzwischen in ein neues Licht gerückt worden. Sie wird im Rahmen des Zürcher Plan Lumière<\/i> nun Nacht für Nacht mit Hochleistungs-LED beleuchtet. Die Rosengartenstrasse wird auch in Zukunft weiterhin für Kamerafahrten mit Blick auf die Stadt zur Verfügung stehen. Denn ein milliardenteures Projekt für einen Tunnel zur Überdeckung der vierspurigen Rosengartenstrasse ist von den Stimmbürger*innen des Kantons Zürich im Februar 2020 an der Urne abgelehnt worden. Den Steuerzahler*innen in den bürgerlichen Kantonsgemeinden war das Projekt wohl zu teuer. Und für die Stadtzürcher*innen war es ein Relikt einer bereits in den 1970er Jahren fehlgeleiteten Stadtplanung auf Grundlage des Automobilismus. Ob sie von der Bewegung 1980 agitatorisch ausgeschlachtet wurde oder heute für eine coole Urbanität ins rechte Licht gerückt wird: Es steckt tatsächlich ziemlich viel Politik in Artefakten wie der Hardbrücke und der Rosengartenstrasse.","replicauthor":"Monika Dommann, Zürich","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Dommann_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Beton","chapterid":"17","partid":"8","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"14","blog_title":"Workshops zu cache 01","blog_date":"2020-07-28","blog_author":"","blog_leadtext":"","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"14","blog_tagname":"Veranstaltungen","blog_tagid":"10"}],"language":"DE","referencelist":[],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"14","blog_listelementid":"74","blog_listtype":"1","blog_listposition":"0","data":[{"blog_texttext":"Nachdem wir unsere für Mai geplanten Veranstaltungen Corona-bedingt absagen mussten, planen wir eine Reihe von kleineren Workshops rund um cache 01 für den Oktober. Weitere Infos bald hier."}]}]},{"blog_dataid":"12","blog_title":"Denken auf der Datenbank","blog_date":"2020-07-27","blog_author":"Anna Echterhölter","blog_leadtext":"Der Wind fegt Pla­ta­nen­blät­ter über die abküh­l­en­den Trot­toirs. In einem Vor­ort von Bar­ce­lo­na kämp­fen Kli­ma­an­la­gen um die Luft in einem Foy­er aus Glas­flächen und Sand­stein. Durch die Wei­te der Hal­le krei­sen die Wer­be­mit­tel und die Men­schen­trau­ben einer inter­na­tio­na­len Fach­ta­gung. Alte und neue Medi­en kom­men dabei tau­send­fach zum Ein­satz...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"12","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"69","referencetext":"Wendy Nelson Espeland, Michael Sauder: »Rankings and Reactivity: How Public Measures Recreate Social Worlds«, in: American Journal of Sociology<\/i> 113\/1 (2007), S. 1–40; Ruth Müller, Sarah de Rijcke: »Thinking with Indicators: Exploring the Epistemic Impacts of Academic Performance Indicators in the Life Sciences«, in: Research Evaluation<\/i> 26\/3 (2017), S. 157–168; Frank Pasquale: The Black Box Society: The Secret Algorithmsthat Control Money and Information<\/i>, Cambridge\/MA: Harvard University Press (2015).
","referenceposition":"1"},{"referenceid":"70","referencetext":"Yehuda Elkana: »A Programmatic Attempt at an Anthropology of Knowledge«, in: Everett Mendelsohn, Yehuda Elkana: Sciences and Cultures<\/i>, Dordrecht: Reidel (1981), S. 1–76. Deutsch: Yehuda Elkana: »Anthropologieder Erkenntnis: Ein programmatischer Versuch«, in: ders.: Anthropologie der Erkenntnis: Die Entwicklung desWissens als episches Theater einer listigen Vernunft<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1986 [1981]), S. 11–125.
","referenceposition":"2"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"12","blog_listelementid":"72","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"24","replicheadline":"Denken auf der Datenbank","replictext":"Der Wind fegt Platanenblätter über die abkühlenden Trottoirs. In einem Vorort von Barcelona kämpfen Klimaanlagen um die Luft in einem Foyer aus Glasflächen und Sandstein. Durch die Weite der Halle kreisen die Werbemittel und die Menschentrauben einer internationalen Fachtagung. Alte und neue Medien kommen dabei tausendfach zum Einsatz.
»Wessen Medien?«, fragt man sich unwillkürlich nach der Lektüre der Dokumentation Kanäle<\/i>. Das Gegenwissen tritt nicht ausschließlich als neues Sachgebiet auf, sondern dieses belebt sich in und mit den angeeigneten Kommunikationsformen – ihren technischen und ästhetischen Möglichkeiten sowie den sozialen Bedingungen der Kommunikationsarbeit. Piratensender müssen umgebaut, Zeitschriften nächtelang mit Papier und Schere layoutet werden.
Inzwischen haben sich die akademischen Medien, um deren Umformulierung es ginge, teilweise geändert. Am Rand des Foyers halten sich drei Verlagsrepräsentanzen. Die Publikationen fangen möglichst schnell vertwitterte Papiere auf: sieben Tage vor der Konferenz, 60 Minuten vor dem Panel: Nicht erst während des Verlesens ist der Aufsatz zum Download bereit, ein Nachflickern; ein Punkt in der Literaturliste; eine Ethik des Volumens. Denn die Datenbank, die die Einträge auf der Homepage steuert, ist zugleich Grundlage der Mittelzuweisungen der Fakultäten und Bildungsministerien. Paradoxerweise muss dieser Parcours immer schneller bedient werden, damit die nächste Generation lesend studieren kann. Die neuesten akademischen Informationsformate quantifizieren fast lautlos im Hintergrund. Sie stiften keine diskursiven Öffentlichkeiten mehr, aber dafür umso massivere Verhältnisketten.
Zum Verlagssekt zirkulieren auch langlebige Vermittlungsformate und alte Medien: Mitten im Projektstakkato halten Visitenkarten die Stellung. Auf einer ist der Impact-Faktor eines Journals weit größer und farbiger abgedruckt, als der Namen des Herausgebers. Ein unwiderstehlicher Distinktionsfaktor: Je schwärzer die Box ist, die die Beurteilungskriterien enthält, desto williger das forscherliche goal displacement<\/i>. Allenthalben macht sich ein statistischer Epitext bemerkbar. Zahlen und Quotienten, obschon von den meisten Beteiligten missbilligend beäugt, unterlaufen die Bilder der Wissenschaft und lassen sie vor aller Augen verblassen.
Die neuesten akademischen Kanäle wirken opak und anti-intellektuell. Sie laden nicht unbedingt zum Selbermachen ein. Aber hätte sich dies nicht auch vom Radio sagen lassen, bevor die Wellenhexen aktiv wurden? Wie schafft man eine demokratische Öffentlichkeit für Ranking- und Klassifikationsprinzipien und wie sähe der »Peter Lustig« voreingenommener Algorithmen aus?1<\/sup> Schlimmer noch: Nicht nur wird die Reappropriation erschwert, sie wird auch um ihren Nimbus gebracht. Die Dokumentation Kanäle<\/i> zieht jedem den Zahn, der noch in manichäischen Reflexen urteilt und im Außen, Unten oder Gegen schon per se<\/i> einen Wert vermutet. Denn es wird miterzählt, wie die Medien auch von rechten Strateg*innen jederzeit instrumentalisiert wurden. Aber fällt das auf den Wissenstypus der Zeitschrift Wechselwirkung<\/i> zurück?
Nicht zwingend, wenn man ein Kriterium hervorhebt, das in allen Dokumenten mitschwingt: Die gesellschaftspolitische Eingebundenheit und Zielstrebigkeit dieses Wissens. Was die Laienexpert*innen der 1980er Jahre erzeugt haben, ist als umweltwissenschaftliches Fachwissen nicht ausreichend umschrieben. Es wechselt den Ort und geht Allianzen mit dem politischen Aktivismus ein – bis hin zur Sabotage der Kopfarbeit (in der Atomindustrie). Diese Parteilichkeit lässt sich nicht aus der bloßen Eroberung von Formaten herleiten. Das Wissen der Laienexpert*innen entstand im Zeichen eines Anliegens – ein Sachverhalt, der selten Eingang in epistemologische Modelle gefunden hat.
Wer allerdings eine Rolle der Gesellschaftsentwürfe in der Wissensproduktion vorsieht, ist Yehuda Elkana. Bevor er als Rektor der Central European University damals in Budapest antrat, lancierte Elkana 1981 den Essay »A Programmatic Attempt at an Anthropology of Knowledge«.2<\/sup> Als Wissenschaftshistoriker und -philosoph entwickelt er darin ein stratifiziertes Wissensmodell, in dem die oberste Direktionsebene mit images of knowledge<\/i> angesprochen wird. Durch diese Kategorie versucht Elkana, die oftmals uneingestandene Liaison von Programmatik und Wissen ethnographisch zu fassen. Diese Wissensvorstellungen sind sozial determiniert. Sie beeinflussen die Wahl der Evidenzproduktionsmittel (<\/i>sources of knowledge)<\/i> – etwa logische Folgerung, Sinneseindrücke oder Offenbarung. Sie bestimmen dadurch mittelbar den Wissenskorpus (<\/i>body of knowledge)<\/i> – etwa die Verfahren, stabilen Theoreme und Wissensbestände. Images of knowledge<\/i> fallen im Globalen Süden anders aus als in vergangenen Zeiträumen, sie existieren für ganze Diasporen, konkurrierende »totale Weltsichten«, kleine Überzeugungsgemeinschaften oder altehrwürdige Disziplinen. Sie vermitteln soziale Normen und gesellschaftliche Forderungen lokalspezifisch mit der wissenschaftlichen Methode, weshalb Elkana sie als die gesuchten Brücken zwischen Wissensproduktion und Gesellschaftsstruktur anspricht.
Bei den naturkundlichen Kritiker*innen, Feminist*innen und Laienexpert*innen der vorangehenden Passagen geben nicht ausschließlich die Kanäle oder Ausbildungslevel der Wissensakteur*innen den Ausschlag. Die Qualitätsmerkmale des Gegenwissens – Universitätsferne und Medienbricolage – sollten um ein drittes ergänzt werden. Das Besondere an den vorgeführten Wissenspraktiken ist ihre Verpflichtung auf die images of knowledge<\/i>. Den sozialen Entwürfen, in die die Wissensproduktion eingelassen ist, wird offen Tribut gezollt und explizit Raum gegeben, anstatt diese Motivationen nur als klandestines Rumoren zuzulassen. Als letzte von den Materialien aufgeworfene Frage steht insofern ein nicht-speziesisches »Für wen?« im Raum.
","replicauthor":"Anna Echterhölter, Wien","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Echterhoelter_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Kanäle","chapterid":"8","partid":"5","bookid":"1","language":"DE"}]}]},{"blog_dataid":"13","blog_title":"Durchlässige Kanäle","blog_date":"2020-07-26","blog_author":"Sven Reichardt","blog_leadtext":"Medi­en waren stets die zen­tra­len Beg­lei­ter von Pro­test und sozia­len Bewe­gun­gen. Denn sch­ließ­lich wur­den durch ihre Berich­t­er­stat­tung die Pro­tes­te erst all­ge­mein sicht­bar. Ob nun als Kri­tik oder Unter­stüt­zung des Pro­tes­tes – sie mul­ti­p­li­zier­ten das Pro­test­ge­sche­hen und wirk­ten wie ein Ver­grö­ße­rungs­glas...","blog_official":"1","blog_heroimage":"","blog_titleheight":"0","blog_pdf":"","blog_taglist":[{"blog_dataid":"13","blog_tagname":"Gegen|Wissen","blog_tagid":"12"}],"language":"DE","referencelist":[{"referenceid":"142","referencetext":"»Editorial« (o.V.), in: Pflasterstrand<\/i> 0 (1976), S. 2.","referenceposition":"1"},{"referenceid":"143","referencetext":"Wolfgang Kraushaar: »1968 und Massenmedien«, in: Archiv für Sozialgeschichte<\/i> 41 (2000), S. 317–347.","referenceposition":"2"},{"referenceid":"144","referencetext":"Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer (1985), S. 113. Vgl. auch ebd. den Abschnitt »Kulturindustrie: Aufklärung als Massenbetrug«, S. 141–191; Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft<\/i>, Neuwied, Berlin: Luchterhand (1962); Hans Magnus Enzensberger: »Bewußtseins-Industrie«, in: ders.: Einzelheiten I<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1962), S. 7–15; Hans Magnus Enzensberger: »Baukasten zur einer Theorie der Medien«, in: Kursbuch<\/i> 20 (1970), S. 159–186. ","referenceposition":"3"},{"referenceid":"145","referencetext":"Oskar Negt, Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung: Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit<\/i>, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1972). ","referenceposition":"4"},{"referenceid":"146","referencetext":"Vgl. zu diesem Abschnitt insgesamt Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft: Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren<\/i>, Berlin: Suhrkamp (2014, 2. Aufl.), S. 223–315; für den Buchhandel: Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf: Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren<\/i>, Göttingen: Wallstein (2016) (= Geschichte der Gegenwart, Bd. 11); zu den Videogruppen: Hans-Michael Bock, Jan Distelmeyer, Jörg Schöning (Hg.): Protest – Film – Bewegung: Neue Wege im Dokumentarischen. Ein Cinegraph Buch<\/i>, München: edition text kritik (2015); zu den Radios: Karlheinz Krieger, Ursi Kollert, Markus Barnay: Zum Beispiel Radio Dreyeckland: Wie Freies Radio gemacht wird. Geschichte, Praxis, Politischer Kampf<\/i>, Freiburg: Dreisam (1987).","referenceposition":"5"},{"referenceid":"147","referencetext":" Zur Typologiebildung: Hadayatullah Hübsch: Alternative Öffentlichkeit: Freiräume der Information und Kommunikation<\/i>, Frankfurt am Main: Fischer (1980); Kurt Weichler: Die anderen Medien:<\/i> Theorie und Praxis alternativer Kommunikation<\/i>, Berlin: Vistas (1987); Hermann Rösch-Sondermann: Bibliographie der lokalen Alternativpresse: Vom Volksblatt zum Stadtmagazin<\/i>, München: Saur (1988); Karl-Heinz Stamm: Alternative Öffentlichkeit: Die Erfahrungsproduktion neuer sozialer Bewegungen<\/i>, Frankfurt am Main, New York: Campus (1988); Nadja Büteführ: Zwischen Anspruch und Kommerz: Lokale Alternativpresse 1970–1993. Systematische Herleitung und empirische Überprüfung<\/i>, Münster, New York: Waxmann (1995).","referenceposition":"6"},{"referenceid":"148","referencetext":"Vgl. dazu Sven Reichardt: Appelle an das Wir: Gemeinschaftsimaginationen in linksalternativen Medien der 1970er Jahre<\/i>, in: Anne Ganzert, Philip Hauser, Isabell Otto (Hg.): Following: Ein Kompendium zu Medien und Gefolgschaft und Prozessen des Folgens<\/i>, Berlin: De Gruyter (2020). ","referenceposition":"7"}],"blog_heroimageWidth":0,"blog_list":[{"blog_dataid":"13","blog_listelementid":"73","blog_listtype":"10","blog_listposition":"0","data":[{"replicid":"49","replicheadline":"Durchlässige Kanäle","replictext":"»Alternative Projekte, Zentren, Werkstätten, Läden, Gesundheitsgruppen können nur existieren, wenn sie in einer öffentlichen Struktur eingebettet sind«, schrieb die Redaktion des Frankfurter Pflasterstrands<\/i> in seiner allerersten Ausgabe von 1976.1<\/sup> Gegenöffentlichkeit und Gegenexpertise, das zeigt diese Collage zu den »Kanälen«, verstanden sich als zwei Seiten derselben Medaille – als Gesellschaftskritik und als Sichtbarmachung »unterdrückter Nachrichten«.
Medien waren stets die zentralen Begleiter von Protest und sozialen Bewegungen. Denn schließlich wurden durch ihre Berichterstattung die Proteste erst allgemein sichtbar. Ob nun als Kritik oder Unterstützung des Protestes – sie multiplizierten das Protestgeschehen und wirkten wie ein Vergrößerungsglas. Und eben dadurch gaben sie den Aktivist*innen Mut. Oder verstärkten ihre Wut. Das galt natürlich auch für die Studentenunruhen von 1967\/68. Medien waren integraler Bestandteil des Protestgeschehens – sei es in Form der Proteste gegen die Bild<\/i>-Zeitung oder gegen die »Meinungsmanipulation« des medialen »Establishments«; sei es in Form der Gegenöffentlichkeit zahlloser Flugblätter.2<\/sup>
Ein intensiver Reflexionsprozess der Neuen Linken ging den Protesten voraus. Neben der Rezeption der Exilschriften der Frankfurter Schule und ihrer Kritik an der »Kulturindustrie« wirkte Jürgen Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit<\/i> (1962) ebenso wie Hans Magnus Enzensbergers Überlegungen zur »Bewußtseins-Industrie« (1962) dynamisierend auf die Protestierenden ein.3<\/sup> Oskar Negts und Alexander Kluges Öffentlichkeit und Erfahrung<\/i> (1972) spielte dann eine bedeutende Rolle für die Analyse des »repressiven Mediengebrauchs«, der einen von Spezialist*innen und Expert*innen in Gang gesetzten Entpolitisierungsprozess nach sich ziehe – mit dem Ergebnis passiver, isolierter und immobilisierter Konsument*innen.4 <\/sup>
Im Laufe den 1970er Jahren bildete sich eine stabile mediale Infrastruktur »alternativer Öffentlichkeit« gegen die etablierten Medien aus. Kleine alternative Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlage, freie Radios und Videogruppen gründeten sich, die der Sichtbarmachung, Stabilisierung und Mobilisierung der linken Szene dienten und das Potential zur subkulturellen Bündelung, Synchronisation und Homogenisierung des alternativen Milieus hatten.5<\/sup>
Nehmen wir exemplarisch nur den Kanal der Presse in den Blick, so waren die meisten alternativen Zeitungen und Zeitschriften regional eingebunden und auf bestimmte Leser*innenschichten, politische Gruppierungen und soziale Milieus fixiert. Erst der in Frankfurt angesiedelte Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten<\/i> fungierte seit 1973 als bundesweite linke Nachrichtenagentur. Ab 1979 wurde er dann schrittweise von der Berliner taz<\/i> abgelöst.
Es ging in diesem Kanal der »Bewegungsmedien« darum, Fakten, Einschätzungen und Richtigstellungen zu veröffentlichen, die in der »bürgerlichen Presse« verschwiegen wurden. Die Alternativmedien vermieden es, sich in den Dienst von Parteien oder formellen Organisationen zu stellen und lehnten die Anbindung an etablierte Institutionen ab. Sie verorteten sich im Umfeld der Neuen Sozialen Bewegungen und wollten explizit Kommunikation mit politischen Aktionen verbinden. Damit war der Anspruch aufgerufen, einen wechselseitigen Kommunikationsprozess zwischen den Sender*innen und Rezipient*innen in Gang zu bringen. Dieses Bemühen um wechselseitige Kommunikation mit der Leserschaft stand im Kontext eines Strebens nach Partizipation und »Selbstverwirklichung« der Szene, weshalb redaktionelle Eingriffe in die zugesandten Artikel verpönt waren und die Leser*innen am Zeitungsinnenleben durch ihre Teilnahme an den offenen Redaktionssitzungen mitgestalten konnten. Laienjournalismus und Betroffenenberichterstattung nach dem Leserzeitungsprinzip bezeichneten das Credo dieser durchlässigen Medien. Dabei sollten die internen redaktionellen Arbeits- und Entscheidungsprozesse transparent, basisdemokratisch und ohne formelle hierarchische Strukturen gestaltet sein. Entscheidungen wurden nicht durch Abstimmungen, sondern im gemeinschaftlichen Konsensprinzip gefunden. Schließlich ging es darum, die Arbeit nicht am kommerziellen Erfolg, sondern nach dem Kostendeckungsprinzip auszurichten. Kommerzielle Abhängigkeiten galt es zu vermeiden. Das »Lustprinzip« sollte dem verpönten kapitalistischen Leistungsprinzip vorgelagert sein. Kreativität, Spontaneität und Improvisation in der laienhaften Gestaltung waren Ausdruck des eigenen Selbstverständnisses.6<\/sup>
Die alternativen Medien wirkten insgesamt wie ein Schwarzes Brett vermittelnd und koordinierend auf die Etablierung und Stabilisierung des linken Milieus ein. Ihre Informationen machten eine Infrastruktur sichtbar, die dem Alternativmilieu seine innere Stabilität verlieh. Alternativmedien entfalteten dadurch eine gouvernementale Macht, erzeugten Gemeinschaftlichkeit und Exklusivität. So schufen sie eine Gefolgschaft, die in einer Form von Selbstregierung wichtige Normierungsfunktionen übernahm.7<\/sup> Wie diese Collage mit vielen Beispielen verdeutlicht, ging das solange gut, bis die »Mainstream-Medien« in den achtziger Jahren Form und Zielsetzungen der Gegenöffentlichkeit übernahmen. Diese Durchlässigkeit verwässerte die politischen Ziele und führte zugleich zur Auflösung des Milieus.
","replicauthor":"Sven Reichardt, Konstanz","replicpdf":"https:\/\/cache.ch\/pdf\/Replik_Reichardt_GegenWissen_2020.pdf","chaptername":"Kanäle","chapterid":"8","partid":"5","bookid":"1","language":"DE"}]}]}],"blog_taglist":[{"blog_tagid":"10","blog_tagname":"Veranstaltungen"},{"blog_tagid":"12","blog_tagname":"Gegen|Wissen"},{"blog_tagid":"17","blog_tagname":"Ware Reinheit"},{"blog_tagid":"18","blog_tagname":"Open Access"},{"blog_tagid":"19","blog_tagname":"Entropie"},{"blog_tagid":"21","blog_tagname":"Diplomatie in Gesellschaft"}],"blog_text":"cache wächst weiter: Hier veröffentlichen wir Repliken (Kommentare und Assoziationen von Forscher*innen zu bereits publizierten cache-Kapiteln), zusätzliches Material, das an cache-Inhalte anknüpft, und Hinweise auf kommende Veranstaltungen.

cache continues to grow: You can find responses (researchers' comments and associations to previously published chapters), additional material, and notices of upcoming events here.
"}}